Archivbild: West-Eastern Divan Orchestra, Dirigent Daniel Barenboim live in der Berliner Waldbuehne. (Quelle: dpa/Ben Kriemann)
Audio: Inforadio | 23.10.2019 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Ben Kriemann

Konzertkritik | "West-Eastern Divan Orchestra" - Ein Meisterwerk an Harmonie vor kriegerischer Kulisse

Seit 20 Jahren zeigen israelische und arabische Musiker im "West-Eastern Divan Orchestra", wie friedliches Zusammenleben aussehen kann. In der Philharmonie feierte das Ensemble jetzt seinen Erfolg, während die Konflikte in Nahost weiter toben. Von Maria Ossowski

Ein Wunder ist, dass das "West-Eastern Divan Orchestra" vor 20 Jahren überhaupt entstanden - und dass es so lange Erfolge feiert, trotz aller Ressentiments der Völker im Nahen Osten, trotz aller Fehden und Kriege.

Am Dienstagabend sitzen an den Pulten in der ausverkauften Philharmonie junge Israelis, Palästinenser, Syrer, Ägypter, Libanesen, Jordanier. Doch was verbindet sie? "Wir haben von vornherein etwas Gemeinsames", sagt Dirigent Daniel Barenboim. "Das ist Leidenschaft. Sie heißt Musik. Und das ist der Ausgangspunkt."

Zum Geburtstagsfest des Symphonieorchesters haben drei Legenden zusammengefunden, um mit dem "West-Eastern Divan Orchestra" Beethovens Tripelkonzert zu spielen: die Geigerin Anne-Sophie Mutter, der Cellist Yo-Yo Ma, und der Dirigent am Flügel, Daniel Barenboim.

Brilliantes Zusammenspiel

Es ist faszinierend, zu erleben, wie brillant, konzentriert und gleichzeitig entspannt diese drei Weltstars miteinander musizieren und aufeinander hören. Anne-Sophie Mutter - wie immer in atemberaubend schöner, diesmal schwarzer schulterfreier Robe - läßt noch im leisesten Pianissimo die Töne strahlen. Yo-Yo Mas Celloton klingt unendlich warm und voll. Das Orchester mit dem Konzertmeister Michael Barenboim, dem Sohn des Dirigenten, ist in Höchstform.

Normalerweise listet das Programmheft die Namen aller Musiker auf, beim Divan-Orchester ist das anders: Zu fragil sind die politischen Beziehungen, manche Musiker könnten Probleme in ihren Heimatländern bekommen, denn die Grenzen sind oft geschlossen. Im Divan-Orchester aber dürfen Syrer neben Türken sitzen, Palästinenser neben Israelis. Egal, erzählt Daniel Barenboim, wie heftig die Musiker in der Freizeit ihre Konflikte diskutieren: Wenn sie spielen, will jeder nur, dass auch der politische Gegner sein Solo perfekt präsentiert.

Archivbild: Anne-Sophie Mutter live auf der Buehne am 14.09.2019 in Muenchen, Koenigsplatz. (Quelle: dpa/Jens Niering)
Bild: dpa/Jens Niering

Friedliches Projekt, das keinen Frieden bringen kann

Nach der Pause kommt dann auch die Riesenherausforderung für jedes Orchester: Bruckners Neunte Sinfonie. Leidenschaft, Kraft, aber auch Sehnsucht und Trauer - all das schwingt in diesem Mammutwerk, das unvollendet blieb und im letzten Ton schwebend.

Standing Ovations gibt es am Ende für ein friedliches Projekt, das aber, so Daniel Barenboim, keinen Frieden bringen kann. Das könne Musik nicht leisten, dazu brauche es internationalen politischen Druck und viel Kompromißbereitschaft der verfeindeten Parteien, sagt er. Das Divan-Orchester kann weltweit auftreten - im Nahen Osten fast nie. Eine Ausnahme war 2005 das legendäre Konzert in Ramallah.

In Berlin, zum Geburtstag, herrschte immerhin musikalische Einigkeit. Eine künstlerische Alternative zur derzeitigen Situation im Nahen Osten.

Beitrag von Maria Ossowski

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wie gut, wie wahr, wie richtig! Setzen wir auf das Leise und schließen uns zusammen, erheben unsere Stimmen , damit das Laute in seinem Lärm und Kanonendonner vielleicht aufmerksam werden kann und Hören lernt!

  2. 1.

    Wunderbar und der an Goethes Werk anknüpfende Name besagt es auch. Frieden kann dadurch nicht erreicht werden, doch es ist ein Symbol. Genau so wie, dass ein in Oberammergau aufgewachsener Muslim die Oberammergauer christlichen Passionsspiele leitet, denn er ist dazu ausgebildet. Niemand im Ort nimmt Anstoß daran.

    Es gibt aber auch zahllose gemeinsame Initiativen in Palästina, gleich ob von Arabern oder von Israelis oder gemeinsam betrieben. Gemeinsame Wasserbauprojekte und gemeinsame Schulen auch. Das aber ist unspektakulär und entspricht nicht so ganz dem Erwartungshorizont, der darauf ausgerichtet ist, dass irgendwo die Panzer und die Sprengsätze zum Einsatz kommen.

    Das Laute hat das Leise schon immer erdrückt. Geblieben ist aber das Laute nicht.

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