Titel: Howl. Autor: nach Allen Ginsberg - David Marton und Ensemble. Regie: David Marton. Buehne: Christian Friedlaender. Kostueme: Tabea Braun. Choreografie: Jill Emerson. Licht: Henning Streck. Dramaturgie: Peggy Maedler, Henning Nass. Ort: Volksbuehne Berlin. Urauffuehrung: 21. November 2019. No model release. Spieler*Innen: Paul Brody, Jan Czajkowski, Marie Goyette, Thorbjoern Bjoernsson und Jill Emerson u.a..
Audio: Inforadio | 22.11.2019 | Ute Büsing | Bild: David Baltzer

Premierenkritik | "Howl" in der Volksbühne - Zu zahmes und zu glattes Musiktheater

Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" will David Marton mit seinem Tanzensemble in das Hier und Jetzt übertragen. Das Musiktheaterstück feierte am Donnerstag in der Volksbühne seine Uraufführung. Ute Büsing hat es nur stellenweise überzeugt.

In den 1950er Jahren schlug Allen Ginsbergs Langgedicht "Howl" wie eine emotionale Zeitbombe ein und provozierte sogar Prozesse, so freizügig und schonungslos hatte der amerikanische Beat-Poet das Leben seiner Generation beschrieben. Eine Musiktheaterproduktion von David Marton und Ensemble an der Berliner Volksbühne versucht jetzt, "Howl" in die Gegenwart zu holen und das Langgedicht mit den ikonografischen Amerika-Fotografien von Robert Frank zu verknüpfen.

Nur drei Zitatpassagen aus dem Langgedicht

Es ist ein assoziatives Traumspiel, das David Marton und Ensemble auf die große Volksbühne zaubern. Ihr fragmentarisches Bilderrätsel hat mit Allen Ginsbergs Langgedicht "Howl" und den zu dessen Entstehungszeit provokanten Bezügen auf ausufernden Drogenkonsum und ebenso exzessive, meist schwule Sexualität nur sehr wenig zu tun. Ganze drei Mal wird in dem Neunzigminüter nur kurz Text aus dem zwischen 1955/56 entstandenen wütenden Werk des Beatpoeten zitiert.

Am Anfang trägt Hausmusiker Sir Henry, in Anzug und Hut, getragen schön die paar Zeilen aus der Fußnote zum Original vor: "Die Schreibmaschine ist heilig das Gedicht ist heilig die Stimme ist heilig die sie hören sind heilig die Ekstase ist heilig!"

Der für diese Produktion an die Volksbühne zurückgekehrte Hendrik Arnst bringt die gezielt an den in der Nervenheilanstalt einsitzenden Schriftstellerkollegen Carl Solomon gerichteten Sätze auf Deutsch dar: "Ich bin bei Dir in Rockland, wo auch 50 weitere Elektroschocks deine Seele nicht mehr in den Körper zurückholen werden." Zum Schluss brüllt Silvia Rieger die Moloch-Passagen heraus: "Moloch! Einsamkeit! Dreck! Hässlichkeit! Mülleimer und unerschwingliche Dollars!"

Szene aus "Howl" an der Volksbühne
| Bild: Archiv Agentur Zenit Pappelallee

Kommen und Gehen auf der nimmermüden Drehbühne

Zwischen diesen durch die Zitate gebildeten Eckpunkten wird überwiegend musiziert und manchmal auch gesungen. Der Trompeter Paul Brody legt einen melodischen Jazz-Teppich aus, den die tollen Musiker oft an vierhändig gespielten Klavieren, Schlagwerken und am Bass mal in eruptive Flammen ausschlagen lassen, mal den Soundteppich jäh einrollen, wenn eine Kofferbombe vor sich hin tickt. Es hat passagenweise schon etwas Rauschhaftes, wie das ständige Kommen und Gehen auf der nimmermüden Drehbühne hier illustriert wird.

Silvia Rieger leitet es sinnfällig mit dem schier endlosen Drehen einer Kaffeemühle ein. Gestalten, die Ginsbergs Kosmos nahe kommen, verrichten allerlei Geschäfte, verteilen Flugblätter, zündeln mit Dollars. Sie sind Matrosen, Huren, schwule Paare, Schwarze mit Afros, weiße Cops in Uniform. Manche ihrer Outfits erinnern an die Hippies, die später zur Blüte kamen, oder an die Weathermen Underground, die ebenfalls erst  in den späten 1960ern ihr revolutionäres Unwesen trieben.

Auch an die Aktivisten der Black Panther Party erinnert manches. Auch die hatten erst in den 1970ern ihre Zeit des Zorns. Historisch stimmt das Großstadt-Tableau mit kleinen Absteigen für schnellen Sex, einer Terrasse für ekstatische Übungen und einem türkisfarbenen Springbrunnen zum Plantschen schon mal nicht.

Schwarzweiß-Fotos "Die Amerikaner" von Robert Frank

Die andere Quelle dieser "Howl"-Beschwörung sind die Fotos von Robert Frank. Der hat seine enigmatischen Schwarz-Weiß-Serien, die gerade in einer Ausstellung bei c/o Berlin zu sehen sind, tatsächlich im Amerika der 1950er Jahre geschossen. Jack Kerouac schrieb das Vorwort zu seinem Fotobuch "Die Amerikaner". Später hing der Fotograf mit den Beat-Literaten ab, drehte Filme mit ihnen.

Die kleine Reprise auf Robert Frank und seine Fotos kommt allerdings erst ganz zum Schluss und erschließt sich nur denen, die ins Programmheft geguckt haben. Explizit politisch oder schmutzig wird es nur einmal, wenn Hendrik Arnst als weißer Cop eine Hasstirade auf schwarze und schwule Künstler ablässt und sie mit "Beweg Dich!"-Kommandos zum Tanzen zwingt. Diese eine explizite Replik auf Rassismus und Homophobie wirkt allerdings in diesem geglätteten Gesamtkunstwerk eher wie ein Fremdkörper. Das Raue und Rüde von Ginsbergs poetischem Geist fängt die Musiktheater-Produktion "Howl" nicht ein.

Sendung: Inforadio, 22.11.2019, 6:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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