Szenenbild aus dem Stück "Jedem das Seine" (Bild: Maxim Gorki Theater Berlin / David Baltzer)
Bild: Maxim Gorki Theater Berlin / David Baltzer

Herbstsalon im Gorki - "Wir kotzen in den Gender-Gap!"

Die Aufforderung "De-Heimatize It!" prangt groß am Maxim Gorki Theater in Berlin. Zum vierten Mal lädt das Haus zum Herbstsalon und bildet mit einer Ausstellung, Konferenzen und mehreren Premieren erneut ein Zentrum politischer Kunst. Von Cora Knoblauch

De-heimatisiere den politischen Diskurs, fordert das Maxim Gorki Theater. Weg mit diesem Begriff, der Menschen nicht ein, sondern ausschließt. Der 4. Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters will keine leicht bekömmlichen Schnittchen servieren, sondern legt das große Besteck auf den Tisch. Und so eröffnet anstelle einer Rede eine politische Bühnenperformance den Salon - mit keiner Geringeren als der Documenta-Künstlerin und UdK-Professorin Hito Steyerl.

Die beklagt auf der Bühne des Gorki einen schleichenden Genozid an Kurden in Rojava und kündigt prompt der Bundesregierung an, sämtliche ihrer Werke aus öffentlichen deutschen Sammlungen abzuziehen, sollte die Bundesregierung bei ihrer Türkei-Politik bleiben.

Chor-Performance gegen sexualisierte Gewalt

Danach schickt die polnische Regisseurin Marta Górnicka einen fulminanten Chor auf die Bühne – mit einem feministischen Manifest: "Wir kotzen für unser Vaterland, wir kotzen für unser Mutterland. Wir kotzen in den Gender-Gap!" skandieren die 25 PerformerInnen. „Jedem das Seine“ heißt diese Chor-Theater-Performance, eine raffiniert komponierte Bühnenrede, die gesprochen und gesungen wird.

Zitate über sexuelle Ausbeute und sexualisierte Gewalt gegen Frauen sind hier derart verdichtet und ineinander verwoben, das sie zwar inhaltlich erschütternd, ästhetisch aber ein Fest sind. Wer nicht schon vorher in der Ausstellung des Herbstsalons war, weiß spätestens nach der Chor-Performance von Marta Górnicka, wo es inhaltlich lang geht.

Backlash alter Rollenverteilungen

Kernstück des Salons ist eine opulente Ausstellung im Palais am Festungsgraben, die etwa 40 feministische Künstler und vor allem Künstlerinnen und Filmemacherinnen wie Candice Breitz, Yael Bartana, Lola Arias und Regina José Galindo zeigt. Die Renaissance konservativer Heimatbegriffe gehe eng einher mit einem Backlash alter Rollenverteilungen, meint Gorki-Intendantin Shermin Langhoff. Dass die feministische Idee, das Mann und Frau gleich seien, immer noch revolutionär sei und zur Diskussion stünde, dies sei eine interessante Situation, sagt Langhoff. Sie ist nicht ohne Grund stolz darauf, in der Ausstellung internationale Künstlerinnen versammelt zu haben, sie sonst in bekannten Galerien und großen Ausstellungshäusern gezeigt werden.

Drei Wochen dauert der Herbstsalon, eine Konferenz und eine Akademie für junge Theatermacher begleiten das Programm. Das Maxim Gorki Theater schenkt mit seinem Herbstsalon nicht nur Feministen einen Höhepunkt in diesem Theaterherbst.

Sendung: Inforadio, 27.10.2019

Beitrag von Cora Knoblauch

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5 Kommentare

  1. 5.

    "...die feministische Idee, das Mann und Frau gleich seien..."

    Sieht man man vom Rechtschreibfehler ("das" statt "dass") ab, stellt sich die Frage, wieso das eine feministische Idee sein soll.

    Männer und Frauen sind nicht gleich. Sie sind vor dem Gesetz gleich (gleichBERECHTIGT), aber der Gedanke ist in D spätestens seit unserem Grundgesetz von '49 kodifiziert. Das hat wenig mit dem Feminismus zu tun und mehr mit allgemeinem Verständnis von Menschenrechten.

    Der Gedanke des derzeit aktuellen Feminismus ist auch nicht, dass Männer und Frauen gleich wären. Hört man den Wortführern des Feminismus zu, muss sich verfestigen, dass Frauen BESSER als Männer sind, aber von diesen daran gehindert werden, dies auszuleben (Stichwort Patriarchat). Das Prinzip Leistung sei ein diskriminierendes, weshalb seitens der Politik Gleichstellung verlangt wird, mit dem Ziel, mindestens Geschlechterparität in Machtpositionen zu erreichen (z.B. "50 % Frauenanteil in Parlamenten").

  2. 4.

    Oh nein, nicht schon wieder einer, der das Grundgesetz und die "Freiheit der Kunst" nicht akzeptieren wiil. Das klingt sehr nach einem affirmativen Heimat- und Kunstbegriff, der sich vor allem im Absingen von Volksliedern erschöpft. Kann es sein, dass da mal wieder der rechte Ruf nach unpolitischer Kunst erschallt, die aber nicht unpolitisch, sondern affirmativ und zutiefst nationalistisch und "deutsch" sein soll (whatever that may be)? Gebt es auf - die Zwangssubventionen sind mit dieser fantastischen kritischen und sinnlichen Kunst wunderbar angelegt. Die Aufklärung war die wichtigste geistesgeschichtliche Epoche, die die Menschen in ihrem selbständigen Denken ermutigt hat - und sie hat hoffentlich eine große Zukunft.

  3. 3.

    Einerseits finde ich es gut, richtig und wichtig, wenn Künstler*Innen bei Ihrem Tun Haltung zeigen und ihren Werken eine politische Aussage innewohnt (einfaches Beispiel: "Ost-Rock" und "guter" HipHop), welche sich so weit vom hirnlosen, weichgespülten Schlager-Olymp oder butterweichen Musicals entfernt wie die Galaxis lang/breit ist und andererseits bin ich verwundert darüber, wie viele Mitbürger und ggf. auch Kommentatoren eine despektierliche Meinung über den Art. 5 GG haben. Wer es etwas genauer zu Abs. 3 wissen will, dem/der sei die Lektüre des Mephisto-Urteils nahegelegt: BVerfG v. 24.02.1971 - Az. 1 BvR 435/68

  4. 2.

    Die „Kulturschaffenden“ (ein Begriff aus dem sozialistischen Kulturbetrieb der DDR) machen ihrem Gender-Gaga-/Diversity-/no borders, no nations-Auftrag von Seiten des rot-rot-grünen Senats alle Ehre. Nur das dieser politische Political Correctness-Unfug niemanden interessiert, außer den an diesem closed Shop Beteiligten (= Echoblase). Ohne Zwangssubventionen durch den Steuerzahler, wären diese politischen Propaganda-„Künstler“ von einem Tag auf den anderen ihren Job los.

  5. 1.

    Warum macht jeder der einen Kulturauftrag hat politische Arbeit..
    Schön ..ändern wir unsere Türkeipolitik..geben der Bundeswehr Ausrüstung, dann kann sie den Kurden helfen..
    Oder nicht..
    Wie kann man nur derart bornierte Forderungen stellen..vergessen was es bedeutet..
    Vielleicht melden sich unsere „Kulturschaffenden“ dann zur Frontbetreuung...

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