Frédéric Brossier (r) als Rio Reiser und Frederic Böhle als „Nikkel" Pallat treten am 04.10.2019 bei der Fotoprobe des Musiktheaterstücks "Rio Reiser - Mein Name ist Mensch" in der Komödie im Schiller Theater auf. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Audio: Inforadio | 07.10.2019 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Christoph Soeder

Konzertkritik | Musical über Rio Reiser - Aus der Seele gesungen

Der Sänger Rio Reiser war nicht nur Frontmann von "Ton Steine Scherben" sondern wurde auch mit seinem Lied "König von Deutschland" bekannt. Das Schillertheater bringt nun sein Leben als Musical auf die Bühne - ohne Pathos und sehr modern. Von Hans Ackermann

"Wir müssen hier raus!" singen Ton Steine Scherben zu Beginn des Musicals
"Rio Reiser - mein Name ist Mensch", das am Sonntag im Berliner Schillertheater uraufgeführt worden ist. Bloß nicht so spießig werden, wie die Eltern - dieser Wunsch durchzieht viele Lieder der Band. Rio Reiser komponierte Anfang der 1970er Jahre als Frontmann von Ton Steine Scherben mit "Keine Macht für Niemand" eine Hymne der Berliner Hausbesetzer-Szene.

Frédéric Brossier als Rio Reiser präsentiert gerade diese frühen Songs ganz und gar überzeugend. Unterstützt von einer richtig guten Bühnen-Band, die gar nicht erst versucht, den recht klapprigen Original-Sound der Scherben zu imitieren.

Äußerst versierte Tonregie

Stattdessen hört man die Lieder in einem druckvollen, modernen Sound. Als würde sich eine Rockband unserer Zeit die scheinbar betagten, in Wirklichkeit höchst aktuellen Lieder für ein Konzert am Rande eine "Fridays for Future" - Demo ausgesucht haben - etwa das zeitlose Titelstück "Mein Name ist Mensch". Die Musik strahlt dabei beispiellos gut in den Saal - Folge einer äußerst versierten Tonregie.

Rio Reiser verfasste politische Texte mit klaren Botschaften, arbeitete sich gleichzeitig aber auch an vielen persönlichen Themen künstlerisch ab. Sicher auch an seiner damals nicht öffentlich lebbaren Homosexualität. So sieht man im Stück sogar eine verdutzt dreinblickende Marianne Rosenberg, als Rio vor ihren Augen einen Mann auf den Mund küsst.

Mit dem Erfolg kamen Selbstzweifel und Anfeindungen

Immer wieder verzahnt Regisseur Frank Leo Schröder gekonnt Musik und Schauspiel - was bei seinem jungen, talentierten und spielwütigen Ensemble an diesem Abend eine Höchstleistung zur Folge hat. Etwa beim Lied "Alles Lüge". Eine Meute von Reportern umschwirrt dabei den mittlerweile solistisch auftretenden "König von Deutschland".

Mit diesem kommerziellen Erfolg wurde Reiser 1986 schlagartig seine Geldsorgen los, musste im Gegenzug aber künstlerische Selbstzweifel und Anfeindungen früher Freunde aushalten. Details aus dem Privatleben wollen die Reporter in dieser Szene wissen, andere löchern Rio mit lästigen Fragen zu seinem Eintritt in die PDS.

Die vielen Probleme und Zweifel, Widersprüche und Sorgen machen den Sänger am Ende krank. Schließlich teilt ihm die Ärztin "zuerst die gute Nachricht" mit: er habe kein AIDS. Dann folgt die schlechte: Seine Leber ist fast kaputt. Frédéric Brossier schiebt sein Krankenhausbett von der Bühne und singt den "Junimond" dann wenig später auch schon von einer Wolke herab - Rio Reiser ist tot, lebt aber musikalisch weiter.

Die chronologisch erzählende Aufführung hat viele solcher bewegender Momente. Gestaltet ohne Pathos, was sicher auch ein Verdienst von Gert Möbius ist, Rio Reisers älterer Bruder, der an diesen gelungenen Schauspielmusical mitgeschrieben hat. Beim tosenden Schlussapplaus steht der 75 Jahre alte Autor mit auf der Bühne. Sichtlich berührt, wie alle an diesem Abend, der mit dem schönsten aller Rio-Reiser-Lieder zu Ende geht: "Für immer und Dich".

Sendung: Inforadio, 07.10.2019, 07.50 Uhr

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5 Kommentare

  1. 4.

    Ich bin einfach nur traurig, dass ich das Musical weder in Potsdam sehen konnte und es jetzt wohl auch nicht ans Schillertheater schaffen werde. Ich besuche Rio einfach so oft es geht auf dem Friedhof und erfreue mich an den Livekonzerten um Funky, Kai und Gymmick. Rio ist und bleibt ein wichtiger Teil in meinem Leben :D

  2. 3.

    Ich muss der Rezension leider widersprechen. Das Schillertheater und Brossier treten mit dem Auftritt auch in die Fußstapfen von Moritz von Treuenfels und dem Hans Otto Theater. Diese Fußstapfen können beide nicht füllen. Schauspielerisch war es eine Glanzleistung, musikalisch und stimmungstechnisch leider nicht. Brossier schien besonders in der ersten Hälfte Angst vor der Rolle zu haben und wirkte steif. Nach der Pause wurde er zwar lockerer. Dennoch klangen fast alle Lieder, bei denen Brossier gestern nicht oder nur unterstützend mitsang, weitaus besser als jene, bei denen er den Ton angab.

    Sonst blieb das Publikum bis zum Ende des Stückes brav sitzen statt sich so animieren zu lassen wie in Potsdam. Ein Grund dafür könnte hierfür die Besetzung des Nikel Pallat und George Glück sein. In Potsdam mit Florian Schmidtke noch die große Rampensau und Stimmungsbringer, gelang Frederic Böhle fast nur auf Krampf die vereinzelte Animation des Publikums.

  3. 2.

    Rio und Scherben 4ever! Gelobt sei das Vinyl!
    Eine ganze Fangeneration vermißt Euch :-(

  4. 1.

    Rio Reiser----Musical?
    Ich glaube nicht das Rio Reiser das gutheißen würde.

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