Poetry Slam 2019 in Berlin (Quelle: Marvin Ruppert)
Audio: Inforadio | 21.10.2019 | Oliver Kranz | Bild: Marvin Ruppert

Deutschsprachige Meisterschaft im Poetry Slam - Humor geht immer - Provokation meistens auch

Seit 25 Jahren werden Poetry Slams in Berlin veranstaltet. Was damals im Hinterhof begann, ist nun zu einer Hochglanzveranstaltung avanciert. Derzeit finden die deutschsprachigen Meisterschaften statt. Was der Slammer vorträgt, ist ihm überlassen. Von Oliver Kranz

Seit 25 Jahren gibt es Poetry Slams in Berlin. Als Wolf Hogekamp 1994 im Schöneberger Sponticlub Ex'n'Pop den ersten Lesewettstreit veranstaltete, musste er den Teilnehmern noch Freibier versprechen, damit sie auf die Bühne kamen. Heute ist das anders. Die Slam-Szene ist riesig. Zu den deutschsprachigen Meisterschaften, die noch bis Samstag laufen, reisen nicht nur Poeten aus Deutschland an, sondern auch aus Österreich, der Schweiz und Südtirol. Aus der improvisierten Hinterhofveranstaltung ist ein echtes Hochglanzformat geworden.

Wertung übernimmt Jury

Beim Poetry Slam kann man Literatur live erleben. Autoren lesen auf der Bühne kurze Texte. Das Publikum stimmt ab und kürt am Ende einen Sieger. Bei den Deutschsprachigen Meisterschaften, die bis 26. Oktober in Berlin stattfinden, wird die Wertung von einer Jury vorgenommen. Doch ansonsten ist alles wie immer: Die Slammer bekommen sechs Minuten Mikrofonzeit. Was sie vortragen, bleibt ihnen überlassen. Humor kommt immer gut, Provokation meistens auch – davon konnte man sich bei der Slam 2019-Eröffnungsgala am Samstag überzeugen.

Jean-Phillipe Kindler, der (noch) amtierende Deutsche Meister im Poetry Slam griff als erster zum Mikrofon: "Ich habe einen Text geschrieben über Karma", erklärte er bewusst beiläufig. "Ich will euch, die ihr daran glaubt, das überhaupt nicht nehmen. Ich werde euch nur sechs Minuten beleidigen. Ich hoffe, das ist okay…" – und dann ratterte er im Eiltempo eine Suada herunter, in der Buddhisten, die katholische Kirche und Christian Lindner ihr Fett wegbekommen haben. Druckreif war die Rede nicht. Beklatscht wurde sie trotzdem. Das Publikum war spürbar in Feierlaune.

Viel Kritik in den Anfangsjahren

"Der Durchbruch gelang kurz nach der Jahrtausendwende", erinnert sich Wolf Hogekamp. "Da wurde im WDR-Fernsehen der erste Poetry Slam ausgestrahlt. Die Clips landeten im Internet und gingen dann viral." Und so ist auch das Interesse an den Live-Veranstaltungen gewachsen. Heute ist es kein Problem mehr, mit Poetry Slams große Säle zu füllen. Das Halbfinale der Deutschsprachigen Meisterschaft findet im Admiralspalast statt, das Finale im Tempodrom (bereits ausverkauft). Und niemand stellt mehr die Frage, ob es richtig ist, "Poesie" im Schnelldurchlauf zu bewerten.

Wolf Hogekamp, Gründer des Poetry Slams (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Wolf Hogekamp, Gründer des Poetry Slams | Bild: dpa/Britta Pedersen

"In den ersten Jahren gab es viel Kritik", erinnert sich Wolf Hogekamp. "Da fanden in den Literaturhäusern die klassischen Wasserglas-Lesungen statt. Gerade poetische Texte galten als etwas Heiliges, das man nicht nach einmaligem Hören beurteilen kann. Das war uns bewusst. Aber wir merkten auch, dass das Publikum viel aufmerksamer zuhört, wenn es die Möglichkeit hat, am Ende abzustimmen." Und da bei den Slams oft auch rumgeblödelt wurde – einige der ersten Teilnehmer lasen die Rückseite einer Chipstüte vor, um ein Freibier zu bekommen – verschwanden auch bald die Schwellenängste.

Wichtigstes Erfolgskriterium: Authentizität

"Bei einem Slam weiß man nie was kommt", meint Hogekamp. "Mal geht es in Richtung Lyrik, mal in Richtung Kabarett und mal werden einfach nur Witze erzählt. Das ist spannend. Die meisten Texte sind im Präsens geschrieben. Sie beschäftigen sich also mit der Gegenwart und halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Und oft entsteht dabei ein authentisches Bild."

Authentizität gehört beim Poetry Slam zu den wichtigsten Erfolgskriterien. Das weiß auch Jean-Phillipe Kindler. "Ich erzähle am Anfang meist einen Witz, um das Publikum aufzulockern. Dann spüre ich schon die Reaktion und weiß, wie viel Gas ich geben muss." Doch bei der Eröffnungsgala am Samstag ging das schief. Kindler gab so viel Gas, dass man ihm kaum folgen konnte. Viele Pointen und sprachliche Feinheiten rauschten einfach nur vorbei.

Poetry Slam 2019 in Berlin (Quelle: Marvin Ruppert)
Mit Poetry Slams Säle zu füllen, ist heutzutage kein Problem mehr | Bild: Marvin Ruppert

Weitaus professioneller präsentierte sich Jule Weber, die als "Slam-Poetin des Jahres" den Tully Award erhielt. Ihre Dankesrede wirkte wie eine Kampfansage. Oft sei sie von Moderatoren als "einzige Frau des Abends" angekündigt worden, als sei es nicht selbstverständlich, dass sie auf der Bühne stünde. All denen, die ihr wohlmeinende Ratschläge erteilt hatten, die ihr sagten, ihre Sprache sei zu blumig, ihre Texte zu pathetisch, ihre Inhalte zu ehrlich, rief sie ein heftiges "Fickt euch!" zu und erntete tosenden Applaus – als Frau, die Klartext redet, die komplizierte Schachtelsätze schreiben und zugleich im Gossenslang fluchen kann.

Provokation geht immer

Der Boden für die 23. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften ist bereitet. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den nächsten Tagen an die Mikrofone treten, werden Flüche und grenzwertige Gags nicht fehlen. Doch es wird auch mit Sprache gezaubert werden. Man wird Wortspiele, treffsichere Satire und poetische Bilder zu hören bekommen. Garantiert.

Sendung: Inforadio, 21.10.2019, 09:55 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Sängerin Lizzo bei einem Konzert in London im November 2019.
www.imago-images.de

Konzertkritik | Lizzo in der Columbiahalle - Sterile Schubladensprengung

Spätestens ihre Single "Truth Hurts" katapultierte Lizzo dieses Jahr in die Liga der Superstars. Während sie im Juni noch im Festsaal Kreuzberg auftrat, füllte sie am Donnerstagabend schon die Columbiahalle. Ein vielseitiger Abend - mit Widersprüchen. Von Dave Rossel