The Libertines bei einem ihrer Auftritte im Jahr 2018 (Quelle: imago/Alice Mills)
Audio: Inforadio | 06.11.2019 | Lennart Garbes | Bild: imago/Alice Mills

Konzertkritik | Columbiahalle Berlin - Die Libertines schreiben die Indie-Legende weiter

Streit, Drogen und eine zehnjährige Pause hat die britische Indie-Rockband "The Libertines" hinter sich. Doch bei ihrem Konzert am Dienstag in der Berliner Columbiahalle beamten die Musiker ihre Fans und Lennart Garbes zurück in eine strahlende Vergangenheit.       

Es reichen schon die ersten Sekunden von "Can’t Stand Me Now" und es ist (fast) alles wieder wie 2004. Wären da nicht die grauen Haare von Pete Doherty und der schicke, schwarze Anzug von Karl Barat - Weste und seidenes Halstuch inklusive - man könnte sich zurückträumen in die Hochzeit des Indie-Rocks Anfang der 2000er, als die Libertines eine der treibenden Kräfte für das ganze Genre waren.

Konzert wie zu Beginn der 2000er

Bei dem Berliner Auftritt am Dienstagabend ist es wirklich ein bisschen so, als ob die Zeit zurückgedreht würde. Obwohl das Publikum - analog zur Band auf der Bühne - etwas älter geworden ist, gibt es ab dem ersten Song kein Halten mehr. Während Doherty und Barat in bester Libertines-Manier immer wieder Stirn an Stirn ins selbe Mikro singen, hüpft und tanzt das vordere Drittel der komplett gefüllten Columbiahalle, als wäre Indie-Rock immer noch die Musik der Stunde. Crowdsurfer gleiten über die Menge, Bierbecher und Kleidungsstücke fliegen durch die Luft, und bei Liedern wie "What became of the Likely Lads" singt die ganze Halle mit.

Die Setliste ist eine Aneinanderreihung der größten Libertines-Hits. Während die Songs der ersten beiden Alben von 2002 und 2004 für wilde Szenen sorgen, bieten Lieder wie "You're My Waterloo" vom 2015 erschienenen "Anthems for Doomed Youth" stimmungsvolle Verschnaufpausen.

Unverhofftes Comeback nach zehn Jahren Pause

Dass es bisher nur drei Studioalben der Libertines gibt, liegt an zehn Jahren Bandpause. Von 2004 bis 2014 sah es so aus, als ob die Libertines Geschichte seien. Nach nur zweieinhalb Jahren im Rampenlicht hatten sich die beiden Sänger, Songwriter und eigentlich innigen Freunde Doherty und Barat über Petes Drogensucht so zerstritten hatten, dass sich die Band nach dem Erscheinen ihres zweiten Albums "The Libertines" noch im selben Jahr auflöste.

Erst das Angebot im Londoner Hyde Park vor 60.000 Menschen zu spielen, brachte die Band 2014 wieder nachhaltig zusammen. Im folgenden Jahr erschien ihr drittes Studioalbum und seitdem spielen Doherty und Barat nicht mehr nur mit anderen Bands, sondern auch wieder als Libertines mit Drummer Gary Powell und Bassist John Hassall regelmäßig Konzerte.

Zwischen absoluter Vertrautheit und Zerbrechlichkeit

Auch fünf Jahre nach der unerwarteten Wiedervereinigung gehen die vier Bandmitglieder auf der Bühne noch sichtbar behutsam miteinander um - etwa wenn John und Gary Pete dabei helfen, seine Trainingsjacke auszuziehen. Immer wieder liegt auch ein Arm auf der Schulter eines Bandmitglieds. Mit geradezu intimer Vertrautheit werfen sich Doherty und Barat Textfragmente wie im Schlaf zu. Es schwingt aber auch immer etwas Vorsicht mit.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es an diesem Abend kein Material vom - für dieses Jahr angekündigten - vierten Studioalbum der Libertines gibt. Weil sowohl die Band als auch das Publikum sich einfach darüber freuen, dass es überhaupt noch Libertines-Konzerte gibt, funktioniert diese Indie-Rock-Retrospektive auch ohne neue Songs. Dass es den Libertines immer noch gelingt, ihre Mischung aus Verspieltheit und Energie, aus naiver Unbesiegbarkeit und melancholischer Zerbrechlichkeit scheinbar mühelos auf die Bühne zu bringen, ist ein Beleg dafür wie gut diese Band funktionieren kann.

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6 Kommentare

  1. 5.

    Der Herr Gabrecht hat das gut beschrieben. Es war ein großes wildes aufrüttelndes Erlebnis. Die Akustik war bei den Libertines nicht perfekt. Aber es war eine gute Show. Bestimmte Dinge gehören da einfach dazu. Immer Schema F ist ja auch nicht toll. Außerdem bezog sich der Eintrittspreis auch auf andere tolle Vorbands. DMS4 hat ja auch ein gutes Spektakel geliefert. Purest und Gabi Garbutt haben gute Musik geliefert. Ich konnte jedenfalls aufgewühlt nur schwer einschlafen.

  2. 4.

    Der Kommentator muss ein anderes Konzert besucht haben. Carolin beschreibt die Sache treffender. Pete hat die Sache vergeigt.

  3. 3.

    ....da hab ich aber was ganz anderes gehört... . Aber- egal. Gestern spielte eine frische , junge Band aus Irland im Bi NUU, Fontaines D.C. Für wenig Taler allemal besser als dieser, Pardon, aufgeschwemnmte Doherty, unserer bescheidenen Meinung nach. Hättet euch mal die angesehn... Mahlzeit!

  4. 1.

    Was für eine unzutreffende Kritik. Der Autor hatte wohl seine Brille und sein Hörgerät vergessen? Als großer Libertines- und Doherty-Fan kann ich nur sagen, dass das Konzert eine ziemliche Enttäuschung, ja sogar an einigen Stellen erschreckend war. Wenn Pete bspw. versuchte, bei "You're my Waterloo" Akkustikgitarre zu spielen, es aber nicht hinbekam und Carl Barat ihm, wie viele Male an diesem Abend, den Allerwertesten retten musste, oder auf ihn einredete. Pete hat bis auf wenige Ausnahmen jeden Song verhunzt, sich verspielt und versungen, die Bandmitglieder und auch die Rowdys respektlos behandelt; mit Gitarren, Mikrofonständern, Turnschuhen etc. geworfen... Man kann das einerseits schmunzelnd dem Rock'n'Roll zuschreiben oder man ist enttäuscht, weil man 50 Euro bezahlt hat und dann so ein Konzert von eigentlichen Genies vorgesetzt bekommt. Ich hoffe sehr, er fängt sich wieder und die Libertines konzentrieren sich auf ihre grandiose Musik - es sei ihnen & uns zu wünschen.

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