Künstlerin bereitet ein Schattentheater in der ZLB Berlin vor (Quelle: rbb/Annette Kufner)
Audio: Inforadio | 24.10.2019 | Annette Kufner | Bild: rbb/Annette Kufner

ZLB ist Bibliothek des Jahres 2019 - Eine Bibliothek, in der man sogar Kuchen backen kann

Viel mehr als nur Bücher: Seit Jahren ist die Zentral- und Landesbibliothek Berlin ein Besucherhit. Am Donnerstag wurde die Bildungsinstitution nun auch als "Bibliothek des Jahres" ausgezeichnet. Von Annette Kufner

In der Amerika-Gedenkbibliothek ist viel los: Vor dem Haupteingang spielt ein Blasorchester. Im Foyer herrscht reger Betrieb. Eine Tombola ist im Gange. Im Lesesaal führt eine Künstlerin ein Schattentheaterstück vor. Derweil sind die Leseplätze fast alle besetzt. Vor ein paar Tagen erst hat die Bibliothek ihren 101. offenen Sonntag gefeiert. Und hat damit diese Woche gleich zwei Gründe zum Feiern. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, zu der auch die AGB gehört, ist vom Deutschen Bibliotheksverband zur "Bibliothek des Jahres 2019" gewählt worden. Am 24. Oktober – zum "Tag der Bibliothek" – wurde der Preis überreicht. Er ist mit 20.000 Euro dotiert.

Blasorchester zum 101. Offenen Sonntag der ZLB (Quelle: rbb/Annette Kufner)
Blasorchester zum 101. Offenen Sonntag der Amerika-Gedenkbibliothek | Bild: rbb/Annette Kufner

Mehr Besucher als im Bürgeramt

Dass die Zentral- und Landesbibliothek diese Auszeichnung bekommen hat, liegt auch daran, dass sie so viele Menschen erreicht. 1,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer besuchen jedes Jahr die Standorte der ZLB. Alle Druckwerke, Daten und Tonträger, die in Berlin veröffentlicht werden, werden hier gesammelt. 3,5 Millionen Medien können die Besucher einsehen. Sogar Ölgemälde kann man sich ausleihen.

Simon studiert Sozialwissenschaften und kommt regelmäßig her. Mit seinem Laptop hat er sich einen Tisch am Fenster gesichert. "Am meisten gefällt mir, dass es eine Zwischenatmosphäre zwischen Bibliothek und Café ist: Hier ist ein bisschen mehr los.“

Rainer ist obdachlos und kommt fast jeden Tag her. Am liebsten mag er den Ruheraum der Bibliothek. "Ich lese regelmäßig die Tageszeitungen hier. Es ist ruhig, alles liest – es ist ganz entspannt."

Volker Heller leitet die ZLB in Berlin (Quelle: rbb/Annette Kufner)
Bibliotheks-Leiter Volker Heller | Bild: rbb/Annette Kufner

Volker Heller leitet seit sechs Jahren die Zentral- und Landesbibliothek. Er ist stolz, dass seine Institution so viele Menschen erreicht: "Wir sagen immer, bei uns ist die Stadt." Allerdings werde das Potenzial einer solchen Infrastruktur sehr unterschätzt: "In den öffentlichen Bibliotheken in Berlin haben wir jedes Jahr über 9,5 Millionen physische Besucher",  sagt Heller. "Das ist irre viel. Die Bürgerämter haben nur etwas mehr als drei Millionen."

"Das Wissen ist in den Köpfen der Menschen"

Im Laufe der Jahre habe sich deshalb das Selbstverständnis der ZLB weiterentwickelt: "Wir glauben, dass das Wissen der Stadt auch sehr stark in den Köpfen der Menschen ist. Und wir glauben, dass die Bibliothek ein perfekter Ort ist, um dieses Wissen auch untereinander zu teilen." In der Amerika Gedenkbibliothek werden deshalb nicht nur Bücher verliehen. Die Besucher können auch eigene Ideen einbringen. Manche haben schon regelrechte Seminare angeleiert, erzählt Heller: "Wir hatten neulich eine Dame, die mit ihrem mobilen Mikrowellen-Herd bei uns in den Salon gekommen ist und dort nach einem sehr speziellen Rezept einen Schokoladenkuchen gebacken hat. Und während sie das getan hat, hat sie eine Lecture gegeben – über die Bedeutung der Kakaobohne in der Geschichte. Hochinteressant, hochpolitisch. Dabei wurde der Raum erfüllt vom Duft dieses Schokoladenkuchens. Und am Ende kriegte jeder noch ein Stück."

"Macht das Beste draus"

Die Dame hatte sich im Rahmen des Sonntagsprogramms der Amerika-Gedenkbibliothek angemeldet – eine weitere Besonderheit der ZLB. Normalerweise haben öffentliche Bibliotheken sonntags nämlich zu. Grund ist das deutsche Arbeitszeitgesetz. Dass Bibliotheken nicht wie andere Kulturinstitutionen davon ausgenommen sind, findet Volker Heller absurd. Das ZLB-Team beschloss, die Regelung zu umgehen. Es gelang schließlich mit einer klugen Idee: Die Bibliothek wurde für Veranstaltungen zur Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben geöffnet.

"Und dafür darf man sonntags arbeiten", erzählt Heller: "Das war der Trick, mit dem wir jetzt seit zwei Jahren jeden Sonntag geöffnet haben. Die Leitidee ist, dass wir den Schlüssel zum Gebäude der Stadtgesellschaft geben und sagen: Macht das Beste draus!"

Für die Zukunft hofft Volker Heller, dass die Menschen in Berlin – und auch die Berliner Politik – die Bibliotheken noch viel stärker für die täglichen Debatten nutzen, die sie miteinander austragen müssen. "Aber auf freundliche, informationsbasierte Weise und als Gegenpol zu Fake-News basierten Empörungswellen. Denn wir sind der sympathische Ort, der Bücher verleiht", ergänzt der ZLB-Chef. "Aber wir sind noch viel mehr als das."

Sendung: Inforadio, 23.10.2019, 15:55 Uhr

Beitrag von Annette Kufner

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2 Kommentare

  1. 2.

    Der Vergleich mit den Bürgerämtern hinkt ein wenig. Während die Bibliothek tgl. von 10-21 geöffnet hat und jeder kommen kann, hat das Bürgeramt wesentlich kürzere Öffnungszeiten und man braucht einen Termin.

  2. 1.

    Demnächst bringen wir auch unsere Betten mit in die Bibliothek. Das ist ja schöner als in den vergammelten siebziger Jahren!!! Und alles kostenlos! Vielmehr als nur Bücher: Der Titel Ihres Beitrags spricht Bände und läßt für die weitere Entwicklung der Berliner Jugendlichen hinsichtlich ihrer Bildung im umfassenden Sinne das Schlimmste annehmen. In dem Rummel ist das Lesen und Arbeiten am Ort - mit Büchern, neben die ich zwei Kuchen und Kaffee plazieren darf, die ich nicht entleihen darf, weil sie so wertvoll sind. - Haha!

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