Szene aus dem Theaterstück: „Diamante“ von Mariano Pensotti / Grupo Marea (Quelle: Annette Hauschild/Ostkreuz)
Audio: Inforadio | 17.11.2019 | Cora Knoblauch | Bild: Annette Hauschild/Ostkreuz

Theaterkritik | "Diamante" im Haus der Berliner Festspiele - Sechs Stunden Voyeurismus ermüden

Der Theaterregisseur Mariano Pensotti hat das Dschungeldorf "Diamante" gebaut. Die Zuschauer bewegen sich frei von Haus zu Haus, von Szene zu Szene. Doch die Utopie bekommt Risse und die heile Welt fängt an zu bröckeln. von Cora Knoblauch

Die Nacht ist hereingebrochen über den Dschungel. Die Bewohner von Diamante sind zuhause und gehen ihrem Alltag nach. Die Zuschauer im Haus der Berliner Festspiele hocken sich wie Voyeure vor die bodentiefen Fenster der Häuser, beobachten und belauschen die Bewohner: beim Reden, beim Streiten, bei Liebe und Betrug, bei ihren Abendritualen. Das abendliche Treiben findet - wie im echten Leben - in allen Häusern gleichzeitig statt. Nach etwa zehn Minuten Spielzeit geht kurz das Licht an, die Zuschauer gehen zum nächsten Haus, das Licht geht aus und das Spiel beginnt von neuem. So erläuft sich das Publikum nach und nach alle Häuser und damit alle Erzählstränge der Geschichte.

Das Dschungeldorf Diamante wird 100 Jahre alt und ein Festakt soll vorbereitet werden. Gleichzeitig finden Regionalwahlen statt und die Kandidaten machen sich frisch für den Wahlkampf. Diamante - ein Dorf, einst auf dem Reisbrett entworfen, eine utopische Idealstadt, erdacht von einem deutschen Auswanderer und Großindustriellen, der im argentinischen Nirgendwo eine Heimstatt für die Arbeiter seiner Firma schaffen wollte: kleine Häuser im schwedischen Stil, kostenloser Theaterunterricht für die Arbeiterkinder, eine Bar, eine Schule und eine funktionierende Nachbarschaft mit klaren Regeln - der Security Mann des Dorfes vertrödelt seine Zeit in Porno-Chats, denn Kriminalität gibt es in Diamante kaum.

Ermüdung statt Tempo

Wie bei einer Fernsehserie flechtet Mariano Pensotti nun zarte Risse in das Setting der Geschichte: Die Dorfmanagerin beginnt eine Affäre mit einem verheirateten Angestellten. Der Hund des Security-Manns verschwindet spurlos, ein paar Jugendliche planen die nächtliche Flucht aus dem Dorf. Als eine Familie im eigenen Haus brutal überfallen wird, beginnt die heile Welt von Diamente endgültig zu zerbröckeln: Unruhe, Misstrauen und bloße Angst machen sich breit. 

Doch die verschiendenen Erzählstränge, die Pensotti in seiner Dorfgeschichte ineinander verwebt, sorgen nicht für Tempo sondern für Ermüdung. Ähnlich wie bei der Reise nach Jerusalem müssen die Zuschauer nach jeder gespielten Szene schnell zum nächsten Haus aufbrechen. Da es keine vorgegebene Reihenfolge gibt, wählt man sich das Haus so, wie man eben noch einen guten Platz vor dem Fenster ergattern kann. Denn sobald das Licht ausgeht wird weitergespielt. Das Parallel-Spiel der verschiendenen Szenen funktioniert akustisch nicht. Oft lassen sich die Dialoge des Nachbarhauses besser hören als die in dem Haus, vor dem man gerade sitzt.  Eine permante Ablenkung setzt ein, die Kakophonie scheint mit fortschreitendem Abend noch zuzunehmen. Der sechsstündige Abend krankt noch an etwas anderem: der Zuschauer muss permanent lesen. Über den Fenstern laufen parallel zu den Dialogen der Schauspieler Texte: innere Monologe, Nacherzählungen, philosophische Alltagsbetrachtungen wie: "Ein Leben mit Kindern gleicht nicht mehr dem Leben zuvor." Oder: "In Miniatur sieht alles viel schöner aus als in groß." Aha.

Szene aus dem Theaterstück: „Diamante“ von Mariano Pensotti / Grupo Marea (Quelle: Annette Hauschild/Ostkreuz)

Das Interesse erlahmt

Getextete Cliffhanger wie "Ein Unfall sollte sein ganzes Leben verändern" oder "Danach sollte nichts mehr sein wie zuvor" sind in einer gut erzählten Geschichte unnötig. Vielleicht ist es die Barriere der Fensterscheiben, vielleicht der schlechte Sound, vielleicht die Fülle an Geschichten, Gedanken und Nebenerzählungen - das Interesse an den Gefühlen und Nöten der Protagonisten erlahmt, im Grunde interessieren ihre Leben nicht. Nach gut fünf Stunden und zwei Pausen steuert der Abend auf sein Finale zu.

Der Raubüberfall wird nicht aufgeklärt, die Jugendlichen scheitern bei ihrer Flucht, die Affäre zwischen der Managerin und ihrem Angestellten scheitert ebenfalls. Diamante ist bankrott und wird an einen ausländischen Investor verkauft. Viele verlassen Diamante, die Übriggebliebenen werden Statistin ihres eigenen Lebens. Das Dorf soll ein Themenpark werden, in dem Eintritt zahlende Besucher das Leben in dieser einst utopischen Idealstadt als Voyeure erleben können. So wie wir. Vielleicht waren wir die ersten Gäste in diesem Themenpark über den antikapitalistischen Gegenentwurf einer gerechteren Welt. Die Utopie ist gescheitert. Sechs Stunden Binge Watching gehen zuende, die Zuschauer sind müde. 

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