Bubble Jam von RIMINI PROTOKOLL im GRIPS Theater (Quelle: Stavros Habakis)
Audio: Inforadio | 24.10.2019 | Hans Ackermann | Bild: Stavros Habakis

Theaterkritik | "Bubble Jam" im Grips - Wenn Filterblasen platzen

Bei dem Online-Spiel "Bubble Jam" werden Blasen zum Platzen gebracht. In der gleichnamigen Performance am Grips-Theater auch - nur sind es hier Filterblasen. Das interaktive Theaterstück zeigt anschaulich, wie schnell Internet-Nutzer die Kontrolle über ihre Daten verlieren. Von Hans Ackermann

"Schalten Sie Ihr Handy aus" lautet normalerweise die Aufforderung, wenn man in ein Theater geht. Im Berliner Grips-Theater ist es jetzt genau andersherum: Dort ist das Handy an - allerdings ein speziell präpariertes Smartphone, angeschnallt am Handgelenk jedes Besuchers als zentrales Element in der Performance "Bubble Jam".

Zu Beginn der Vorstellung am Mittwoch erklärt der Spielleiter die Situation: Die Menschen hätten ihre Erde endgültig zerstört; jetzt ruhe die letzte Hoffnung auf der kleinen Gruppe, die sich gerade noch auf einen Planeten in der Nähe der Venus hätten retten können. "Der Planet steckt voller Aufgaben", erklärt Schauspieler René Schubert den rund 60 Teilnehmern der Performance und daher finde "Bubble Jam" erst einmal heraus, "welcher Typ Du bist".

Nur schnell noch ein paar Fragen beantworten

Auf dem Bildschirm solle man nur noch schnell einige Fragen beantworten, heißt es. Häkchen setzen, ob man gerne tanzt, einen Führerschein machen möchte oder bereits hat. Jede erfolgreiche Eingabe wird vom Gerät mit einem Ton quittiert. Von überall her piepen und klingeln die Smartphone.

Plötzlich erkundigt sich die vermeintliche Spiele-App ganz ungeniert, wie es denn "beim ersten Mal gewesen sei"? Im Publikum regt sich Widerstand: "Ich bin erst 13!", ruft jemand. Doch das Programm hat längst genügend Daten gesammelt und mithilfe geheimnisvoller Algorithmen schon erste Nutzerprofile erstellt. So werden die Besucher schließlich gebeten, sich bei einer grünen, blauen oder roten Leuchte einzufinden - in einer Filterblase.

Bubble Jam von RIMINI PROTOKOLL im GRIPS Theater (Quelle: Stavros Habakis)

Platine als Theaterboden

Wer sitzt bei Online-Spielen eigentlich am anderen Ende des Internets? Wer nutzt all die Daten, die wir dort oft allzu freizügig preisgeben? Fragen wie diese bringt das Stück von Daniel Wetzel buchstäblich spielerisch auf die Bühne, beziehungsweise auf den Theaterboden, der wie eine Platine gestaltet ist. Auf diesen Leiterbahnen der Elektronik ist das Publikum gleichzeitig das Ensemble. Spielleiter René Schubert ist bei dieser Aufführung der einzige Schauspieler.

Nur am Ende taucht plötzlich Matthias Oster von der Theatergruppe "Rimini Protokoll" im Saal auf.  Er hatte hinter der Bühne als "Operator" die Smartphones gesteuert - und will heimlich mit einem Laptop unter dem Arm die Spielfläche verlassen. Aber der Datendieb kann gerade noch überwältigt werden.

Alles nur Mittel zum Zweck

"Muss er die Daten löschen?", fragt der Spielleiter das junge Publikum, das diese medienpädagogisch und auch sonst berechtigte Frage mehrheitlich bejaht. Und plötzlich begreift man am Ende dieser kurzweiligen Aufführung, dass hier überhaupt kein Spiel stattgefunden hat. Die "Vorrunde", die Fragen, der Smalltalk zwischendurch  - alles nur Fake, nur Mittel zum Zweck, um an kostbare Daten zu kommen.

Kann man nach diesem Abend wohl wieder das originale "Bubble Jam" spielen? Und unbeschwert unschuldige Seifenblasen online zum Platzen bringen?

Sendung: Inforadio, 24.10.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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