Metronomy
Audio: rbb | 25.10.2019 | Steen Lorenzen | Bild: dpa/KEYSTONE

Konzertkritik | Metronomy in der Columbiahalle - Synthies bewegt und Beine gemacht

"Metronomy Forever" heißt das neue Album der britischen Band um Joseph Mount. Für immer? Mal so gesagt: Für den Moment gehört Metronomy zur ersten Liga der modernen Synthiepop-Generation - mit exaktem Beat und tollkühnen Melodien. Von Steen Lorenzen

Gut möglich, dass viele der jungen Menschen, die an diesem Donnerstagabend Metronomy entgegenfiebern, sich auf der anderen Seite der Nacht zur Vorlesung schleppen müssen - die Band aus dem feierfreudigen Brighton in England wird darauf keine Rücksicht nehmen. Es gibt nur einen kurzen Augenblick, der nicht zum Tanzen einlädt: als das britische Quintett zu einem seichten Intro in der gut gefüllten Berliner Columbiahalle auf die Bühne geht.

Spreefahrt mit Duran Duran?

Für eine Band, die ausgesprochen einfallsreiche Videos gedreht hat, gern mit liebevoll animierten Momenten und skurrilen Fantasiekreaturen, ist das Erscheinungsbild von Metronomy allerdings geradezu nüchtern. Die Band platziert sich vor einem riesigen schwarzen Tuch, am Schlagzeug thront Anna Prior, die zwei seitlich aufgebauten Tastenmänner, Bassist Olugbenga Adelekan und Sänger Joseph Mount sind nur spärlich ausgeleuchtet. Die Bandmitglieder treten ganz in weiß oder hellblau auf - im Freizeitlook, als wären Sie vor dem Konzert noch schnell mit der Band Duran Duran gemeinsam auf Spreefahrt gewesen, auf einer Yacht versteht sich.

Schnittige Gitarre und knackiger Bass

Musikalisch gibt es allerdings kaum Schnittmengen mit dem blasierten Synthiepop der 1980er Jahre. Metronomy spielen vielmehr alle Möglichkeiten zwischen Laptop-Produktion und Rock im Garagenformat durch - und das mit viel Verve, tollkühnen Melodien und einer britischen Prise Humor.

Gleich mit den ersten Songs wird der notorische, exakte Beat dieser Band (der Name Metronomy ist Programm) angeworfen, Sänger Joseph Mount spielt eine schnittige Gitarre, mal zuckend wie in einer Funkband, mal rotzig wie ein College-Musiker. Und der knackige, unwiderstehliche Bass sorgt für ein gutes Bauchgefühl vom ersten bis zum letzten Moment.

Glorreiches Synthie-Duett

Was aber diese Band eigentlich unterscheidet von den vielen Indie-Synthie-Bands dieses Jahrtausends, sind die zwei genialen rechts- und linksaußen platzierten Keyboarder. Für schmalziges Füllmaterial und Wohlfühl-Teppiche sind Oscar Cash und Michael Lovett nicht zu haben. Stattdessen mischen sie sich immer wieder mit lautstarken Breitseiten ein und mit noch genialeren Melodien, die das Publikum im Chor mitsingt.

Instrumentaltracks, die Metronomy auf ihrem neuen Album eher als tagträumerischen Effekt einsetzen, werden beim Konzert zu mitreißenden Indie-Disco-Momenten. Das Konzert kulminiert mit einem Synthesizer-Duett, bei dem zur großen Überraschung des Publikums, die Keyboarder sich mit ihren mobilen "Keyburgen" aufeinander zubewegen, während sie sich wechselseitig ein "Oh" und dann ein "Yeah" zurufen.

Sprunghafte, einfallsreiche Stilwechsel

Seit in den Nullerjahren Genre-Grenzen in der Popmusik an Bedeutung verloren haben, sind sprunghafte Stilwechsel, wie Metronomy sie beherrschen, längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Doch mit welchem Einfallsreichtum Splitter aus Nirvana-, Blur-, Prince-, New Order- und sogar Lipps-Inc.-Songs hier zu etwas Neuem werden, ist schon beeindruckend.

Mastermind Joseph Mount, 37 und zweifacher Vater, hat das aktuelle Album "Metronomy Forever", das sechste Album der Band, im Alleingang irgendwo auf einem Landsitz zusammengeschraubt: ein Album, das mit keiner Zeile den Brexit oder die klimapolitische Lage des blauen Planeten streift, stattdessen beharrlich an popmusikalisch längst durchbuchstabierten Liebes- und Leidgeschichten festhält.

Demnächst muss die Band dann mal überlegen, wie sie mit diesen Themen altern will. Doch vorerst reicht es völlig, den im Schnitt zehn bis 15 Jahre jüngeren Fans Beine zu machen. Sollen die doch sehen, wie sie auf der anderen Seite der Nacht den Weg zur nächsten Vorlesung schaffen.

Sendung: Inforadio, 25.10.2019, 06.00 Uhr

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