Niels Frevert beim Musikfestival Heimspiel Knyphausen im Juli 2019
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Konzertkritik | Niels Frevert im Heimathafen Neukölln - Der in der Musik nach seinem Innersten sucht

Vor allem eins brauchte man bei Niels Frevert zuletzt – Geduld. Nach fünf Jahren ist der Kritikerliebling mit dem druckfrischen Album "Putzlicht" wieder auf Deutschlandtour. In Berlin überzeugte er vor allem mit seinem Sound, findet Dave Rossel.

Prasselnder Regen führt einen an diesem Freitagabend in den Saal im Neuköllner Heimathafen. Warmes Licht spült in den Konzertraum mit Theater-Ambiente und Dielenboden. Während Bigband-Jazz im Hintergrund läuft, wartet das Publikum auf die nachdenklichen Worte des Hamburger Liedermachers, der 2014 das letzte Mal im Heimathafen Halt machte. Die Menschen lassen sich irgendwo zwischen Tomte-Vollblutfan und Neukölln-Studi einordnen.

Es fällt schwer, sich ein passenderes Szenario für ein Niels-Frevert-Konzert auszumalen.

Ein Einstieg, der auf sich warten lässt

Für Stimmung sorgt zu Beginn die Vorband CATT um Multi-Instrumentalistin Catharina Schorling. Klavierstücke mit klassischer Pop-Struktur verbindet sie mit Live-Loops, die Elemente des R'n'B und Indie aufgreifen. Wie sie früh verrät, war sie als Posaunistin am neuen Frevert-Album beteiligt und ist daher als Vorband mit auf Tour.

Zwar sichert sich CATT durch ihre glasklare Stimme und dem gekonnten Einsatz von Trompete und Posaune einige Zustimmung aus dem Publikum, so richtig will der Funke jedoch nicht überspringen. Das mag wohl auch daran liegen, dass CATT in ihrem Konzert kaum Dramaturgie besitzt und beständig das eine träumerisch-melancholische Gefühl bedient.

Auseinandersetzung mit eigenen Hürden und Zweifeln

Als Niels Frevert schließlich mit seiner Band auf die Bühne schlendert, scheint die Atmosphäre des Abends dann doch wieder wie gemacht für den Liedermacher aus Hamburg: erwartungsvoll, geladen und trotzdem innig. Kurz das Publikum mit einem "Berlin!" begrüßt und schon führt Niels Frevert mit "Leguane" in sein neues Album "Putzlicht" ein. Es ist eine äußerst persönliche Platte, in der er sich nach langer Schaffenskrise mit seinen Hürden und Zweifeln auseinandersetzt.

Je mehr Frevert an diesem Abend von seinem neuen Album preisgibt, desto mehr hat man das Gefühl, es mit einem Musiker zu tun zu haben, der gar nicht anders kann als in der Musik nach seinem Innersten zu suchen. Dabei wirkt er dem, trotz langjähriger Erfahrung, fast schon ein bisschen ausgeliefert.

Zurückhaltend tippt Frevert im Rampenlicht vor und zurück, um es gern auch mal abzugeben. Entweder an den solierenden Gitarristen, oder CATT, als sie für ihren Part als Posaunistin mit auf die Bühne springt. Hier und da posiert Frevert dann doch vor dem Publikum - bei einem eindringlichen Moment oder einem ausklingenden Akkord. Man würde eine Rockstar-Pose vermuten, wenn sein Blick, der erst durch das Publikum wandert, nicht allzu schnell den Boden vor seinen Füßen fände. Dadurch wirkt der als Geheimtipp gepriesene Liedermacher jedoch weniger unsicher und verängstigt als nahbar und authentisch.

Ein Abschluss, der belohnt wird

In Erinnerung bleibt an diesem Konzertabend auch der Sound um Niels Freverts Band. Bestückt mit erfahrenen Musikern an Gitarre, Bass, Schlagzeug und E-Piano, breitet sich ein warmer, ausgeglichener und satter Rock-Sound im Heimathafen aus. Während sich der Hamburger mittlerweile durch seine letzten drei Alben spielt, kann man auch in viele zufriedene Gesichter blicken. Die meisten stehen lächelnd da, oder wippen leicht im Takt und lassen sich in die Metaphernwelt von Niels Frevert einsaugen.

Auffällig ist, dass die Live-Versionen der Titel eine ganze Ecke härter klingen, als auf den Alben. Doch das steht ihnen gut und wird von dem Publikum nicht nur mit fulminantem Applaus, sondern auch zwei Zugabe-Aufforderungen belohnt. Da lässt sich sogar der überaus wortkarge Niels Frevert noch zu einem Kommentar hinreißen, wenn er sagt: "Es war wirklich ein großartiger Abend mit euch. Das kann ich euch jetzt schon sagen, nicht erst morgen auf Instagram oder so."

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