Archiv - Michael League spielt mit Snarky Puppy am 24.07.2019 in Madrid Bass (Bild: imago-images/Oscar Gonzales)
Audio: Inforadio | 30.10.2019 | Lennart Garbes | Bild: imago images/Oscar Gonzalez

Konzertkritik | Snarky Puppy in der Columbiahalle - Bissige Welpen jenseits der Genregrenzen

Obwohl Snarky Puppy als eine der erfolgreichsten kontemporären Jazzbands der Welt gelten, passt das Label nur bedingt. Mit ihrer vielfältigen Musik verbindet die 25-köpfige Band mehrere Genres. Das kam auch in der Berliner Columbiahalle gut an. Von Lennart Garbes

Stellen sie sich eine Band vor mit mehr als zwei Dutzend rotierenden Mitgliedern von vier Kontinenten, die Fusion - eine Mischung aus Rockmusik und Jazz – spielen, und das auch noch ganz ohne Gesang. Im Fall von Snarky Puppy ist das kein Rezept zum Scheitern, sondern für großen Erfolg. Drei Grammys hat die Band mittlerweile gewonnen und sie gilt als eine der besten kontemporären Jazzbands weltweit.

Akribische Arbeit als Grundlage

Der Erfolg von Snarky Puppy ist aber zuallererst das Ergebnis akribischer Arbeit. Schon vor dem ersten Lied wird deutlich, wieviel Wert die Band auf Präzision legt. Es gibt eine klare Formation: Die Drei Bläser stehen ganz leicht nach hinten versetzt an der linken Seite der Bühne. Das Percussionset und Schlagzeug stehen leicht erhöht im Hintergrund. Ein Keyboard rundet das Ensemble am rechten Bühnenrand ab. In der Mitte bleibt Platz für das zweite Keyboardset, Gitarre und Bass. Insgesamt zu neunt steht die Band auf der Bühne.

Obwohl die Band eigentlich 25 reguläre Mitglieder hat, stehen eigentlich nie alle gemeinsam auf der Bühne. Alle Instrumente sind mehrfach besetzt, sodass die Bandmitglieder auch Zeit für ihre diversen Nebenprojekte haben. Die immer wieder wechselnden Besetzungen erhalten nach eigener Aussage auch die Spannung bei den Auftritten. An diesem Abend in Berlin kommt es trotzdem zu einem Novum. Weil alle drei Schlagzeuger verhindert sind, sitzt Mark Simmons nach nur einer Probe am Schlagzeug.

Musik jenseits von Genregrenzen

Die Musik von Snarky Puppy genau einzuordnen, ist eigentlich unmöglich. Zu einzigartig ist die instrumentale Mischung aus Fusion, Funk und Soul der Band mit Basis in New York. Eingängige Melodien ausgehend vom Keyboard, den Bläsern, oder der Gitarre werden gepaart mit komplexen Bass- und Schlagzeugrhythmen, und lassen trotzdem Raum für die verschiedensten Soli. Heraus kommen dichte und anspruchsvolle Songs, die oft bis an die Zehn-Minuten-Grenze heranreichen.

Es ist der Mix aus technischer Präzision und emotionaler Spielfreude, der die Musik von Snarky Puppy vor allem live so beeindruckend macht. Die Band schafft es großartige Individualisten zu einem noch größeren Ganzen zu vereinen. Dass sich Snarky Puppy auch in den unterschiedlichen Besetzungen noch nach sich selbst anhören, ist dabei vor allem der Verdienst von Bassist und Bandleader Michael League. Er ist als einziger bei jedem Konzert dabei und dirigiert aus der Mitte der Bühne die Songstrukturen und Soli. Dafür reichen ihm allein Blickkontakte und Kopfnicken.

Musik als Kommunikationsform

Sowieso gibt es bei Snarky Puppy nur wenig verbale Interaktion. Auch weil es keinen Gesang gibt, folgt die erste Ansage an die vollgepackte Columbiahalle erst nach dem vierten Song. Insgesamt sind es an diesem Abend ganze drei. Kommuniziert wird vielmehr über die Musik - sowohl unter den Musikern auf der Bühne, als auch mit dem Publikum. Dabei gibt es jedoch auch Momente, in denen die Musik so komplex wird, dass das Publikum etwas auf der Strecke bleibt.

Besonders Keyboarder Shaun Martin versteht es aber die Fans mit Handzeichen zum Mitklatschen und seiner Mimik immer schnell zurück ins Boot zu holen. Und so ist es am Ende das glückliche Publikum, das - angeleitet von Martin - die Band für die Zugabe wieder auf die Bühne singt. Dass eine ganze Halle das instrumentale Fusion-Jazz-Stück "Shofukan" mitsingen kann, macht an diesem Abend noch einmal deutlich wie genreübergreifend einzigartig Snarky Puppy sind.

Sendung: Inforadio, 30.10.2019, 7:55 Uhr

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