Helga Paris Ohne Titel, 1984 Aus der Serie Frauen im Bekleidungswerk VEB Treffmodelle Berlin Foto © Helga Paris. (Quelle: ifa -Institut für Auslandsbeziehungen)
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Video: rbb Kultur | 02.11.2019 | Anne Kohlick | Bild: ifa-Institut für Auslandsbeziehungen

Ausstellung "Helga Paris" in Berlin - "Gucken Sie einfach so, wie Sie sich gerade fühlen"

Künstler, Rentner und Punks: Helga Paris hat seit den 1960er Jahren Menschen in Ost-Berlin fotografiert. Ihre Bilder geben einzigartige Einblicke in den Alltag der DDR. Jetzt zeigt eine Ausstellung in der Akademie der Künste das Lebenswerk der 81-Jährigen. Von Anne Kohlick

Sie trägt ihre Kittelschürze mit der Eleganz einer griechischen Statue: 1984 schaut eine junge Näherin in die Kamera von Helga Paris – fragend, offen, voller Vertrauen. Die Fotografin ist ihr im "VEB Treffmodelle" in Ost-Berlin begegnet, wo hunderte Arbeiterinnen in der Greifswalder Straße Mäntel herstellen. Helga Paris ist mit ihrer Kamera dabei. In ruhigen Momenten bittet sie die Frauen einzeln um ein Foto. "'Sie müssen nichts für mich machen', habe ich ihnen gesagt. 'Gucken Sie einfach so, wie Sie sich gerade fühlen.'"

Studiert hat Helga Paris Modegestaltung

Helga Paris, Jahrgang 1938, steht in der Ausstellung, die ihr die Akademie der Künste in Berlin gerade widmet und erinnert sich genau an den entscheidenden Augenblick beim Fotografieren. Einerseits legt sie Wert auf das Einverständnis derjenigen, die sie porträtiert. "Andererseits war es wichtig, den Auslöser zu drücken, bevor die Leute überlegen: 'Liegt mein Haar richtig? Wie sehe ich gerade aus?'", sagt die Künstlerin, die seit 1966 in derselben Straße im Prenzlauer Berg lebt.

Studiert hat Helga Paris Modegestaltung an der Berliner Fachschule für Bekleidung. Im "VEB Treffmodelle" machte sie in diesem Rahmen ein Praktikum - Jahrzehnte später fallen ihr die Näherinnen wieder ein. Sie beschließt, ihnen eine Fotoserie zu widmen.

"Erstmal habe ich damals ein paar Tage im Betrieb mitgearbeitet, damit die Frauen sich an mich gewöhnen und Vertrauen aufbauen. Nähen kann ich ja", erinnert sich die heute 81-Jährige. "Das ist mir gegeben, dass ich in der Lage bin, Menschen zu entspannen und aufzuschließen. Sonst wird das Foto nichts." Das Fotografieren hat sich Helga Paris selbst beigebracht und sich dafür von Amateur-Bildern inspirieren lassen. "Meine beiden Tanten hatten Kameras. Da gibt es viele Fotos mit dem gezackten Rand aus den 30er und 40er Jahren, die ich in einem Schuhkarton aufbewahrt habe." Amateur bedeute Liebhaber, betont sie – "und so bin ich auch an die Dinge herangegangen".

Regisseur wird auf ihre Bilder aufmerksam

Sie beginnt in den 60er Jahren damit, ihren Sohn Robert und ihre Tochter Jenny zu fotografieren: als Schattenriss vor einer riesig aufragenden Wolke, im Fenster ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Ihr Talent zeigt sich schon in diesen frühen Bildern. Auf eines ihrer Bilder wird ein Bekannter von Helga Paris aufmerksam: "Der Filmregisseur Peter Voigt sah das bei mir und hat gesagt: 'Dit Bild is jut - mach mal Fotografie.'" Ein Glücksfall, ohne den aus Helga Paris womöglich nie eine Fotografin geworden wäre.

Was für ein vielseitiges Werk sie seitdem geschaffen hat, zeigt die Ausstellung "Helga Paris, Fotografin" in der Akademie der Künste am Brandenburger Tor. 275 ihrer Bilder aus sechs Jahrzehnten sind dort zu sehen, ausgewählt aus dem persönlichen Archiv der Künstlerin, das mehr als 200.000 Negative umfasst. Diesen Bilderschatz schenkt Helga Paris, selbst Akademie-Mitglied seit den 90er Jahren, der Akademie der Künste jetzt.

Einblicke in den DDR-Alltag

Gleich am Eingang der Ausstellung schaut die Künstlerin den Besuchern aus zwölf Selbstporträts entgegen. Schonungslos ehrlich hat Helga Paris in den 80er Jahren ihr Gesicht im Spiegel fotografiert: mal müde, dann erfrischt, mal traurig, mal zufrieden. "Man sieht mir immer an, ob es mir gut geht oder nicht. Ich muss mich anstrengen, wenn ich das überspielen will", sagt Helga Paris. Dass ihr Leben als alleinerziehende Mutter nicht immer einfach war, sieht man auf vielen der Fotos. Aber dann strahlt sie wieder – zum Beispiel in einem geblümten Kleid 1988: "Da ging’s mir außerordentlich gut. Das war in der Nacht vor meinem ersten Flug nach New York. Da war ich 50 und überglücklich."

Ihre einfühlsamen Schwarzweiß-Aufnahmen von Müllfahrern und Möbelträgern, aus Eckkneipen und Altersheimen geben einzigartige Einblicke in den Alltag der DDR. Schriftstellerin Christa Wolf steht genauso vor ihrer Kamera wie der spätere Berghain-Türsteher Sven Marquardt, 1981 als Punk mit beeindruckendem Irokesenschnitt. Damals widmet Helga Paris Jugendlichen in Ost-Berlin eine ganze Porträtserie. "Als ich zum ersten Mal die Punker sah mit diesem Metall und diesen Haaren  - ich hab mich gefürchtet. Ich hatte nie sowas gesehen und sie kamen mir aggressiv vor ", erinnert sich die Künstlerin, "aber es dauerte nicht lange, dann hatten meine Tochter und mein Sohn auch rote und grüne Haare und sie kamen mit ihren Punker-Freunden nach Hause zu uns. Da habe ich gemerkt, was für Seelchen das sind!"

"Dit Bild is jut - mach mal Fotografie"

Ein liebevoller Blick – auch an rauen Orten

Helga Paris entdeckt das Zarte im vermeintlich Harten. Ihr Blick ist liebevoll – auch an rauen Orten wie dem Alexanderplatz. Das Herz Ost-Berlins liegt nur drei Straßenbahn-Stationen entfernt von ihrer Wohnung. 2011 beschließt sie, an diesem Platz ihre letzte Bilderreihe zu machen. "Für 'Mein Alex' habe ich Blicke gesucht, die man nur identifizieren kann, wenn man sich dort wirklich gut auskennt. Ich liebe den Platz nicht, aber ich liebe den vertrauten Anblick. Um diese Vertrautheit ging es mir in der Serie."

Danach erklärt Helga Paris ihre Karriere für beendet: "Irgendwann hatte ich den Wunsch und diese Erregung nicht mehr, fotografieren zu wollen. Jetzt ist es ruhig in mir und gesättigt." Ihre analogen Kameras liegen seitdem unberührt in ihrer Wohnung. Kein einziges Foto mehr in den letzten acht Jahren? "Ich habe so eine kleine digitale Kamera - aber nur für private Notizen, Fotos von meiner Enkeltochter zum Beispiel, in Farbe. Das sind für mich keine Bilder mehr."

Sendung: rbbKultur, 03.11.2019, 17:00 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

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1 Kommentar

  1. 1.

    Mann waren das noch Zeiten, als man das Titelzitat noch einfach so umsetzen konnte.
    Heutzutage hätte so zu kucken wie man sich fühlt oft eine Anzeige wegen sexueller Belästigung, den Vorwurf der Diskriminierung oder einen tätlichen Angriff zur Folge.

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