Friendship-Lesung im Großen Sendesaal des rbb (Quelle: rbb / Petra Gute)
Bild: Video: Abendschau | 23.11.2019 | Petra Gute

Bestsellerautoren setzen Zeichen gegen Brexit - "Bitte lasst uns wieder rein!"

Ken Follet ist einer der erfolgreichsten Autoren der Welt - und ein entschiedener Brexit-Gegner. Um seinen Lesern zu zeigen, dass nicht alle Briten die EU verlassen wollen, hat er eine einzigartige literarische Aktion gestartet. Am Samstag Abend war er zu Gast im rbb. Von Marie Kaiser

Lasst uns Freunde bleiben. Das ist die Botschaft dieser Friendship-Tour, die der britische Autor Ken Follet ins Leben gerufen hat. Der britische Autor sagt zu Beginn des Abends, zu dem Radioeins in den Großen Sendesaal des rbb eingeladen hatte: "Wir machen diese Tour, um unseren Lesern zu zeigen, dass wir sie immer noch lieben. Wir schämen uns dafür, dass unser Land unseren europäischen Lesern sagt: Wir wollen nichts mehr mit euch zu tun haben, nicht mehr Teil eures Clubs sein. Wir vier sehen das anders. Wir leben für unsere Leser."

Alle vier sind Bestseller-Autoren und haben Millionen von Leser in Europa. Lee Childs ist berühmt für seine Jack Reacher-Krimis. Ken Follet und Kate Mosse schreiben Historienromane und Jojo Moyes Liebesromane. Kate Mosse scherzt, dass sie gemeinsam als eine Art "Abba der Literaturwelt" auf Tour gehen.      

Kein trübsinniger Abend trotz Untergangsszenario

Obwohl sie ganz unterschiedliche Bücher schreiben - in einem sind die vier sich einig: Dass das Brexit-Referendum einer der größten Fehler der Geschichte gewesen sei. Jojo Moyes erinnert sich noch genau an den Morgen nach der Abstimmung. "Ich war so schockiert vom Ergebnis, dass ich weinen musste. Ich konnte es nicht fassen, dass ich auf einmal in einem Land lebte, das mir selbst fremd war. Das ist die Innenwahrnehmung. Aber von außen werden immer nur die Politiker wahrgenommen, die immer engstirniger und zorniger werden und sich immer mehr abschotten. Deswegen sind wir hier, um zu zeigen, dass wir uns als Europäer fühlen."

Wer angesichts des drohenden Brexits einen trübsinnigen Abend erwartet hatte, wurde positiv überrascht. Die Schriftsteller machen Scherze darüber, dass sie zu viert locker die britische Regierung übernehmen könnten. Sie beantworten Fragen deutscher Autoren, vor allem aber wollen sie in Kontakt mit dem Publikum kommen.

Boris Johnson als vierfache Romanfigur

Als ein Zuschauer wissen möchte, ob sich der britische Premier Boris Johnson als Romanfigur eigne, wird die Stimmung auf der Bühne ausgelassen. Jojo Moyes besetzt Johnson in einer ihrer Liebesgeschichten als schrecklichen ersten Ehemann, vor dem die Frau möglichst schnell die Flucht ergreift. In einem von Ken Follets Mittelalterromanen würde Johnson die Rolle des dummen Bischofs verpasst bekommen. In einem historischen Roman von Kate Mosse wäre Boris Johnson der dritte Sohn des Königs, der den ganzen Tag nur isst und im entscheidenden Moment, als er das Schloss beschützen soll, davonläuft. Am härtesten trifft es Boris Johnson im Krimi von Lee Child – da würde der britische Premier die Begegnung mit Ermittler Jack Reacher gar nicht erst überleben.

Doch auch wenn die Schriftsteller ihren Humor ganz offensichtlich nicht verloren haben, glaubt keiner von ihnen daran, dass der Brexit noch zu verhindern ist, erklärt Kate Mosse: "Es wird passieren, denn es gibt keine Opposition, die stark genug wäre, um es zu verhindern. Aber die Briten werden zu spüren bekommen, wie ihr Land auseinanderfällt und feststellen, dass der Brexit nicht im Interesse ihres Landes ist. Ich bin überzeugt, dass die nächste Generation wieder zurückkommen will in die Europäische Union."

Dann ertönt "All you need is love"

Krimiautor Lee Child will deshalb, noch bevor der Brexit überhaupt vollzogen ist, lieber schon einmal einen Fuß in die Tür der Europäischen Union stellen und richtet am Ende des Abends eine Bitte ans Publikum: "Denkt nicht schlecht über uns, wenn wir in Zukunft nochmal an die Tür der EU klopfen, bitte lasst uns wieder rein."

Zum Abschluss singt das Publikum gemeinsam mit den vier Bestsellerautoren britische Popsongs wie "All you need is love" oder "Always look on the bright side of life". Und Ken Follet und Kate Mosse tanzen dazu eine schüchterne Variante des Cancans. Wenn den vier Autoren an diesem Abend eines gelungen ist, dann zu zeigen wieviel lebendiger Austausch und britischer Humor uns verloren gehen wird, wenn die Briten tatsächlich aus der EU austreten.

Sendung: Abendschau, 23.11.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Marie Kaiser

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5 Kommentare

  1. 5.

    Es gibt in der Tat ein "Phänomen", was mit dem Brexit erstmal garnichts zu tun hat, vielmehr sich auf sehr Vieles oder auf absehbare Zeit gar auf alles erstreckt. Der Brexit ist dann allenfalls die prägnanteste Folge dieses "Phämomens". - Damit meine ich die Bildung von so bezeichneten Negativ-Koalitionen. Das ist das organisatorische Zusammenwirken von Menschen und von Gruppen, die sonst nicht das Geringste miteinander zu tun haben, gar, sich gegenseitig einander feind sind. In einem Punkt aber arbeiten alle zusammen.

    War zu Zeiten vor dem Internet ein solches Zusammengehen ggf. noch anrüchig und wurde vereinzelt als Unglaubwürdigkeit kritisiert, ist dies im schnellebigen Zeitalter des Internets im Handumdrehen verrauscht und vergessen.

    Die Frage geht nur dahin, wen das trifft und wann. Ob das Rasenstück, was angelegt werden soll, von Autofahrenden und von Menschen, die Hundeklos befürchten, gemeinsam abgelehnt wird oder ob es dabei - wie beim Brexit - um weit Größeres geht.

  2. 4.

    Ich tippe mal, GB wird gut fahren bei der Wiedererlangung seiner vollständigen Souveränität. Gewiss, Übergangs- und Anfangsschwierigkeiten sind zu erwarten. Schon, weil gewisse Kreise es nicht gern sehen, dass der erfolgreiche Ausstieg erfolgreich ist.

    Für den Euro und damit für die EU in der jetzigen Form wird es schon mittelfristig problematisch. Das ganze System ist ja nur noch durch bizarre Konstrukte (Negativzinsen) aufrecht zu erhalten.

  3. 2.

    Ich bin wegen dem Brexit wieder in Berlin ( 6 Jahre UK ) und gehe auch wieder auf die Insel, wenn die Unsicherheit verschwunden ist.
    Meine Stimme hat BJ auf jeden Fall.

  4. 1.

    „ Ken Follets Mittelalterromanen würde Johnsons die Rolle des dummen Bischofs verpasst bekommen“. Führwahr, sehr passend.
    Danke an den RBB für diesen sehr gelungenen Beitrag zur allgemeinen Verständigung. Bin ein großer Fan der Britischen Krimi Literatur. Insbesonders die Schotten haben es mir angetan.

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