Sven Ratzke (Quelle: Hanneke Wetze)
Bild: Hanneke Wetze

Konzertkritik | Seven Ratzke in der Bar jeder Vernunft - David Bowie wird in Wilmersdorf lebendig

Der Entertainer Sven Ratzke war gerade auf Tour mit seinem ersten David-Bowie-Programm, als die Pop-Ikone Anfang 2016 starb. Um Abschied und Bowie geht es auch in Ratzkes Programm "Where Are We Now". Bruno Dietel über einen Abend ohne Wehmut und Trauer.

Beinahe wäre diese Show zum Tribut für Sven Ratzke selber geworden und nicht wie eigentlich geplant für David Bowie. Eine Wespe hat dem deutsch-niederländischen Sänger vor zwei Tagen in den Hals gestochen, ein russischer Apotheker kam zur Hilfe, während sein Pianist mit dem Smartphone nach Hilfsmitteln im Internet gesucht hat. Gerade noch mal alles gut gegangen vor der Weltpremiere seines neuen Programms, das hunderte skurrile Geschichten wie diese vereint. Ratzke lebt in Amsterdam, hat eine Zweitwohnung im Prenzlauer Berg und spricht Berliner Dialekt, als ob er drei Straßen von der Bar jeder Vernunft entfernt in Wilmersdorf aufgewachsen wäre.

Androgyne Gazelle im blauen Frack

Blauer Frack, tiefer Ausschnitt, riesige Schulterpolster, goldene Stiefel, die hellblonden Haare stehen wie Stacheln ab – Sven Ratzke ist eine große, schmale Erscheinung. Schon optisch steht er seinem Idol Bowie in wenig nach und huscht wie eine androgyne Gazelle über die Bühne der Bar jeder Vernunft.

Ratze hat von Bowie höchstpersönlich die Zustimmung bekommen, sich mit dessen Werk zu befassen, neun Wochen hat er damals auf eine Antwort auf die Mail an Bowies Management gewartet – nicht umsonst. "Dear Mr. Ratzke, Mr. Bowie hat sich das alles angeschaut und er findet sie komplett verrückt. Natürlich haben Sie die Genehmigung, viel Spaß damit."

Bowie auf Tango und Blues

Bowie ist eine musikalische Kollektiverfahrung, da geht es Sänger Ratzke wie dem Publikum. Jeder und jede hier kann eine ganz persönliche Bowie-Geschichte erzählen. Ratzkes Bindung beginnt als Kind mit acht Jahren, als er die ersten Takte eines Bowie-Songs im niederländischen Radio hört. Für sein neues Programm "Where Are We Now" hat er sich einen begnadeten Pianisten mitgenommen. Christian Pabst begleitet die Bowie-Songs mal als schnellen Blues, dann als hüpfenden Tango oder als tieftraurige Ballade. Gerade in den sonoren, tiefen Lagen und den ganzen hohen Tönen klingt Sven Ratzke dem echten Bowie täuschend ähnlich, anklagend und zart. Er macht sich die Songs zu eigen, ohne sie zu sehr zu entfremden.

Städtereise von Sydney bis Amsterdam

Die Show ist eine Zeitreise: Vom für Bowie so prägenden West-Berlin der 70er-Jahre, einem fiktiven LSD-Trip mit Iggy Pop im KaDeWe bis zur puerto-ricanischen Dragqueen Helga, von der man in einen dunklen, schmutzigen New Yorker Kellerclub mitgenommen wird. Sven Ratzke spinnt wahre und halbwahre Geschichten zu einer Zeit- und Städtereise durch Australien, Europa und Amerika zusammen. Zu "Heroes" dichtet er eine deutsche Strophe.

Die Hoffnung, dass der echte Bowie eines Tages undercover im Publikum sitzt, wird Sven Ratzke nicht mehr vergönnt sein. Aber wie Ratzke mit voller Inbrunst und Überzeugung in seiner Rolle aufgeht und vom stilprägenden Jahrhundert-Sänger als fast schon göttlicher Figur, einem über allem wachenden Beschützer schwärmt, macht David Bowie fast ein Stück lebendig. Auch in dem Moment, als Sven Ratzke ausgerechnet "Lazarus" singt – den Song, in dem Bowie mit der Zeile "Look up here, I'm in heaven" seinen eigenen Abschied von der Erde ankündigt.

Für die Vorstellung von "Where Are We Now" von Sven Ratzke am 29. Oktober in der Bar jeder Vernunft gibt es noch Restkarten, weitere Termine sind der 10. und 11. Februar 2020.

Sendung:  Inforadio, 15.10.2019, 06.00 Uhr

Beitrag von Bruno Dietel

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