Der Sänger Sting während eines Konzertes in Hannover (Bild: dpa/Christophe Gateau)
Audio: Inforadio | 01.11.2019 | Magdalene Bienert | Bild: dpa/Christophe Gateau

Konzertkritik | Sting in Berlin - Die One-Hand-Show

Als Bassist von "The Police" wurde Sting international bekannt. Sein neues Solo-Album "My Songs" stellte er auf seinem einzigen Deutschlandkonzert in Berlin vor. Trotz verletzungsbedingter Einschränkung des Briten wurde Magdalena Bienert nicht enttäuscht.

Mutterseelenallein kommt Sting auf die große Bühne der Mercedes-Benz-Arena. Zu hautengen schwarzen Jeans trägt er einen knielangen schwarzen Mantel über den Schultern. Als er ans Mikrofon und ins Licht tritt, sieht man: Sein linker Arm steckt in einer Schlaufe. Was bedeutet das für diesen Abend?

Sting sagt höflich in seinem guten Deutsch: "Guten Abend alle zusammen. Fröhliches Halloween! Ich habe meine Schulter verletzt und kann keine Gitarre spielen. Aber ich kann singen." Die Fans in der ausverkauften Halle hängen an seinen Lippen. Sting fährt ruhig fort, er möchte gern noch eine Geschichte erzählen.

"Roxanne hat mein Leben verändert"

Sie spielt im Jahr 1976, wo er mit seiner Band The Police in Paris war und vor "halbleeren Räumen" spielte. Das zwielichtige Hotel in dem sie untergebracht waren, hatte so spannende Gäste, dass Gordon Sumner (Sting mit bürgerlichem Namen, Anm.d.Red) stundenlang an der Rezeption verbrachte, um sie zu beobachten. Dort entdeckte er ein Plakat von "Cyrano de Bergerac". Der Titelheld verliebt sich in seine Cousine Roxane (sic!) und Sting kommt der Einfall zum Police-Klassiker. "Roxanne hat mein Leben verändert", sagt er. Während der einstige Police-Bassist das erzählt, kommt unauffällig seine achtköpfige Band auf die Bühne und stimmt den Song als ersten an diesem Abend an. Neunzehn weitere Hits werden folgen.

Jedes Lied ein Volltreffer

"Roxanne" ist stolze 41 Jahre alt. Live hat das Lied inzwischen einen sehr unaufgeregten, entspannten Touch bekommen. Nach "Roxanne" folgt mit "Message in a Bottle" der nächste Klassiker und die ersten Fans erheben sich im bestuhlten Innenraum der Arena und klatschen und singen mit.

Nach einer kurzen Anekdote über einen Londoner Clubbesitzer, der von ihm "nur Hits" verlangte, wird der 68-Jährige schweigsamer und lässt seine Songs sprechen: "Englishman in New York", "Fields of Gold", "If you love somebody set them free", "Brand new day" oder "Shape of my heart". Jedes Lied ein Volltreffer. Nicht immer ist die Generalüberholung so deutlich zu merken, wie bei "Shape of my heart" aus dem Jahr 1993. Live gerät das Lied zum berührenden Männer-Duett mit R'n'B-Charakter, denn Stings Background-Sänger verleihen dem Lied eine gehörige Portion Soul – modern und wunderschön.

Nackt ohne Instrument

Da der Sänger zwangsläufig die rechte Hand frei hat, greift er mal zum Tambourin oder tigert über die Bühne und fixiert seine Fans – dafür hat er nun Zeit, ganz ohne Gitarrenspiel. Oder er pausiert lässig am Rand, während seine Bandkollegen seine Parts übernehmen. Aber so richtig wohl fühlt sich Sting ohne seinen Bass und die Gitarre nicht, das spürt man.

Überhaupt fällt das Konzert immer dann angenehm aus seinem geregelten Best-Of-Modus, wenn Sting Unterstützung am vorderen Bühnenrand bekommt. Sei es durch den hervorragenden jungen Mundharmonika-Spieler oder die zweite Backgroundsängerin. Bei "Whenever I say your name" singt sie ihren Frontman allerdings locker gegen die Wand. Die Stimme des 68-Jährigen kann bei ihrer Stimmgewalt nicht mithalten.

Einsam ist an diesem Abend sicher keiner

Vor den Zugaben gibt es einen kleinen Police-Block mit Karibikflair. Die Reggae-Rock-Varianten von damals sind noch rhythmischer geworden und zwischen "Walking on the Moon" und "So Lonely" passt noch ein "Get up, Stand up, Stand up for your Right". Sting, der live schon immer gern Reggae-Songs einarbeitet, fügt ganz organisch bei "So Lonely" den Refrain des Bob Marley-Klassikers "No Woman, No Cry" hinzu. Als "So Lonely" endlich Fahrt aufnimmt, recken sich das erste Mal an diesem Abend etliche Fäuste in die Luft und boxen sich durch Jugend- Erinnerungen. Nein, einsam fühlt sich hier heute garantiert keiner, aber zurückgeworfen in eine andere Zeit. Die meisten Fans sind zwischen 40 und Mitte 50.

"Auf Wiedersehen, bis später"

Nach über eineinhalb Stunden verabschiedet sich der sympathische Sänger mit dem zarten Song "Fragile" und einem höflichen: "Auf Wiedersehen, bis später." Nur zu gern, möchte man rufen.

Und wir dürfen Mr. Sumner beim Wort nehmen: Schon nächstes Jahr führt ihn die "My Songs"-Tour wieder nach Berlin: am 29. Juni 2020 in die Zitadelle Spandau.

 

Beitrag von Magdalene Bienert

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7 Kommentare

  1. 3.

    Danke für die tolle Konzertkritik. Ich freue mich darauf nächstes Jahr Sting am 29. Juni in der Zitadelle zu erleben.:-)

  2. 2.

    Ein perfektes Konzert dank herausragender Profis auf der Bühne und, nicht zu vergessen, auch beim Ton. Dankenswerter Weise haben die Damen und Herren ebenso professionell gearbeitet und alle Songs so durchhörbar gemacht, dass es einem immer wieder wohlilge Schauer den Rücken runter gejagt hat. Sting ist und bleibt einer der ganz großen seiner Zunft, ebenso wie seine erstklassig besetzte Band und sein Backline. Ich freue mich riesig auf ein Wiedersehen. Danke für diesen tollen Abend!!

  3. 1.

    Ein großartiger Bericht über ein großartigen Künstler und ein wahrscheinlich tolles Konzert. Schade das ich kein Ticket mehr bekommen hatte
    Ich bin mit Police groß geworden und Sting hat mich musikalisch weiter begleitet. Die CD" My Songs" kann ich nur empfehlen.

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