Der chinesische Künstler Ai Weiwei bei der Vorstellung seines neuen Buches "Manifest ohne Grenzen" im Gespräch (Quelle: dpa/Sommer)
Audio: Inforadio | 06.11.2019 | Ruth Kirchner | Bild: dpa/Fabian Sommer

Kritik | "Manifest ohne Grenzen" in der Kulturbrauerei - Ai Weiwei wirbt für Mitgefühl - und watscht ab

Vier Jahre lang lebte der chinesische Künstler Ai Weiwei in Berlin. Vor seinem Abschied nach Großbritannien stellte er am Dienstag in Berlin sein neues Buch vor, das "Manifest ohne Grenzen". Es ging um Flüchtlinge - aber auch das Künstlerbefinden. Von Ruth Kirchner

Ai Weiwei polarisiert. Die einen sehen in ihm einen großen Künstler und brillanten Kritiker der politischen Verhältnisse - früher in China, jetzt in Deutschland. Andere halten ihn für künstlerisch  überschätzt, selbstverliebt, einen Meister der Belanglosigkeit. Beide Lager kamen am Dienstagabend in der Berliner Kulturbrauerei auf ihre Kosten.

Zwar sollte es auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung eigentlich um Ai Weiweis Buch "Manifest ohne Grenzen" gehen, das der Künstler zusammen mit dem früheren Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Markus Löhning vorstellte wollte. Aber dann ging es hauptsächlich um Ai Weiwei selbst - und um seine Sicht der Welt.

Deutsche mögen Pandas mehr als alles andere

"Kunst ist per se kontrovers", sagte Ai, der in seiner chinesischen Heimat kurzzeitig inhaftiert war, bevor er vor vier Jahren nach Deutschland ausreisen durfte. Dann setzte er zu einem Rundumschlag an: Es ging um aggressive Fahrradfahrer in Berlin, Ais Vater, den Dichter Ai Qing, um Wikileaks-Gründer Julian Assange, den Ai bewundert, und um den chinesischen Bürgerrechtler Liao Yiwu (Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2012), der ebenfalls in Berlin lebt, und den Ai vor 250 Zuhörern harsch abkanzelte. Und es ging um die Pandas im Berliner Zoo. Deutsche mögen Pandas mehr als alles andere. "Die ganze Welt ist kindisch und lächerlich geworden", sagte Ai kopfschüttelnd.

Das Buch "Manifest ohne Grenzen" des Künstlers Ai Weiwei liegt auf einem Tisch (Quelle: dpa/Sommer).
| Bild: dpa/Fabian Sommer

Jeder Flüchtling hat Mitgefühl verdient

Beim eigentlichen Thema des Abends - den Flüchtlingen und der Flüchtlingspolitik - warb Ai Weiwei für mehr Menschlichkeit. Er selbst hatte vor zwei Jahren für sein Filmprojekt "Human Flow" Flüchtlingscamps in aller Welt besucht. Diese Erfahrungen sind nach seinen Angaben Grundlage seines Manifests.

Jeder Flüchtling gehe gewaltige Risiken ein, auf der Suche nach einem sicheren Platz zum Leben - und habe Mitgefühl verdient, sagte Ai Weiwei. Wir wissen alle, wie schwierig eine Lage sein kann. "Aber wenn wir unser Mitgefühl verlieren, was bleibt uns dann noch."

Deutsche sind ängstlich und regelverliebt

Europa, kritisierte er, sei reich und privilegiert - und doch unfähig zu helfen. Das habe er aus China kommend nicht erwartet. Details zu der europäischen Flüchtlingspolitik, eine tiefere Analyse - darum geht es dem Künstler jedoch nicht, sondern um Haltung. Man dürfe es sich nicht zu bequem machen, mahnte Ai. Es sei jedermanns Pflicht, sich einzusetzen und zu helfen.

Auch die Deutschen bekamen ihr Fett weg: Ihnen warf der Künstler erneut vor, sich nicht für andere Sichtweisen zu interessieren. Deutsche seien zu ängstlich und regelverliebt. Ob es in seiner neuen Wahlheimat Cambridge in Großbritannien offener zugehen wird? Unwahrscheinlich, muss Ai Weiwei mit Blick auf die Brexit-Debatte einräumen. "Die Briten sind derzeit zutiefst verwirrt." Zumindest für diesen Satz gab es viel Applaus.

Sendung: Inforadio, 06.11.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Ruth Kirchner

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5 Kommentare

  1. 5.

    Nun, ein letztlich bedeutungsloser Künstler, der es geschafft hat, von die Berliner Kunst-Schickeria und der politischen Elite hofiert zu werden, rechnet ab?
    Vier Jahre, in denen er von unseren Steuergelder lebte, wirft uns vor, dass wir " ängstlich und regelverliebt" sind?
    In der Flüchtlingsfrage?
    Haben wir nicht den von China drangsalieren Künstler nicht mit offenen Armen aufgenommen?
    Das ist peinlich.
    Gut, dass er geht und uns nicht mehr auf der Tasche liegt.

  2. 3.

    Schöner Gedanke der Grenzenlosigkeit der Welt, jedoch nicht realistisch betrachtet. Es könnte jeder, in jedem Land seinen Machtgefühlen Ausdruck verleihen. Mit Blick auf die verschiedenen Machthaber und dem Leid der jeweiligen Bevölkerung, kann man das nicht wirklich für erstrebenswert halten.

  3. 2.

    Wie kommen Sie darauf, dass der Herr den Aufenthalt genossen hat? Und was ist an Kritik unanständig? Vor allem kritisiert er nicht alles. Wer vorwärts kommen wollte sollte auch mit Kritik um gehen...

  4. 1.

    Tja, ist schon irgendwie Programm geworden.
    Erst den Aufenthalt in Deutschland (Berlin) genießen und dann alles kritisieren.


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