Von Humboldt beschriebenes Krokodil aus dem Vatikan in der Ausstellung "Wilhelm und Alexander von Humboldt" im DHM Berlin. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
Audio: Inforadio | 20.11.2019 | Sigrid Hoff | Bild: rbb|24/Caroline Winkler

Ausstellung im DHM - Was ein Krokodil aus Marmor über die Humboldts erzählt

Bildungsreformer und Weltbürger: Die Brüder von Wilhelm und Alexander von Humboldt waren die Kosmopoliten des 18. Jahrhunderts. Ihre Lebenswege spiegeln auch die vielen Facetten ihrer Epoche, wie jetzt eine neue Ausstellung in Berlin zeigt. Von Sigrid Hoff

Mitten im großen Ausstellungsraum im Untergeschoss des Deutschen Historischen Museums (DHM) steht ein Krokodil auf einem Sockel. Das Maul ist leicht geöffnet, die Zähne sind deutlich zu erkennen.

1805 sah Alexander von Humboldt die antike Skulptur aus Marmor in Rom, wo er seinen Bruder Wilhelm besuchte, der als Preußischer Gesandter in der italienischen Hauptstadt lebte. Alexander war gerade von seiner mehrjährigen Amerika-Reise zurückgekehrt. Mit echten Krokodilen kannte er sich also aus. Am Rio Magdalena in Kolumbien, aber auch auf Kuba hatte er die verschiedensten Arten studiert, sie gezeichnet und seziert. In Rom interessierte ihn, wie naturgetreu der Bildhauer gearbeitet hatte.

Bénédicte Savoy und David Blankenstein (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
David Blankenstein und Bénédicte Savoy kuratieren die Ausstellung | Bild: rbb|24/Caroline Winkler

Ein marmornes Krokodil aus der Antike

David Blankenstein, der mit der Historikerin Bénédicte Savoy die Ausstellung kuratiert, erklärt: "Alexander hat sich mit der Naturgeschichte der Antike sehr stark auseinandergesetzt, das ist eine Folie, die ihn sein Leben lang begleitet."

Das Krokodil aus Marmor, das erstmals seit 1774 die Vatikanischen Museen verlassen durfte, ist eines der Highlights. Es schlägt eine Brücke zwischen Amerika und Europa, zwischen der Antike und der Zeit um 1800, aber auch zwischen den Brüdern Humboldt selbst.  

Der Name Humboldt ist zur Formel geworden

Für die Konzeption konnten die Historiker an ihre bereits 2014 in Paris realisierte Schau über das Brüderpaar anknüpfen. Ausgehend von ihren unterschiedlichen Lebenswegen thematisiert das DHM in Berlin in sieben Sektionen das Verhältnis von Wissen und Macht, von Reisen und Erkenntnis, von Mensch und Natur, von einer Epoche im Umbruch.

Heute gehören die beiden Forscher Alexander und Wilhelm Humboldt zu den wichtigsten historischen Persönlichkeiten Deutschlands. In den vergangenen Jahren, kritisieren die Kuratoren, sei ihr Name jedoch zur Formel geworden: Wilhelm sei der Bildungsreformer, Alexander der Weltbürger und Abenteurer. "Wir wollen sie zusammen mit ihrer Epoche denken, zwei Europäer um 1800, und die historischen Tiefe wiederherstellen, die komplett fehlt", sagt  Bénédicte Savoy.

Reisetagebücher von Alexander von Humboldt 4.000 Seiten in Leder eingefasst, Datierung: 1799-1804© bpk/Staatsbibliothek zu Berlin/Carola Seifert
Reisetagebücher von Alexander von Humboldt | Bild: bpk/Staatsbibliothek zu Berlin/Carola Seifert

Auf 1.000 Quadratmetern schlägt die Ausstellung den Bogen von der Kindheit der Brüder in Tegel am Rande Berlins über ihre gesellschaftlichen Beziehungen, die sie als junge Männer im aufgeklärten Berlin pflegten, ihre politischen Aktionsfelder in den europäischen Machtzentren Paris und Rom bis hin zu ihren Reisen und Forschungen. Tastobjekte, Geruchsstationen und interaktive Angebote erweitern den Rundgang um sinnliche Komponenten.

Gestohlene Kunstschätze rückführen?

Wilhelm und Alexander, Jahrgang 1767 und 1769, erhielten als Kinder eine umfassende Ausbildung im Geist der Aufklärung. Als junge Männer waren sie beeindruckt vom revolutionären Paris. Nach seiner Rückkehr aus Amerika lebte Alexander als preußischer Kammerherr ständig dort und engagierte sich in der Wissenschafts- und Kulturpolitik. Wilhelm setzte sich als Diplomat mit Fragen von regionaler und lokaler Autonomie und nationalstaatlicher Politik auseinander.

Im größten Kunstraub ihrer Zeit durch Napoleon könnten die Rollen der Brüder kaum konträrer sein. Das symbolisiert ein originaler Pferdekopf der Quadriga vom Brandenburger Tor. 1806 entführten Napoleons Truppen die Quadriga nach Paris, Alexander hatte zuvor den Kunstkommissar durch Berlin geführt. Nach der Niederlage Napoleons brach europaweit eine Diskussion um die Rückführung statt. Während Wilhelm dafür plädierte, setzte sich Alexander für den Verbleib einiger Stücke in Paris ein. "Das ist interessant zu sehen, dass Länder bei Restitutionsdebatten nicht schon immer ein Museum haben müssen", sagt Bénédicte Savoy, "sondern erst, wenn die Objekte wiederkommen, entsteht die Dynamik eines Museumsbaus. Hier war auch Wilhelm von Humboldt stark involviert, er gehört zu den Hauptakteuren des ersten öffentlichen Museums in Preußen."

Drei wichtige Gründungen in Berlin

Der Schwerpunkt der Ausstellung behandelt die Reisen und Forschungen der beiden Brüder auf dem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften. Höhepunkte sind die amerikanischen Reisetagebücher Alexanders. Was jedoch bislang kaum bekannt war: Während Alexander in Übersee unterwegs war, reiste Wilhelm 9.000 Kilometer durch Südfrankreich, das Baskenland und Spanien bis an die Grenzen Europas, um anthropologische Studien und Sprachforschung zu betreiben. Belege dazu haben die Kuratoren erst unlängst ausfindig gemacht: einen zweisitzigen Reisesattel aus dem Baskenland etwa, wie ihn Caroline von Humboldt auf der Reise benutzt hatte. 

Baskischer Sattel, Anfang 19. Jahrhundert; (Quelle: Musée Basque et de l’histoire de Bayonne)
Baskischer Sattel, Anfang des 19.Jahrhunderts | Bild: Musée Basque et de l’histoire de Bayonne

In ihrer letzten Station kehrt die Ausstellung zurück nach Berlin. Hier mündeten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Forschungsergebnisse und Erkenntnisse der Humboldt-Brüder in drei wichtige Gründungen: die Berliner Universität, die Sternwarte und das Alte Museum, das erste preußische Museum.

Beitrag von Sigrid Hoff

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