The Lumineers bei einem Live-Auftritt 2019 in Mailand (Quelle: dpa/Mairo Cinquetti)
Audio: Inforadio | 15.11.2019 | Steen Lorenzen | Bild: dpa/Mairo Cinquetti

Konzertkritik | Lumineers in der Verti Music Hall - Der Versuch, mehr als die Ho-Hey-Band zu sein

Was tun, wenn die Fans zum Folk-Hit "Ho Hey" und anderen Gassenhauern feiern wollen, das neue Album aber düstere Geschichten über Drogen- und Spielsucht erzählt? Die Lumineers versuchen den Spagat und geben dabei eine unglückliche Figur ab. Von Steen Lorenzen

Da ist er schon, der größte Hit der Lumineers, rekordverdächtig lange in den Charts platziert, weltweit gestreamt und geliebt. Die Band spielt ihn nicht am Ende ihres Konzertes, sondern mittendrin. Als wollte sie ihn ein wenig verstecken, ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Wer möchte schon nur als Ho-Hey-Band wahrgenommen werden.

Gassenhauer für Serien-Soundtracks

Es ist ein denkbar einfacher Song, mit einer schönen Idee, die Liebe kommt und geht, das Pendel schlägt aus. Mal bis du Ho, dann wieder Hey. Ein Gassenhauer. Zu diesem Song passt, dass die Band Mal unter dem Namen Free Beer angefangen hat. Gegründet von einem verschworenen Duo, das von New Jersey nach New York und schließlich nach Denver gezogen ist. Wesley Schultz und Jeremiah Fraites haben ihre ersten Erfahrungen auf der Straße und in kleinen Clubs mit Coversongs gesammelt. Doch nachdem sie mit "Ho Hey" einen Hit landeten und nun dauernd für Serien-Soundtracks gebucht werden, spielen sie mit sechsköpfiger Band in großen Hallen.

Geschichten über Drogen- und Spielsucht

In diesen Hallen besteht allerdings immer die Gefahr, dass manches untergeht: An diesem Abend betrifft das die Geschichten über Drogen- und Spielsucht, die auf dem neuen Lumineers-Album „III“  erzählt werden. Ein persönliches Anliegen der Band, denn der Bruder von Jeremiah Fraites ist im Alter von nur 19 Jahren an einer Überdosis gestorben. Auch sonst macht es sehr viel Sinn, über die zerstörerische Kraft von Sucht im Folk-Pop-Format und damit im Mainstream zu singen. Schließlich wirken diese Kräfte in der Mitte der Gesellschaft – gerade in den USA.  

Ophelia, Angela, Gloria

Sänger Wesley Schultz versucht gleich zu Beginn des Konzertes, mit einer etwas längeren Moderation das Publikum auf die Rahmengeschichte des neuen Konzeptalbums einzustimmen. Doch so richtig raumgreifend ist seine - leider auch etwas vernuschelte - Ansage nicht. Er weiß natürlich, dass der Erfolg der Band und auch dieses Abends eher von den Fußstampfer-Fidel-Songs abhängt, zu denen man jede Menge "Oh"s und "Ah"s singen kann. Gleich drei Songs sind nach Frauen benannt, die genau diese Mitsing-Qualität erfüllen: Ophelia, Angela, Gloria.

Das sind die Songs, die vom Publikum mitgetragen werden und gleichzeitig die musikalischen Grenzen der Band aufzeigen. Schlicht komponiert und nicht sehr abwechslungsreich gesungen, werden sie auch unterstützt von Geige, Bass, Piano und ein paar extra Trommeln nicht größer.

Spannend wird es zu zweit

Den spannenden Rohdiamanten der Band legen Schultz und Fraites dagegen frei, als sie für einen Song allein am Bühnenrand spielen - nur mit Gitarre und der großen Bassdrum.

Als es Zeit für die Zugaben ist, versuchen es die Lumineers noch einmal mit einem neuen, nachdenklicheren Song, doch nach Hause schicken wollen sie ihre Fans damit nicht. Und so kommt am Ende, was kommen muss: Der zweite große Gassenhauer der Band: über ein Herz – Ho! – das alles besser weiß – Hey!

Sendung: Inforadio, 15.11.2019, 6.50 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Also ich habe es (leider) genauso wahrgenommen, wie in der Kritik ausgeführt wurde - die getragene und ruhige Stimmung, die mEn The Lumineers ausmacht, hat größtenteils gefehlt - eben weil mit großer Band gespielt wurde. Vor 3 Jahren in Budapest waren sie nur zu dritt auf der Bühne - das war deutlich besser als diesmal in Berlin, weil eben nicht versucht wurde, es peppig/poppig und tanzbar zu gestalten, sondern die Emotionen im Vordergrund standen. Aber ist ja umso schöner, wenn es dir, Andreas, dennoch so gut gefallen hat! Achso, und dass sie knappe 1,5 h gespielt haben, fand ich allerdings wirklich enttäuschend; so jung wie die noch sind.

  2. 1.

    OMG, was für eine schlechte, fehlgeleite Kritik - morgens 6:50Uhr..vllt demnächst erst einmal ausschlafen. Das Konzert hat das geboten, was man erwartet hat, Lumineers-Sound. Dass der Leadsänger kein perfekt artikuliertes Englisch gesprochen hat, ist doch kein Kritikpunkt...er war ja nicht beim Logopäden, sondern auf der Bühne. Wir haben die Stories verstanden und es hat uns die Songs näher gebracht. Es war eine tolle Energie in der Halle mit guter Atmosphere...wir haben nur lächelnde Gesichter in Erinnerung und sind mit einem tollen Gefühl nach Hause gegangen. Für uns war es das erste Lumineers-Konzert und sicherlich geht man auch dort hin, um DEN Song (Ho, Hey) auch mal live performt zu sehen. Die Resonanz in der Halle gibt der Band recht, den auch immer wieder zu spielen. Das neue Album knüpft an die Vorherigen an und bietet das, was man erwartet - Lumineers halt. Wer das nicht mag, sollte zu hause bleiben und nicht so ein despektierlichen Mist verzapfen!

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