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Bild: dpa/Geisler-Fotopress

Konzertkritik | Sheer Mag im Zukunft am Ostkreuz - Weltverdreher mit Wut im Bauch

Die Power-Punk-Band Sheer Mag tourt gerade durch Europa. Eines von zwei ausverkauften Konzerten spielte das Quintett in dem kleinen Berliner Club "Zukunft am Ostkreuz". Ein Abend mit reichlich Dampf unter dem Kessel. Von Steen Lorenzen

Das Konzert von Sheer Mag hat noch gar nicht begonnen, da steht Tina Halladay schon als Sängerin auf der Bühne  - und singt bei der Vorband mit. Verdrehte Welt, schließlich gewährt die Hauptband im Normalfall gnädigerweise den Vorarbeitern einen Gastauftritt im Verlauf des Abends.

Solche Hierarchien interessieren Tina Halladay und ihre Mitstreiter allerdings nicht. Oder sie bestehen nur, um sie gleich auf den Kopf zu stellen. Die Band aus Philadelphia ist nach einem ersten Hype vor vier Jahren ihrer Do-It-Yourself-Haltung treu geblieben, hat Angebote der Plattenindustrie in den Wind geschlagen und macht alles in Eigenregie.

DIY bedeutet: Selbst das Bandlogo aufhängen

Zum Beispiel das Bandlogo aufzuhängen. Das Design erinnert an die Ästhetik der Blues- und Hardrockband Thin Lizzy, die zu Recht als Soundreferenz immer wieder erwähnt wird. Denn sowohl auf Platte als auch live verstehen es Sheer Mag, 70er Jahre Blues- und Hardrock-Gedöns mit wütenden Punk-Ausbrüchen zu verbinden.

Dazu singt Halladay mit aufreibender Stimme Geschichten über Minijobs und Arbeitslosigkeit, über streikende Lehrer und Geflüchtete – und nicht zuletzt über ihre Erfahrungen als schwergewichtige Frau im Musikgeschäft.

Flache Hierarchie

Der Livesound der Band zeugt von einer flachen Hierarchie. Die Bluesrock-Soli des begnadeten Lead-Gitarristen Kyle Seely werden kaum hervorgehoben und auch Tina Halladay hebt sich trotz ihres aufgedrehten Gesangs nur selten so richtig ab.

Das meist rote, auf alle Bandmitglieder gleichmäßig verteilte Licht, passt sehr gut zu diesem basisdemokratischen Sound. Nur dank ihrer blondierten Haare, leuchtet Halladay etwas mehr als der Rest der Band. Auf engstem Raum legen die sechs Musiker los, als hätten sie vor, ganz ohne Pausen zu spielen. Schwer zu sagen, was nach den ersten fünf durchgeknüppelten Songs mehr an den Nerven zerrt: die drei immer wieder unisono gespielten Gitarren oder die aufreibende Stimme von Halladay. Als das Konzert droht, zu eintönig zu werden, nimmt die Band das Tempo raus und öffnet ihren Sound in Richtung Fleetwood Mac und Eagles.

Geister aus der Vergangenheit

Eine ähnlich effektive Wende nimmt auch das neue Album "A Distant Call" von Sheer Mag, das gerade im zweiten Teil eine stark autobiografische Seite hat, wenn Tina Halladay sich den Geistern ihrer Vergangenheit stellt, zum Beispiel den Erinnerungen an ihren alkoholabhängigen und gewalttätigen Vater.

Live hält sich die Band bei diesem Blick ins private Fotoalbum allerdings nicht lange auf und rollt einfach weiter in Richtung Zugaben. Am Ende hat Tina Halladay lediglich zwei- oder dreimal das Publikum angesprochen. Mit erstaunlich verhaltener Stimme ruft Sie einen Typen in der ersten Reihe, der ihr nicht geheuer ist, zur Ordnung. Etwas später weist sie auf den bevorstehenden Halloween-Abend hin und kündigt - mangels guter Kostümvorschläge aus dem Publikum - an, sich als riesiger Kürbis zu verkleiden.

Niemand wird erlöst, nur der Druck erhöht

Auch dieser schöne, selbstironische Moment ändert nichts daran, dass weder die Band noch das Publikum am Ende gelöst wirken. In den ersten Reihen tanzt das internationale, meist schwarz gekleidete Publikum zwar - aber wilder, hemmungsloser Pogo sieht anders aus.

Das Konzert von Sheer Mag ist auch nicht so angelegt, dass man befreit nach Hause geht. Eher haben die eng nebeneinander rockenden Musiker den Druck unter dem Kessel noch erhöht, statt Dampf abzulassen. Nach einer Stunde tritt die Band kurz ab, um für zwei straffe Zugaben zurückzukehren. Dann zieht Tina Halladay den Stecker ihres Mikro-Kabels, rollt das Kabel um ihr Mikrofon und kehrt dem Publikum den Rücken zu.

Sendung: Inforadio, 31.10.2019, 06.00 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

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