Sängerin Lizzo bei einem Konzert in London im November 2019.
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Konzertkritik | Lizzo in der Columbiahalle - Sterile Schubladensprengung

Spätestens ihre Single "Truth Hurts" katapultierte Lizzo dieses Jahr in die Liga der Superstars. Während sie im Juni noch im Festsaal Kreuzberg auftrat, füllte sie am Donnerstagabend schon die Columbiahalle. Ein vielseitiger Abend - mit Widersprüchen. Von Dave Rossel

Als Lizzo an diesem Abend hinter einem golden-schimmernden, mit Herzen verzierten Vorhang hervortritt, wirkt sie wie eine Predigerin. Diesen Eindruck erweckt nicht nur das riesige, glitzernde Pult, an das sich die Pop-Künstlerin stellt. Vielmehr wird von Beginn an deutlich, dass Lizzo auch eine Botschaft vermitteln möchte, die sich durch das gesamte Konzert ziehen wird – brich mit Konventionen und ermächtige dich selbst.

Wirkliche Überzeugungsarbeit muss Melissa Viviane Jefferson, wie Lizzo mit bürgerlichem Namen heißt, an diesem Abend kaum leisten. Kurz zuvor hatte ihre DJane Sophia Eris mit einer musikalischen Spritztour durch Trap und Top-100-Songs über Soul-Klassiker und Old-School Hip-Hop, aber auch Tracks wie "Fuck Donald Trump" einen Großteil des Publikums schon zum Tanzen gebracht. So erwartete Lizzo nicht nur eine ausverkaufte, sondern auch eine kreischende Columbiahalle.

Mit "Heaven Help Me" führt sie sogleich die Stärken ihres im Sommer erschienenen Albums "Cuz I Love You" vor: Textliche Finesse, markanter Rap-Flow und vor allem eine durchweg beeindruckende Gesangsstimme. Auch wenn sie an diesem Abend merklich angeschlagen ist, beweist sie gleichzeitig Kontrolle, Gefühl und Kompromisslosigkeit in ihrer Vocal-Performance. Neben feinfühligen Balladen wie "Lingerie" reiht sie Songs wie den Titel-Track des Albums, in dem sie nicht davor zurück schreckt ihre Stimme komplett aufbrechen zu lassen.

Wider der Einordnung

Ähnlich wie die Künstlerin Lizzo selbst, ist auch der Abend musikalisch schwer in eine Schublade zu stecken. Während die US-Amerikanerin oftmals klassische Pop- und Soul-Songstrukturen verwendet, gibt sie ihnen einen modernen Anstrich mit unterschiedlichsten stilistischen Einflüssen. Seien es die für den Trap typischen HiHats, Gospelchöre, eine bluesige Raspel-Stimme, groovige Funk-Basslines, oder die brachiale Rhythmik des HipHop. Lizzo pickt sich aus ihrem musikalischen Kasten das heraus, was ihren Emotionen am besten Ausdruck verleiht. Wirkliche Schubladensprengung eben.

Dabei ist nur schade, dass sie ihre stilistische Vielfalt größtenteils über ihre DJane Sophia Eris präsentiert. Also als Playback. Gerade die Varianz ihrer Musik, zwischen klavierbegleiteten Sologesängen, tanzbarem Disco-Funk und düsteren Hip-Hop Beats wirkt so steril, formalistisch und abgehackt. Hier hätte man sich eine Live-Band gewünscht.

Selbstbewusst und selbstverliebt

Wichtig sind Lizzo, und das ist merklich an diesem Abend, ihre Texte. Dabei spricht die Sängerin, die sich selbst als schwarz und dick bezeichnet, insbesondere über Body-Positivity, also den positiven Bezug auf den eigenen Körper. Durch selbstironische und gewitzte Sätze wie "I know I’m a queen but I don’t need no crown / Look up in the mirror like damn she the one" oder "Slow songs are for skinny hoes / I’m a thick bitch, I need tempo" zeigt sie auf, das die Gesellschaft ein negatives Selbstbild von Frauen kreiert, das es zu ändern gilt.

Auch ihr selbstbewusster Umgang auf der Bühne unterstreicht das. Lizzo lässt es sich nicht nehmen ihren Tänzerinnen beim Twerken lustvoll an den Hintern zu fassen und feuert auch gern mal das Publikum an mit: "I wanna feel the vibrations in my pussy".

Bei allem Kampf um Selbstermächtigung und die Sichtbarkeit von schwarzen, dicken Frauen, verbleibt dennoch die Frage, ob Lizzos Inszenierung an diesem Abend wirklich funktioniert. Die glatt polierten Live-Produktionen und der durchgetaktete Konzertablauf schaffen auch ein idealisiertes Bild von Lizzo, das doch öfter im Widerspruch zu ihrer Message von "Liebe dich wie du bist" steht.

Die US-Sängerin und Rapperin verbleibt dennoch eine der spannenderen Figuren der aktuellen Popmusik. Sie zeigt insbesondere an diesem Abend, wie auch schon Ariana Grande und Beyoncé, dass Feminismus aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken ist.

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