Mit 246 Popsongs durch 240 Jahre amerikanischer Geschichtsschreibung: Taylor Macs monumentale Show "A 24-Decade History of Popular Music" erzählt über vier Abende hinweg eine alternative Geschichte der USA. (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Theaterkritik | "A 24-Decade History of Popular Music" - Willkürliche Akte der Fabelhaftigkeit

24 Jahrzehnte US-Geschichte erzählt in 24 Stunden mit 248 Songs. Die Musiktheater-Show des Drag-Performers Taylor Mac war in Berlin zu Gast. Vier überwältigende Abende, die selbstbewusst eine Gegenerzählung etablieren. Von Fabian Wallmeier

"Amazing Grace" im Sechsachteltakt, Nebel aus dem Bühnenboden – und los geht's: Taylor Mac steigt empor, Performer, Sänger, Gesamtkunstwerk. In extravaganten bunten Lametta-Lumpen und mit gewaltiger Feder-Tiara setzt judy (so das Pronomen, das Mac statt "er" oder "sie" bevorzugt) zu einem langen Ritt an: 24 Jahrzehnte stehen auf dem Programm, von 1776 bis 2019. Für jedes Jahrzehnt ist eine Stunde veranschlagt. Mithilfe von 248 Songs erzählt Mac so eine "History of Popular Music", aber auch eine - sehr subjektive - Geschichte der USA von der Unabhängigkeitserklärung bis heute, durchzogen von queeren Gegenerzählungen.

24-köpfige Band und "Dandy Minions"

Mac hat die 24 Stunden in New York auch schon am Stück performt. Im Haus der Berliner Festspiele verteilen sie sich aber auf vier sechsstündige Abende, deren letzter nun in der Nacht zu Montag zu Ende gegangen ist. Es sind vier monumentale Show-Ereignisse - wenn auch mit von Abend zu Abend schwankender Dringlichkeit.

Mac stemmt die Show beileibe nicht alleine - eine zu Beginn 24-köpfige Band ist mit dabei, unter der Leitung von Matt Ray am Flügel, der die Songs arrangiert und mit unerschütterlicher Präzision und Konzentration den musikalischen Drive am Leben hält. Über die Bühne und durch den Saal wuseln zudem während der ganzen Show Macs "Dandy Minions", New Yorker und vor allem Berliner Performer*innen verschiedener Gender, Herkünfte, Altersklassen und Körperformen, die aber eines eint: Sie feiern mit ihren Auftritten die Queerness.

Mit 246 Popsongs durch 240 Jahre amerikanischer Geschichtsschreibung: Taylor Macs monumentale Show "A 24-Decade History of Popular Music" erzählt über vier Abende hinweg eine alternative Geschichte der USA. (Quelle: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst)
Bild: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Dabei verteilen sie Bier, Suppe oder Tischtennisbälle, mal assistieren sie, mal animieren sie – oder sie performen einfach, wie Mac ihre Aufgabe beschreibt, "willkürliche Akte der Fabelhaftigkeit", was auf Englisch ("random acts of faboulousness") um einiges fabelhafter klingt.

Jede Stunde ein neues Kostümkunstwerk

Taylor Mac ist eine gewaltige Erscheinung – und das nicht nur wegen der phänomenalen, stündlich wechselnden, ausufernden Kostümkunstwerke von Machine Dazzle, der als Performer und Umziehhelfer Teil der Show ist. Auch Macs gewaltige Stimme, die mit sanftem Wispern genauso ins Herz treffen kann wie mit (deutlich öfter eingesetztem) schmetterndem Musical-Helden-Vibrato, ist nicht das eigentliche Ereignis. Sondern Mac hat als Performer und Conférencier des 24-Stunden-Marathons eine geradezu außerirdische Präsenz, ein Durchhaltevermögen, eine Ausstrahlung, einen Witz, eine Ein- und Zudringlichkeit ohnegleichen.

Die 24-Stunden-Show ist keine zwei Minuten alt, da wird die erste Frau aus dem Publikum auf die Bühne gezerrt. "Ich will, dass ihr euch unwohl fühlt", sagt Mac – und meint das zwar ernst, aber durchaus liebevoll. Was dem Publikum im Laufe der vier langen Abende abverlangt wird, überschreitet oft die Wohlfühlschwelle, führt aber niemanden bösartig vor.

Wesentlicher Bestandteil der Show sind Gruppenaktionen, wenn Mac etwa das Publikum aufteilt, um den amerikanischen Bürgerkrieg nachzuspielen. Nord- und Südstaatler bewerfen sich dann mit Tischtennisbällen. Es sind harmlose Späße, die aber durchaus den Themen und Botschaften, die damit verbunden sind, eine längere Verweildauer im Gedächtnis bescheren. 

"Wenn ein Saal voller Menschen verfällt"

"Ein Teil des Erlebnisses ist es für mich zu sehen, was passiert, wenn ein Saal voller Menschen verfällt", sagt Mac irgendwann in Stunde 13. Das ist natürlich Koketterie. Denn die 24 Stunden führen bei den meisten Zuschauer*innen keineswegs zu einem Verfall, sondern zu sich steigernder Euphorie.

Manchmal erinnert diese Ekstase, die das gemeinsame Verbringen einer so langen Zeit in einem Theaterraum auslösen kann, an Christopher Rüpings zehnstündige Antiken-Inszenierung "Dionysos Stadt", die im Mai beim Theatertreffen im selben Haus Jubelstürme auslöste. Aber im Vordergrund steht bei Taylor Mac doch etwas anderes, mehr als das gemeinsame Erleben eines großartigen Theaterabends: Diese 24 Stunden im Theater sind eine strahlende und sehr lustige Feier des Nicht-Normativen, eine selbstbewusste Inanspruchnahme der großen (amerikanischen) Weltläufte durch die queere Gegenkultur. Phantastisch, wenn Theater so etwas leisten kann.

Mac deutet die Geschichte selten komplett um, entscheidend ist vielmehr, dass sie fabulierend ergänzt wird – um die Geschichten, die von der Geschichtsschreibung übersehen wurden. So wird etwa in Stunde 14 der Erste Weltkrieg aus Sicht der auf ihre Ehemänner wartenden Frauen Ethel und Gladys zur lesbischen Selbstwerdungsgeschichte. Stunde 7 ist dagegen ein großangelegter schwuler Gegenentwurf: Mac lässt Songs des "Vaters des amerikanischen Musik", Stephen Collins Foster, gegen Vertonungen von Gedichten des schwulen Dichters Walt Whitman antreten. Den Kampf gewinnt, gemessen am Jubel des Publikums, Whitman – doch in der nächsten Stunde stellt Mac lapidar klar: Natürlich hat in Wirklichkeit Foster gesiegt. Es geht hier nicht um billige Verklärung.

Mit 246 Popsongs durch 240 Jahre amerikanischer Geschichtsschreibung: Taylor Macs monumentale Show „A 24-Decade History of Popular Music“ erzählt über vier Abende hinweg eine alternative Geschichte der USA. (Quelle: Berliner Festspiele/Teddy Wolff)
Bild: Berliner Festspiele/Teddy Wolff

Die Rolling Stones entmannt

Taylor Mac hat es sich zum Prinzip gemacht, die Texte der Songs nicht zu verändern, so unerträglich sie aus heutiger Sicht auch sein mögen. Aber manchmal, wenn es ganz besonders rassistisch oder sexistisch wird, bricht judy ab. "Hört auf, für diese Scheiße zu applaudieren", weist Mac das Publikum dann charmant ruppig zurecht. Oft entfalten gerade die alten, dem deutschen Publikum größtenteils unbekannten Songs aber auch ganz von selbst eine ungeahnte Kraft, wenn sie in diesem neuen Kontext zu hören sind. Auch bekanntere Songs strahlen in neuem Glanz. "Ich liebe es, die Rolling Stones zu entmannen und aus ihren Lieder queere Hymnen zu machen", sagt Mac nach einer flamboyanten Version von "Gimme Shelter".

So sehr sich die einzelnen Stunden auch voneinander unterscheiden, so frei, wechselhaft und ausufernd hier auch die unterschiedlichsten Themen und Stoffe verhandelt werden: Die Show steuert durchaus konsequent auf ihr Ende zu. Nach jeder Stunde, so verkündet Mac zu Beginn, verlässt ein*e Musiker*in die Bühne. Das passiert mal unkommentiert, mal mit großem Abgang, wenn etwa der Harfenist sich nach Stunde 2 das Hemd vom Leib reißt und unter Jubel von den Dandy Minions auf Händen aus dem Saal tragen lässt. 

"You can lie down or you can get up and play"

Besonders berührend wird der (nicht immer ganz konsequente durchgehaltene) stündliche Verlust in der Mitte des vierten und stärksten Abends: In Stunde 20 wurde noch mit größter Albernheit der Kalte Krieg beendet, indem zwei aufblasbare Riesenpenisse in den Farben der amerikanischen und der russischen Flagge vom Publikum durch den Saal aufeinander zu gestupst wurden, was schließlich zu einer Ejakulation aus weißen Bändern führte. Doch jetzt wird es ernst, denn es geht um ein zentrales Trauma:  Stunde 21 behandelt die Aids-Krise, die in den 1980ern in der Schwulenszene reihenweise Todesopfer forderte.

Nun muss, um diesen zentralen Verlust der amerikanischen Schwulenbewegung zu verdeutlichen, der "Herzschlag unserer Show" gehen, die Schlagzeugerin, außerdem Kostümbildner Machine Dazzle. Schließlich laufen noch die "Dandy Minions" langsam ins fahle Licht der Hinterbühne. "Love Will Tear Us Apart" singt Taylor Mac nun, begleitet von einem Köpenicker Laien-Akkordeonorchester und mit bittersüßer Herzensschwere.

Ganz am Ende steht der Star der Show ganz allein auf der Bühne, stellt den Mikrofonständer zur Seite und singt, nur begleitet von der Ukulele, ein selbst geschriebenes sanftes Lied über künstlerische Zuversicht. "You can lie down or get up and play" singt schließlich sacht der ganze, noch immer proppenvolle Saal. Wem da nicht längst das Herz aufgegangen ist, der hat wahrscheinlich keins.

Queer durch die US-Geschichte

Sendung: Inforadio, 15.10.2019, 12:30 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Also ich war bei Teil 3 und 4 (1896 bis heute) und das war das schönste, lustigste und manchmal ergreifend traurigste, was ich je im Theater oder in einer Show gesehen habe. Also wer das nicht gesehen hat, hat leider etwas verpasst. Ich bin so traurig, dass ich mir nicht auch noch Teil 1 und 2 angeschaut habe. Ich hoffe, Judy kommt irgendwann wieder.

  2. 1.

    Wahnsinn, so eine Performance. Ich weiß nicht, ob ich die durchgehalten hätte, doch ich wäre gerne dabei gewesen...

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