Die 100 besten Rock-Songs präsentiert im Festsaal Kreuzberg bei der entsprechenden Record-Release Party. (Quelle: rbb/W. Klotzek)
Bild: rbb/W. Klotzek

Konzertkritik | Release-Party im Festsaal Kreuzberg - Im Gehege mit quietschfidelen Dinosauriern des Ost-Rocks

Im Sommer wählte eine Jury auf Radioeins die "100 besten Ost-Songs". Daraus wurde ein Album, das am Montag mit einer "absolut verrückten Mischung" an Künstlern vorgestellt wurde. Wilhelm Klotzek erlebte einen Abend zwischen Punk, Jazz und Freude.

Mit grünen Parka-Jacken umhüllte Bierbauchträger, Altpunks in Nietenleder, junggebliebene Mittsechziger vom Team Decathlon und blutjunge Ostrockfans: Ein gut gemischtes Publikum bevölkert am Montagabend den vollen Festsaal Kreuzberg in Berlin.

Im Sommer 2019 hatte eine Jury auf Radioeins die "100 besten Ost-Songs" ausgewählt. Am Montag nun lud der Radiosender zur Record-Release Party, bei der - zur Vinyl beziehungsweise CD-Präsentation - auch diverse Musiker und Bands auftraten.

Als Einheizer: die Berliner Punkband "Die Skeptiker". In einem angenehmen schnoddrigen Berliner Dialekt begrüßt Frontmann und Gründungsmitglied der Band, Eugen Balanskat, das Publikum, um dann auf gleich mit seiner Combo gut durchgeölten, rotzigen Punkrock zum Besten zu geben. Erstaunlich frisch wirkt der Sänger in seinem Grau-schimmernden Anzug, wie er den 30 Jahre alten Hit der Band "DaDa in Berlin" in den Saal hineinscheppert.

Anekdoten über die "Dinos des Ost-Rock"

Auf diesen kraftvollen Einstieg folgt der Auftritt von zwei Mitgliedern der Band "Herbst in Peking" die Bühne. Mit Beats aus dem Drumcomputer und der vollen Palette an Soundeffekten auf Gitarre und Stimme präsentieren sie eine eigenwillige Version des Songs "Bakschischrepublik" von 1990, um danach, einer Predigt gleich, den Text "Es gibt keine Freiheit" des Ostberliner Untergrund-Lyrikers Bert Papenfuß auf einem zwölfminütigen, leicht pathetischen Klangteppich auszubreiten.

Durch das kesselbunte Programm des Abends, auch um die Umbaupausen zu überbrücken, führt Jörg Stempel, ehemaliger Puhdys-Manager und letzter Chef des ostdeutschen Plattenlabels Amiga. In den Pausen erzählt er immer wieder einige Anekdoten: etwa über die "vier Dinos des Ost-Rock", die sich für ihn aus Karat, City, Silly und Maschine zusammensetzen. Oder er lässt wissen, dass der Sänger der Band Sandow, Kai-Uwe Kohlschmidt, gerade einen doppelten Bandscheibenvorfall hatte und deshalb nicht kommen kann, aber trotzdem schön grüßen lässt. Ein wehleidiges Raunen geht durch die mitleidene Menge.

"FKK" und "Langeweile"

Nachdem Dirk Zöllner mit seiner Band "Die Zöllner" und weiteren Gastmusikern zwei Cover-Versionen der Klaus Renft Combo ("Wer die Rose ehrt" und "Gänselieschen") in allerbester "...und jetzt alle zusammen!"-Manier dargeboten hat, dröhnt aus einem hinteren Publikumsrang mehrmals laut "Wir sind das Volk!". Droht die Veranstaltung an dieser Stelle zu kippen? Ein beherztes "Halts Maul!" aus der anderen Ecke des Saals, entschärft die Situation.

Die Veranstalter bemühen sich, alle verfügbaren Acts des Genres an den Start zu bringen. Die Band "Juckreiz" singt ihr NDW-lastiges "FKK" und Andre Herzberg bringt mit "Langeweile" den Knoten zum Platzen. Dem Applaus zufolge könnte das Lied die heimliche Nummer eins der 100 besten DDR-Songs sein.

Im weißen Jaguar durch Zwickau

Nach einigen wirklich beeindruckenden Gesangeinlagen des neuen "Stern Combo Meissen"- Sängers, Manuel Schmid, unter anderem mit einer Cover-Version von Holger Bieges "Sagte mal ein Dichter", folgt ein fast schon musikhistorisches Ereignis: Günther Fischer und Uschi Brüning betreten die Bühne, um (erstmals!) den Funk-Soul-Kracher aus dem Jahre 1974 "Hochzeitsnacht" live zu performen. Der Komponist und Jazzmusiker Günther Fischer hat es mit seinen Werk bis in die groovenden Samples des Avantgarde-Rappers MF Doom geschafft und die Sängerin Uschi Brüning galt schon in den siebziger Jahren als "Ella Fitzgerald der DDR". Ein besonderes Erlebnis, diese beiden Größen des durchaus international bedeutenden DDR-Jazz zu hören.

Dieser Moment zeigt auch die Breite des Spektrums an diesem Konzertabend: von widerspenstigen Musikerpersönlichkeiten der Punkszene der 1980er Jahre - bis hin zum privilegierten Jazz-Komponisten, der im weißen Jaguar durch das Zwickau der 70er Jahre zuckelt. Als eine "absolut verrückte Mischung" fasst dann auch Jörg Stempel die Zusammenstellung zusammen. Da ist es wenig verwunderlich, dass nach zweieinhalb Stunden auch nicht alle Musiker auf die Bühne zu kommen, um in einer Art "Familientreffen des Ostrock" ein letztes Ständchen mit dem beseelten Publikum zu singen.

Sendung: Radioeins, 18.11.2019, 20 Uhr

Beitrag von Wilhelm Klotzeck

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3 Kommentare

  1. 3.

    Alles gut und schön:aber da fehlen doch sehr illustre Namen!
    Wo waren die noch lebenden Renft-Mannen?Hatten die keine Lust?
    Mir fehlen auch die Namen Engerling,Pantha Rhei (aus Ferdinand Karat hervorging).und die Modern-Soul-Band.
    Und über den Herrn Birr,den ich mal bei einem Who-Konzert in der Deutschlandhalle als Zuschauer (der wohl gedacht hat,er ist Gott) „erleben durfte“,kann man geteilter Meinung sein:mit der verhätschelten DDR-Staatsband Puhdys liegt er jetzt im Streit...Na ja.

  2. 1.

    Zwar ist die ARD Bildungswoche nun schon wieder vorbei aber es wäre doch schön, wenn irgendwann mal wenigstens bei der schreibenden Zunft hängenbliebe, wann man das mit "s" und wann mit "ß" (neudeutsch auch "ss") schreibt. Und genau daher (= mit "ss" statt des "ß") wissen wohl nur noch Eingeweihte (also mit Mittlerer Reife) wie es richtig heißen muß. Dass oder das ergibt doch auch eine völlig andere Bedeutung und so etwas müßte doch auffallen!
    Zitat: "Daraus wurde ein Album, dass am Montag"

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