Isabel Allende im rbb-Sendesaal. (Quelle: rbb24)
Video: rbb24 | 28.10.2019 | B. Ostermann | Bild: rbb24

Lesung | Isabel Allendes "Dieser weite Weg" - Weiße Lilien für die Königin

Manche halten ihre Bücher für "gehobenen Kitsch", andere sehen in Isabel Allende eine der größten Autorinnen lateinamerikanischer Literatur. Die Deutschlandpremiere ihres neuen Romans verfolgte Gesa Ufer jedenfalls im ausverkauften rbb-Sendesaal.

77 Jahre alt soll sie sein? Kaum vorstellbar, dass diese hübsche, quirlige Frau, die da unter tosendem Applaus die Bühne betritt, munter auf die 80 zugeht. Die großen dunklen Augen nehmen sofort Kontakt mit ihrem Publikum auf, und schnell wird deutlich, dass sich Isabel Allende, die lange und erfolgreich als Fernsehmoderatorin gearbeitet hat, auf der Bühne wohl fühlt.

Warum sie sich ausgerechnet weiße Lilien neben ihrem Platz gewünscht habe? Um vom langweiligen Personal abzulenken, antwortet sie trocken. Und weil sie Lilien so sinnlich finde.

Damit sind wir auch schon beim Running Gag des Abends: Isabel Allende hat größten Spaß daran, Moderator Thomas Böhm mit doppeldeutigen Bemerkungen aus der Reserve zu locken. Auf die Frage, woher eigentlich bei der Schwere ihrer Themen die Energie komme, und der Spaß und die Kraft, lautet ihre Antwort prompt: "Ich nehme an, vom Sex!". Das Publikum johlt. Das hat es noch nicht so oft aus dem Mund einer 77-Jährigen gegeben. Nein. Trutschig ist an dieser Frau gar nichts.

Isabel Allende im rbb-Sendesaal. (Quelle: rbb/G. Ufer)
Bild: rbb/G. Ufer

Ein Junge kämpft sich durch Franco-Diktatur und Bürgerkrieg

Mit der Lesung kehrt schlagartig Ernsthaftigkeit ein. Der Schauspieler Wanja Müß liest den deutschen Part, eine Szene, die in einem Lazarett während des spanischen Bürgerkriegs spielt: Ein erst 16-jähriger Junge, Teil der sogenannten "Schnullerkohorte", die an die Front muss, weil alle erwachsenen Männer bereits tot oder verwundet sind, liegt im Sterben. Der geborstene Brustkorb gibt den Blick auf sein immer langsamer schlagendes Herz frei.

Viktor Dalmau, Isabel Allendes Held, greift in das zuckende Organ und massiert es. Die Operation am offenen Herzen gelingt. Das erste typische Allende-Wunder ist geschehen. Und viele weitere werden folgen in "Dieser weite Weg", der beschwerlichen Geschichte des jungen Viktors, der sich durch Franco-Diktatur und Bürgerkrieg kämpfen muss, der auf die Flucht und ins Exil geht und dabei seine hochschwangere Schwägerin gleich mit rettet.

Die Geschichte derjenigen, die immer verlieren

Isabel Allende ist eine Erzählerin, die aus dem Vollen schöpft. Ihr geht es um die großen Gefühle, aber gerade in diesem Roman immer auch ums Politische und darum, das Andenken an die Geschichte wach zu halten.

"Geschichtsbücher geben uns nur die Fakten, nur die Zahlen und die Schlachten, die Geschichte der Gewinner, erzählt von den Gewinnern, von weißen Männern", sagt sie. Sie aber erzähle die Geschichte der Frauen und Kinder, derjenigen, die immer verlieren. Sie wolle denen eine Stimme geben, die in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen.

Isabel Allende im rbb-Sendesaal. (Quelle: rbb/G. Ufer)
Bild: rbb/G. Ufer

Sie selbst, so schildert es die Autorin, fühle sich überall wie eine Fremde. Selbst in ihrer Heimat Chile, weil sie dort so stark mit der gegenwärtigen Regierung hadere. 1975, zwei Jahre nach dem Putsch Pinochets war sie aus Chile geflohen. Sie fühle sich deshalb solidarisch mit Menschen, die eine solche Erfahrung teilten. Nach dem frühen Tod ihrer Tochter, hat Isabel Allende deshalb eine Stiftung gegründet, die besonders Frauen und Kindern helfen will, die an der US-amerikanischen Grenze gestrandet sind. Deren Schicksal beschäftigt sie besonders: Menschen, etwa aus El Salvador, Honduras oder Guatemala, die an der Grenze auf Asyl warten und gehört werden wollen. Ihre Länder regierten Drogenbaronen oder Gangs. Die Bevölkerung würde fliehen, weil sie um ihr Leben fürchte. Genau wie die Menschen, die vor Franco fliehen mussten und die Allende in ihrem Buch beschreibt. "Ihnen gehört mein Herz, weil ich ihre Situation genau kenne."

"Dieser weite Weg" heißt der neue Roman von Isabel Allende, der im Suhrkamp - Verlag erschienen ist. Svenja Becker hat ihn übersetzt, 381 Seiten kosten 24 Euro.

Sendung: Inforadio, 29.10.2019, 12 Uhr  

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