Sisters of Mercy beim Wacken-Festival 2019 (Quelle: imago images/Gadegast)
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Konzertkritik | The Sisters of Mercy - Verloren im Kunstnebel

The Sisters of Mercy gelten als die Wegbereiter des Gothic Rock. Seit den 1990er Jahren haben sie keine neue Musik mehr veröffentlicht - und trotzdem sind ihre Konzerte meist ausverkauft. Auch das in der Berliner Columbiahalle. Von Hendrik Schröder

Schwarz, schwarz, schwarz, alles ist schwarz. Der riesige Bühnenvorhang, sämtliche Klamotten der 3.000 Zuschauer, das spärliche Licht, das vor dem Konzert vom Bühnenrand fällt. Der Trockeneisnebel wabert schon durch die Halle, als die Roadies noch die Mikrofone richten. Die Saalbeleuchtung ist aus, es ist eine fast gespenstische, knisternde Atmosphäre. Dann legen The Sisters of Mercy los - und es wird leider nicht so knisternd.  

Drumcomputer und Stroboskoplicht

Das einzig verbliebene Gründungsmitglied in der über die Jahrzehnte munter wechselnden Besetzung ist Sänger Andrew Eldritch. 60 Jahre alt, Glatze, Sonnenbrille und natürlich in schwarz gekleidet. Lauernd steht er auf der Bühne, beinahe hockend, sieht aus wie ein Tiger kurz vor dem Sprung, während er seine Lyrics in das Mikrofon spuckt. Flankiert von zwei Gitarristen, der eine Hardrock mäßig mit Mähne und verspiegelter Sonnenbrille, der andere wie aus den 80ern gefallen, mit aufgestellten gefärbten Haaren. Wie üblich sind die Beats elektronisch. Ganz am Anfang der Bandgeschichte versuchte Sänger Eldtrich mal selbst, Schlagzeug zu spielen. Das klang zu holprig und seitdem heißt der Drummer Dr. Avalanche und ist ein Computer.

Dann blitzt Stroboskoplicht, zwischendurch ist derart viel Kunstnebel auf der Bühne, dass man gar nicht weiß, ob da noch Musiker stehen oder sie schon gegangen sind.

Irgendetwas fehlt

Fast 45 Minuten dauert es, bis so was Ähnliches wie Stimmung aufkommt. Bis die Band mal miteinander interagiert, die Gitarristen sich mal aufeinander zu bewegen, bis das Publikum mal mitgerissen wird. Zwischen 40 und 60 Jahre alt sind die Fans größtenteils, gealtert mit der Band, das verknitterte Sisters-Shirt noch mal rausgekramt, voller Vorfreude am Anfang.

Direkt enttäuscht werden sie nicht, die Band spielt ja keinen Schrott, aber irgendwas fehlt, sagen die Gesichter der Zuschauer. Ob das am Drumcomputer liegt, der die Sachen live natürlich sehr statisch macht, obwohl es im Studio funktioniert? Oder ob die unglaubliche Coolness von Eldritch und Co. am Ende doch Bocklosigkeit ist, die sich auf die Songs überträgt? In Interviews sagt Eldritch gerne, dass es kommerziell sehr vorteilhaft sei, dieses düstere Gothic-Image zu pflegen. Mit dem Privatleben der Bandmitglieder habe das aber nichts zu tun. Das ist ehrlich. Humor hat der Mann ja durchaus. Aber vielleicht überträgt sich das auch auf die Performance, wenn der Künstler mit seinem Sound gar nicht mehr gemein ist.

Versöhnung im Finale

Versöhnt werden die Fans erst am Ende. Zu den Zugaben kommen die großen Hits: "Temple of Love" und "This Corrosion" lassen alle zappeln, die irgendwie Platz dafür finden. Trotzdem schleierhaft, wie eine Band, die seit 30 Jahren ausschließlich von drei Alben und ihrem Mythos lebt, mit so einem halbgaren Konzert immer noch die Hallen voll macht. Seit vielen Jahren ist es eine Art Running Gag, dass The Sisters of Mercy ein neues Album ankündigen, was aber einfach nie erscheint. Vielleicht sollten sie wirklich mal was Neues machen. Es wäre spannend zu hören, wie diese stilprägende, ganz und gar außergewöhnliche Band klingen würde mit Songs, mit denen sie sich wirklich auch im Heute identifiziert.  

Video: The Sisters of Mercy - "Temple of Love"

Sendung: Inforadio, 05.10.2019, 08.00 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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15 Kommentare

  1. 15.

    ich habe sie mal Mitte der 2000er gesehen. Der Bericht spiegelt genau meine Erlebnisse wieder.
    eigentlich das schlechteste Konzert was ich jeh erlebt habe. mieser 80er Drumcomputer, schlechte Akustik.
    Ein Live Drummer würde echt viel ausmachen…aber naja.

  2. 14.

    Also so negativ würde ich das nicht bewerten. Die Vorband war Geschmacksache. Einiges fand ich interessant, aber alles irgendwie gleich. Erinnerte mich irgendwie an Kirlian Camera, nur schlechter.
    Bei Sisters war die Stimme anfangs dünn, da kam ja gar nichts rüber, ebenso war die Musik viel zu leise, dafür dröhnte nur der Bass. Das hat sich aber in der zweiten Hälfte deutlich gebessert oder man hat sich einfach dran gewöhnt.
    Ich stand hinten am Mischpult und konnte sehen, wie es immer geblinkt hat, wenn es mal über 100db ging.
    Die Hits wurden alle gespielt, was bei nur 3 offiziellen Platten und eine mit dem Zeug von vor First... ja auch nicht so schwierig war.
    Schade fand ich, dass nur knapp 90 Minuten gespielt wurde, aber im Großen und Ganzen war ich mit dem Konzert zufrieden.

  3. 13.

    Tja..ich wollte es nicht glauben was über das Konzert geschrieben wurde, leider stimmt es. Konzert in München war echt enttäuschend. Vorband grottig...sisters ziemlich stimmlos, mit fFortschreiten des Konzertes immer mehr...habe noch nie ein Konzert frühzeitig verlassen..gestern schon..schade.

  4. 12.

    Sehr treffende Rezension. Leider.

  5. 11.

    Irgendwie bekomme ich beim Lesen dieser Konzertkritik gerade Flashbacks. *lacht*

    Geschehen im Frühjahr 2003 in Stuttgart.

    Dunkle Halle, viel Nebel, viel Strobo, hämmernde Beats ....und die bekannten alten Gassenhauer, dargeboten mit der unverwechselbaren Stimme des Andrew E.

    Gesehen habe ich damals aber (auch) nicht viel, außer einer schwammig wahr zu nehmenden Silhouette einer schmächtig wirkenden dunklen Person, die da auf der Bühne ihr Unwesen trieb.

    Ob es sich dabei um Mr. Eldrich in himself handelte?
    Wir alle konnten es nur vermuten.
    In Reihe 15 sicher sehen konnte das aber niemand.

    Ich habe mir nach diesem Konzertbesuch damals geschworen:
    Nie, nie wieder auch nur einen Cent für so ne billige Show.
    90 Minuten Fullplayback gehen günstiger.

    Wie mir scheint, habe ich alles richtig gemacht!
    Denn wie mir scheint: geändert hat sich nichts.
    Danke Andrew E.

  6. 10.

    War am Freitag auch dabei - und ich muss sagen - es war genauso wie oben beschrieben....
    für mich ein absoluter Tatsachenbericht....
    Und dabei spielt es keine Rolle ob man Fan ist oder nicht....

  7. 9.

    Es war stark was geboten wurde.Wer die Truppe kennt und mag,der war gut unterhalten.
    Übrigens,die Eintrittspreise waren moderat und die Zuschauer waren begeistert.
    Vielleicht sollte der RBB nächstes mal keinen Helene Fischer Fan hinschicken um eine Kritik zu schreiben.

  8. 8.

    Ich war mal ein Sisters-Nerd. Sehr lange. Vor 20 Jahren wäre so ein Bericht mMn Majestätsbeleidigung gewesen. Etliche Gigs seit 1990 besucht. Heute unterstreiche ich solche Rezzis. Leider. Ich geb für die Truppe kein Geld mehr in Form von Tickets aus.

  9. 7.

    Natürlich war es ausverkauft...es waren Sisters of Mercy. 3 Alben und der sogenannte Mythos. Das reicht.:-)

  10. 6.

    Ich mag die Band seit Jahrzehnten so sehr, umso bedauerlicher fand ich den Auftritt. Ich möchte dennoch eines zu bedenken geben: Finden Sie, dass nur die Hertha Fans unter den Sportreportern die Hertha Spiele auch kommentieren sollten und nur die CDU Wähler unter den politischen Korrespondenten über Angela Merkel berichten?

  11. 5.

    Wie halt immer ist die einfachste Rezension eine negative. Arrogante Wortwahl und Sichtweise scheinen das zu untermauern.
    Wenn man ne Band nicht mag sollte man sie vielleicht besser auch nicht rezensieren.

  12. 3.

    Ein kleiner Hinweis am Rande: Die Musikgruppe heißt The Sisters of Mercy.

  13. 2.

    Ich bin mir nicht sicher, ob der Berichterstatter überhaupt Vorort war.
    Gestern jedenfalls war eine klasse Stimmung in einer ausverkauften Halle mit gemischtem Publikum von jung bis alt.
    Geboten wurde der typische Sisters-Sound mit einer tollen Vorband-und es wurden einige neue Songs gespielt.

  14. 1.

    Gänsehaut beim Abspielen des "alten" Videos.. geht immer noch, so ein Meilenstein wie Talk Talk, wie OMD oder Yazoo.. dunkle, riesige Discos, Rauch. Da sind sie wieder, die Erinnerungen an wirklich ge.. Zeiten °!°

    Ich war nicht auf dem Konzert, feiere meinen gefühlt 155ten Geburtstag in der alten Heimat, und lese neidisch die Konzert-Kritik..

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