Germania nach Heiner Müller in der VOLKSBÜHNE Berlin. (Quelle: Julian Röder)
Audio: rbb Kultur | 18.10.2019 | Claudia Bauer | Bild: Julian Röder

Theaterkritik | "Germania" in der Volksbühne - Dröhnendes Geschichts- und Zombie-Potpourri

Mit der Heiner-Müller-Collage "Germania" stemmt die Berliner Volksbühne unter neuer Leitung ihr bisher größtes Projekt mit Schauspiel-Ensemble, Chor und Orchester. Claudia Bauer reanimiert Müller spielerisch und laut, aber letzlich harmlos. Von Ute Büsing

 

Zum Schluss öffnet sich der Mund eines verstümmelten, aller Gliedmaßen beraubten Menschen zum Schrei wie auf dem berühmten Gemälde Edvard Munchs. Vor dieser Demontage des Humanen liegen knapp drei Stunden Überwältigungs- und Totaltheater.

Erstmals unter der Volksbühnen-Intendanz von Klaus Dörr wird die riesige Bühne für ein formenübergreifendes Gesamtkunstwerk mit Schauspiel, Performance, Puppenspiel und Gesang genutzt.  Was in Heiner Müllers Kopf nistete und was er in seiner Plattenbauwohnung zum Zustand Germanias und den Ruinen Europas ausbrütete, versucht Regisseurin Claudia Bauer zu Spielmaterial zu machen. Sie montiert die ohnehin bereits collagierten Bilderbögen "Germania Tod in Berlin", Müllers Stalinismus-Abrechnung, mit der der Dramatiker bereits 1956 begann (uraufgeführt 1978 an den Münchner Kammerspielen) und seine groteske Nachwende-Zumutung "Germania 3 Gespenster am toten Mann" (uraufgeführt 1996 am Schauspielhaus Bochum) zu einem dröhnenden Geschichts- und Zombie-Potpourri.

Germania nach Heiner Müller in der VOLKSBÜHNE Berlin. (Quelle: Julian Röder)
v.l.n.r. Peter Jordan, Sebastian Grünewald | Bild: Julian Röder

Teuflischer Pakt in der Badewanne

Das, was gewissermaßen als  Vorspiel daherkommt, gerät clownesk und damit durchaus im Sinne Müllers, der gerne Clownsfiguren in seine Schlachtfelder führt. Der kunstbeflissene französelnde Friedrich, der spätere II., rebelliert gegen den autoritären soldatischen Vater, der seinen geliebten Gefährten Katte erschießen lässt.

Mit dem Potsdamer Müller, von dessen Mühlschlag der preußische König sich gestört fühlt, beginnt eine Friedrich-Karikatur eine langatmige Schlacht um vorgestellte und herbei visionierte Theatermittel. Dabei kommt auch ein verniedlichter Plüschlöwe zum Auftritt.

Sobald die bösen totalitären Geister der Vergangenheit das Regiment übernehmen, zieht die Groteske an. Im Kessel von Stalingrad fressen Totenkopfpuppen menschlichen Front-Nachschub wie Frischfleisch. In den Räumen, vor allem den Klos, des Plattenbaus auf der Drehbühne mit Klingelschild Heiner Müller, werden unter den Porträts von Hitler und Stalin die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verhandelt. Im überzogenen Spiel werden die beiden Massenmörder hauptsächlich durch ihre Oberlippenbärte und ihr Weltherrschafts-Gekeife charakterisiert. Ihr teuflischer Pakt wird mit Kanistern voller Blut in der Badewanne beschlossen. Tumbe Nibelungenkämpfer in Fantasieuniformen (Kostüme: Patricia Talacko) rollen in einem Kampfwagen ein.

Germania nach Heiner Müller, Regie: Claudia Bauer (Quelle: Julian Röder)
v.l.n.r. Amal Keller, Zenghao Yang, Sebastian Grünewald, Friederike Harmsen, Rowan Hellier, Narine Yeghiyan | Bild: Julian Röder

Gigantomanie der Mittel wie bei Piscator und Castorf

Puppenspielkunst kommt zum Einsatz, die Szenen im Plattenbau (Bühne: Andreas Auerbach) werden mit Live-Kamera  auf dessen Fassade übertragen, auf der Leinwand flimmern Abbilder urdeutscher Mythengestalten, Cäsarenfiguren und marschierende Soldaten (Video: Rebecca Riedel). Dazu liefert ein wirklich erstklassiges großes Orchester unter der Leitung von Mark Scheibe den an Wagner-Bombast erinnernden, allerdings frisch komponierten Live-Sound, singen ein Männerchor und eine Sopranistin und zwei Mezzosopranistinnen in blutroten Abendkleidern.

Sie tragen unter anderem "Siegfried eine Jüdin aus Polen" vor, eine Szene, in der Heiner Müller einen Bogen schlägt vom heimtückischen Mord am blonden Sagenhelden Siegfried durch Hagen und der nicht minder heimtückischen Ermordung der Linken-Ikone Rosa Luxemburg durch Freikorpschergen 1919. 

Der Gigantomanie der Mittel, die an Traditionslinien der Volksbühne von Erwin Piscator bis zur Ära Castorf anknüpfen, entspricht nicht immer inhaltliche Tollheit und Präzision. Das Grauen in den Schützengräben bleibt in der Überzeichnung außen vor. Die ruhmreichen Bauarbeiter in der Stalinallee in Ostberlin wirken wie der gesamte Aufbau Ost in Müllers Perspektive, nämlich der sozialistische vor der Wende und der der Inbesitznahme durch Alteigentümer nach der Wende, eher harmlos, wo er doch in der Vorlage "Germania 3" ganz und gar böse konnotiert ist.

Reanimation des sperrigen Dramatikers mit spielerischen Mitteln

"Endlich wieder Osten spielen", heißt es einmal, wenn die hier dick aufgeblasenen grünen Viren mit langen Bärten ihren "Krieg" abgespielt haben, also Müllers Replik auf einen reißerischen "Spiegel"-Artikel über den Aids-Erreger und Party-Machen.

Vielleicht ist dem schwierigen, sperrigen Denker und Dramatiker, der gerade in Erinnerung an Mauerfall und Wende vor 30 Jahren vielfach reanimiert wird, nur so überhaupt auf den Bühnen von heute beizukommen: mit einem überbordenden spielerischen Ansatz, der von all den klugen abgründigen Gedankenschnipseln so viel wie möglich in Bilder, Chöre, Performances und Schauspieleinlagen zu übersetzen versucht. Rundum gelingen kann das -  wie dieses insgesamt zwar bildmächtige, aber historisch-materialistisch gesehen eher harmlose Zombie-Potpourri von Claudia Bauer - wahrscheinlich gar nicht.

Sendung: Inforadio, 18.10.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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