Manuel Harder während der Fotoprobe zu Glaube Liebe Hoffnung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, 24. Oktober 2019 (Bild: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 28.10.2019 | Ute Büsing | Bild: imago images/Martin Müller

Theaterkritik | "Glaube, Liebe, Hoffnung" im Deutschen Theater - Wenn der Inhalt dem Effekt verfällt

Ödön von Horvaths sozialkritische Stücke haben wieder Konjunktur. Auch am Deutschen Theater legt Regisseur Jürgen Kruse "Glaube, Liebe, Hoffnung" auf. Für Ute Büsing ist die Inszenierung jedoch nicht viel mehr als Effekthascherei. 

Bedeutungsvoll wird eine Brecht-Gardine beiseite gezogen. Freigelegt wird ein Horrorkabinett der Körperwelten, eine Rumpelkammer vollgestopft mit Marienfiguren, schwarzen Engeln, Skeletten. Brechts Ballade vom ertrunkenen Mädchen wird herbeizitiert, um den finalen Gang der arbeitslosen, allseits geschundenen Elisabeth ins Wasser zu illustrieren. Der kommt allerdings erst zweieinhalb anstrengende Stunden später.

Regisseur Jürgen Kruse - bekannt für komplexe ästhetische Zumutungen - legt den gerade wieder viel gespielten Ödön-von-Horvath-Klassiker "Glaube, Liebe, Hoffnung" als krude Groteske auf. "Totentanz in fünf Bildern" nennt er seinen von den Spielern oft bewusst betont stockend und verstellt vorgetragenen Reigen voller alberner abseitiger Sprachspielchen  wie "Grappazitäten".

Die krude Ästhetik will nicht funktionieren

Was wohl eine Art Echoraum für die Geschichten randständiger Existenzen und die Geschichte des Ersten Weltkrieges und der deutlich werdenden Spurenelemente des Zweiten sein soll, verkommt zu ziemlich hohlem Geplänkel. Alle mit viel Blutrot kostümierten Figuren im Dämmerlicht sind Zerrbilder ihrer Funktionen, ob Baron, Amtsgerichtsrat, Präparatoren.

Nur in der Elisabeth pulsiert noch Lebensenergie, so wie Linda Pöppel sie tatsächlich hinreißend und diesen langen Abend rettend spielt. Sie will ihren Körper bereits zu Lebzeiten an das Anatomische Institut verkaufen, um so einen Wandergewerbeschein zum Korsettverkauf zu bekommen. Den Vorschuss des Präparators nutzt sie zur Bezahlung einer Vorstrafe. Sie wird denunziert, muss ins Gefängnis und verliert die gerade gewonnene Liebe des Streifenpolizisten.

Es bleibt schwammig und überlagert

Dieser Ordnungshüter wird von Manuel Harder zunehmend sympathisch gezeichnet. Eine Szene kurz sind beide ein schönes Paar, dem das Publikum gern beim Liebesspiel zuschaut. Dazu dröhnen die Stones. Popmusik-Versatzstücke dienen insgesamt zur Überzeichnung. Auch Kalauer, Klingeltöne, Hintergrundgeklimper. Vielfach überlagern sich die Tonebenen und die Schauspieler sprechen aneinander vorbei, gegeneinander an.

Es soll Jünger geben, die weihevoll in Kruse-Inszenierungen pilgern und in jedem Puzzleteilchen einen eigenen Referenzrahmen erkennen und goutieren. Bei "Glaube, Liebe, Hoffnung" gab es aber auch Buhrufe. Kein Wunder bei der Zumutung.

Sendung: Inforadio, 28.10.2019, 06:00

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