Philoktet von Heiner Müller (Quelle: Deutsches Theater/Arno Declair)
Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Theaterkritik | "Philoktet" im DT - Eiskalte Sätze, konzentriertes Klassikertheater

Ein ausgesetzter Krieger verrottet auf einer Insel und wird plötzlich doch wieder gebraucht. Amir Reza Koohestani hat Heiner Müllers düstere Antiken-Bearbeitung "Philoktet" am DT eindrücklich deutungsoffen auf die Bühne gebracht. Von Fabian Wallmeier

"Sie sind gewarnt. Sie haben nichts zu lachen / Bei dem, was wir jetzt miteinander machen". Nicht dass es dieser Worte bedurft hätte, die Heiner Müller seiner Bearbeitung des antiken Philoktet-Stoffes vorangestellt hat - wer in ein Heiner-Müller-Stück geht, das auf einer griechischen Tragödie fußt, erwartet keine Lachsalven und Juxraketen. Aber wie Jörg Pose den Sätzen an diesem Samstagabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters den letzten Funken Witzigkeit austreibt, ist schon beachtlich. Er steigt auf der Hinterbühne in eine rostige Badewanne, spricht stoisch seinen Epilog und wird ohne eine Mine zu verziehen emporgezogen, bevor nun die eigentliche Handlung einsetzt.

Pose spielt den Kriegshelden Odysseus, mitten im Trojanischen Krieg. Vor einiger Zeit hat er den Krieger Philoktet wegen einer stinkenden Wunde auf einer Insel ausgesetzt - jetzt, wo der Krieg gegen die Trojaner verloren zu gehen droht, hat er den Befehl, den begabten Bogenschützen Philoktet zurückzuholen. Begleitet wird er dabei von Neoptolemos. Der hat auf Odysseus einen mindestens genauso großen Hass wie Philoktet, weil Odysseus ihn um sein Erbe betrogen hat.

Philoktet von Heiner Müller (Quelle: Deutsches Theater/Arno Declair)
Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Odysseus als gewiefter Demagoge und Manipulator

Dieses tödliche Trio trifft nun in "Philoktet" in wechselnden Konstellationen aufeinander, beginnend mit der Ankunft von Odysseus und Neoptolemos auf der Insel, auf die Philoktet verbannt worden ist und wo er mit noch immer eitriger Wunde vor sich hin vegetiert. Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani kreist in seiner ersten Berliner Inszenierung weniger um die Frage, was die jahrelange Isolation mit einem Menschen macht, sondern ihn interessiert die Funktionsweise von Machtstrukturen - eine von mehreren möglichen Lesarten des kaum 50 Buchseiten langen, dichten Müller-Textes.

Odysseus ist bei Heiner Müller, viel stärker noch als im antiken Original von Sophokles, ein gewiefter Demagoge und Manipulator. Er spinnt Intrigen mit Männern, die ihn abgrundtief hassen, bringt vor allem Neoptolemos dazu, für ihn zu lügen. Auch wenn, anders als bei Sophokles, Philoktet bei Müller am Ende nicht mit in den Krieg zieht, sondern ermordet auf der Insel zurückbleibt, ist doch Odysseus bis zur letzten Zeile Herr der Lage. Er spinnt weiter seine Fäden, die Manipulation geht weiter.

Die bei aller vieldeutigen Schönheit letztlich doch eiskalten Sätze, die Müller den drei Figuren in den Mund legt, versucht Koohestani in seiner angemessen düsteren Inszenierung nicht umzudeuten oder mit Nebenbedeutungen aufzuladen. Vielmehr lässt er die drei Schauspieler diese Sätze in ungeminderter Härte auf die Bretter spucken. Hoch konzentriert und einander ebenbürtig geben Jörg Pose als nur leicht verächtlicher Odysseus, Niklas Wetzel als im Entsetzen verlangsamter Neoptolemos und Edgar Eckart als gedämpft wütender Philoktet ein unheimliches Männer-Trio ab, das sich die Müller-Sätze präzise einverleibt hat.

Philoktet von Heiner Müller (Quelle: Deutsches Theater/Arno Declair)
Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Unterm Papierschnipsellaub

Mitklingende Themen und Denkanreize deutet Koohestani eher an, als dass er sie dem Publikum aufdrängt, und zwar hauptsächlich über das Bühnenbild (Mitra Nadjmabadi) und die Kostüme (Lea Søvsø): Die militärischen Tarnmuster der Kleidung, die sich bei näherer Betrachtung als eckig-pixelige Farbflächen entpuppen, schlagen eine Brücke in die Gegenwart, ohne aber allzu deutlich zu politisieren. Die zweimal auftauchende Aufschrift "Death from Above" lässt zudem zwar an Luftgeschwader der amerikanischen Streitkräfte denken, aber auch das bleibt eine Andeutung.

Papierschnipsellaub bedeckt am Anfang die Gruft, in der Philoktet haust. Neoptolemos bläst es zwar ein bisschen zur Seite, aber so richtig gründlich ist er dabei nicht. Selbst als das riesige, mit einigen Gitterquadern perforierte Grabplatten-Rechteck nach oben geklappt ist und nun als Projektionsfläche für Videoaufnahmen aus dem Untergrund dient, bleibt das Laub allgegenwärtig. Verändern wird sich hier nicht allzuviel, da kann der Laubbläser blasen, so viel er will.

Und Jörg Pose behält am Ende natürlich Recht: Zu lachen gibt es wirklich nichts an diesem Abend am DT. Dafür aber knapp anderthalb Stunden konzentriertes, dichtes, souverän gespieltes und kunstvoll deutungsoffen inszeniertes Klassikertheater.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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