Fabian Hinrichs mit Tänzer*innen der Palast-Compagnie (Quelle: Friedrichstadtpalast/William Minke)
Bild: Friedrichstadtpalast/William Minke

Theaterkritik | René Pollesch im Friedrichstadt-Palast - "Was ist das, diese grundlegende Einsamkeit?"

René Pollesch und Fabian Hinrichs toben sich in "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" auf der riesigen Bühne des Berliner Friedrichstadt-Palasts aus. Dennoch gerät der Abend überraschend traurig und melancholisch. Von Fabian Wallmeier

"Kaum einer in diesem Raum hätte gedacht, dass ich so bravourös tanzen kann", sagt Fabian Hinrichs. Das stimmt natürlich nicht - und macht einen Teil des Reizes aus, den dieser gemeinsame Ausflug mit dem künftigen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch an den Berliner Friedrichstadt-Palast ausstrahlt. Hinrichs hinkt ein wenig, möglicherweise hat er sich vor der Premiere leicht verletzt, ganz klar wird das an diesem Abend nicht. Jedenfalls wirken seine Bewegungen, die er synchron mit 27 Mitgliedern des Tanz-Ensembles des Hauses zu vollziehen versucht, im Vergleich schluffig, geradezu grobschlächtig - und das ist mit Sicherheit bewusst so inszeniert und nicht nur Hinrichs Hinken geschuldet.

Dass Pollesch und Hinrichs ausgerechnet an dem riesigen Revuetheater in der Friedrichstraße einen Abend gestalten, war die große Überraschung der neuen Berliner Theaterspielzeit. Im Bühnenbild der Show "Vivid" testen sie nun aus, was mit den Mitteln des Hauses so alles möglich ist - mal mit ironischer Distanz, mal beiläufig, mal mit geradezu kindlicher Freude an der Maschinerie.

1.480 Plätze fasst der Saal, noch gut 400 mehr wären es, wenn auch das Hochparkett für die Inszenierung geöffnet worden wäre. Dass dem nicht so ist, scheint eine gute Entscheidung zu sein. Denn Hinrichs greift zwar hin und wieder zum Mikrofon, spricht aber den Großteil seines Monologs unverstärkt - und dabei stößt selbst jemand, der es gewohnt ist, die Volksbühne mit seiner Stimme zu beschallen, irgendwann an seine Grenzen.

Eine Nacht allein im Spielzeugladen

Pollesch und Hinrichs nehmen den Ort charmant verstolpert in Beschlag. Hinrichs läuft durch die Reihen, tanzt Cancan mit den Tänzer*innen, schwingt an einem Seil über die Bühne. Das Palast-Team lässt die Laser-Effekte flirren und eine selbstfahrende Show-Brücke über die 38 mal 37 Meter große Bühne gleiten. Dass das alles nicht so perfekt ineinandergreift wie in einer Palast-Revue, liegt auf der Hand. Es wirkt streckenweise eher so, als wäre Hinrichs über Nacht allein in einem riesigen Spielzeugladen und dürfte mal so richtig die Sau rauslassen.

Trotzdem ist der 70 Minute kurze Abend nicht in erster Linie eine spaßige Annäherung an den Ort und seine Möglichkeiten. Erstaunlicher ist vielmehr, von welch einer tiefen Traurigkeit dieser Pollesch-Abend durchzogen ist. "Was ist das, diese grundlegende Einsamkeit", fragt Fabian Hinrichs am Anfang. So richtig eindeutig beantwortet er das im Folgenden nicht. Aber ein paar Schlaglichter setzt er schon. Mit unerwartetem Ergebnis: "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" wirkt auf eine Art persönlich, wie man sie von den beiden so noch nicht kannte.

Statt der von Pollesch bekannten langen Diskursschleifen, cleveren Wiederholungen und Debattenzermalmungen gibt es hier vor allem biographische Miniaturen. Die sind bei allem Witz, mit dem sie verpackt sind, im Kern von einer unerwarteten Unheiterkeit, so schelmisch lapidar Hinrichs sie auch vortragen mag. Es ist die Rede von Selbstmordgedanken mit sechs Jahren, von Isolation, von Verlorensein im Großstadtalltag, vom prügelnden Vater. "Jaaja, eine rührende Geschichte", liefert Hinrichs zwar die Distanzierung gleich mit - dennoch bleibt die Grundstimmung traurig, der Tonfall melancholisch. Selbst die Tänzer*innen verkünden irgendwann, sie hätten Hinrichs verlassen. Er denkt laut über ein besonders traurig-erhabenes Lied der Smiths nach,"There Is a Light That Never Goes Out", und fragt sich, warum man überhaupt noch Hoffnung haben sollte.

Fabian Hinrichs mit Tänzer*innen der Palast-Compagnie (Quelle: Friedrichstadtpalast/William Minke)Fabian Hinrichs steht in der Pollesch-Inszenierung mit insgesamt 27 Mitgliedern des Tanz-Ensembles des Friedrichstadt-Palasts auf der Bühne.

"Ich hab Crack probiert"

Fröhlichere Miniaturen hat der Abend aber auch zu bieten. Hinrichs macht Witze über Honecker und Kohl, singt zur Melodie von Jacques Brels "Ne me quitte pas" höheren Blödsinn über Franz Kafka und Wolf Biermann und den Refrain "Ich hab Crack probiert" und macht sich über Dieter Bohlen lustig.

Das Ende stimmt dann bei aller Melancholie und Traurigkeit sogar versöhnlich. Nach und nach bricht sich eine kleine Utopie der Zweisamkeit Bahn, die Hoffnung, dass die "völlige Erneuerung der Welt" zumindest im Privaten eben doch möglich ist. "Ich will mit dir eine dieser Straßen entlang gehen", sagt Hinrichs und vergewissert schließlich dem Tänzer*innen-Chor: "Es ist so dunkel, aber ich kann euch sehen." Dann gibt die Show-Maschinerie noch einmal alles: Hinrichs beginnt, vor einem Meer aus Sternen schwebend, sich um die eigene Achse zu drehen, Celine Dion schmettert endlich ihr, zuvor nur als endlos scheinender Loop der ersten Zeile angespieltes, "All By Myself" - und in diesem Moment wirkt selbst der aufgeblasene Bombast dieses Tracks irgendwie tröstlich.

Sendung: rbbKultur, 10.10.2019, 07:45 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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