"Talking About Your Generation" Regie: Uta Plate (Quelle: Arno Declair)
Audio: Inforadio | 21.10.2019 | Ute Büsing | Bild: Arno Declair

Theaterkritik | "Talking About Your Generation" im DT - Intensivkurs des Lebens mit Trikottausch

In "Talking About Your Generation" befassen sich am Deutschen Theater 18 Jugendliche aus Russland, Polen und Deutschland mit der Wende vor 30 Jahren. Regisseurin Uta Plate hat das Aufeinandertreffen zu eindrücklichen Spielszenen verdichtet. Von Ute Büsing   

Sie sprechen über sich und ihre Generation. 18 Jugendliche aus Russland, Polen und Deutschland zwischen 16 und 21 Jahren reflektieren über ihre eigene Position nach den Systemwechseln, in die sie hineingeboren wurden, und sie befragen ihre Eltern oder Großeltern zum Umbruch: Was habt Ihr damals erlebt? Wo habt Ihr gestanden?

In der Recherchephase des Großprojekts für den Programm-Schwerpunkt "30.nach.89" am Deutschen Theater Berlin haben sie sich vor Ort besucht, gemeinsam diskutiert und auch politisiert. Zusammengekommen ist eine pralle Materialsammlung, die jetzt im Bühnenraum der schlicht weiß gehaltenen DT-Box zu eindrücklichen Spielszenen verdichtet wird.

Aufklärung und spielerische Intervention

Die Russen laufen der Unterscheidung halber ganz in gelben Spieluniformen auf. Rosa markiert sind die Polen und blau die Deutschen. Nacheinander klären die Mann- und Frauschaften der drei Nationen über die jeweiligen Verhältnisse auf, die 89/90 zur politischen Wende führten. In der didaktischen Abteilung des prallen 90-Minüters erklären sie sich selbst und dem Publikum noch einmal, welche politischen Entwicklungen zum Umbruch führten. Dabei werden eigene und fremde Wissenslücken mit spielerischen Overhead-Projektionen gefüllt und illustriert: Fotos von Massendemonstrationen, Panzern und Politikern im Widerstreit beharrender und systemsprengender Kräfte werden übermalt und so auch kommentiert.

Bei den jungen Russen bleibt am Ende nur das Gesicht Putins übrig. Die Polen heben den starken Solidarność-Beitrag hervor und die Deutschen thematisieren den raschen Wandel zugunsten von Helmut Kohls einig' Vaterland.

"Talking About Your Generation" Regie: Uta Plate (Quelle: Arno Declair)
Szene aus "Talking Aboout Your Generation" | Bild: Arno Declair

Mauerschau-Lamento mit Handpuppen

Wie es vor der Wende in den geteilten Deutschlands zuging, klären Vater und Sohn mit DDR-Wurzeln beim Wäschesortieren – wie überhaupt zusammengeschnürte Wäsche-Stapel in den hier vergebenen Landesfarben immer wieder als Bühnenmittel eingesetzt werden. Für Altlasten wie die Mauer zum Beispiel. Das DDR-Vater-Sohn-Paar jedenfalls arbeitet sich an FDJ-Blauhemden und Blaumännern ab. Der Vater, so stellt sich heraus, war bei den Grenztruppen, für politisch hielt er damals Punks (links) und Skins (rechts). Er war 19 und hatte keine Meinung oder Oppositionszugehörigkeit.

Auf der anderen Seite betreibt ein ironisiertes West-Großeltern-Paar in Gestalt von Handpuppen Mauerschau, lamentiert über die da drüben, die mit „Ostpaketen“ versorgt werden mussten und sich nach der Wende das Begrüßungsgeld abholten.

Eine der schönsten Spielszenen steht gleich zu Beginn. Da setzt ein junger Russe nach und nach aus gelben Kleidungsstücken seinen Vater zusammen. Er erzählt, wie der sich zwischen Schmugglerbanden im aufkeimenden Raubtierkapitalismus der Jelzin-Jahre durchschlug. Tricksen oder Töten. Später lernt das Publikum diesen Vater und seine Haltung (er unterstützt Putin) in einer der eingespielten Filmszenen der Gespräche vor Ort kennen.

Bei den jungen Russen reibt sich viel der geballten Spielenergie an Putin und dessen Alleinherrschaft auf. Immer wieder wird sie thematisiert als Einschränkung persönlicher Freiheiten und der allgemeinen Menschenrechte, während die jungen Polen in ihrem Spiel eher mit dem Ausleben neuer Freiheiten und der Besetzung gesellschaftlicher Nischen beschäftigt sind. Wer hat den besten Survival Guide und gibt es eine – gemeinsame – Zukunft in Europa?

Trikottausch im animierten Geschichtslabor

Eine ebenfalls sehr eindringliche Spielszene, wiederum mit Handpuppen und zweckentfremdet eingesetzten Gegenständen, widmet sich ausführlich der Großmutter einer Spielerin, einer polnischen Fernsehjournalistin, die im Polizeistaat unter General Jaruzelski Aufstände dokumentierte und sich damit in Gefahr brachte. Jede Nation trägt anrührend ihre eigene Freiheitshymne vor – nur bei den Deutschen hapert es damit, sich auf den einen Song des Umbruchs zu einigen. Von den Skorpions, David Hasselhoff oder doch eher einer Ostrockband?

Bitterernstes wechselt mit lustigen Interventionen in diesem animierten Geschichtslabor zur lebendigen Erinnerungskultur. Das Publikum spürt richtig, wie sich die an diesem Intensivkurs des Lebens Beteiligten, angeleitet von Regisseurin Uta Plate und Dramaturgin Birgit Lengers, während des gemeinsamen Recherche- und Probenprozesses nahe gekommen sind, Freundschaften geschlossen haben. Was könnte das schöner dokumentieren als der dem Fußball entlehnte Trikottausch am Ende?

Sendung: Inforadio, 21.10.2019, 06:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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