Dieter Bohlen mit Sonnenbrille (Quelle: dpa/TASS/Artyom Geodakyan).
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Audio: Inforadio | 03.11.2019 | Hendrik Schröder | Bild: TASS

Konzertkritik | Dieter Bohlen in Berlin - "Dieeeeeeeter!"

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker aller Zeiten. Und er polarisiert wie kein Zweiter: Dieter Bohlen, von den einen geliebt, von anderen gehasst. Jetzt tritt er nach langer Zeit wieder live auf und machte in Berlin fast jeden glücklich. Von Hendrik Schröder

Immer wieder gellt es aus dem Publikum: "Dieeeeeter!". Das ganze Konzert über, wie ein Mantra, wie ein Schlachtruf: "Dieeeeeter". Gut, dass der nicht Klaus-Jürgen Bohlen heißt, das wäre deutlich schwieriger zu schreien. Mehr als 10.000 Fans sind gekommen, um ihren Dieter zu sehen. Und er gibt ihnen, was sie mögen.

Millionen Platten hat er mit Modern Talking verkauft, mit Blue System, hat Dutzende Hits für andere geschrieben und ist als gehässiger Juror von "Deutschland sucht den Superstar" dauerpräsent in den Medien. Jetzt federt er schon beim ersten Song unglaublich gut gelaunt den weit in den Zuschauerraum ragenden Steg hinab. Auf seiner schwarzen Lederjacke steht "Pop Titan", darunter ein weißes Hemd, schwarze enge Jeans, Zahnpastalächeln, gertenschlank. Und die Leute sind völlig aus dem Häuschen. Erwachsene Frauen über 50 mit Leuchtdingern im Haar, angesoffene, wild tanzende Paare, minderjährige Jungs in der ersten Reihe, alle sind textsicher, alle sind aufgeregt.

Support für das Stimmchen des Chefs

Um Dieeeeter herum eine vielköpfige Band aus gut gelaunten Typen, manches wird tatsächlich live gespielt, sogar teilweise live gesungen, was man daran merkt, dass Bohlen wirklich nicht jeden Ton trifft. Immer wieder linst er auf den Teleprompter, wo die Textzeilen runterlaufen. Immerhin singt er nicht gleich Vollplayback, das muss man ihm zugute halten. Immerhin steht neben ihm noch ein ganz in weiß gekleideter Back Up-Sänger, der mit seinen wilden Moves ordentlich Bewegung auf die Bühne bringt und das Stimmchen des Chefs wohl etwas stützen soll. Aber es hilft nichts: Bohlen kann nicht singen und behauptet das auch gar nicht von sich.

Für die bebende Atmosphäre in der Halle ist das auch egal. Trotzdem fragt man sich, was wohl los wäre, würde der verstoßene Thomas Anders statt Bohlen selbst singen. Bohlen hat gefühlt in seinem Leben genau einen Song geschrieben und den in 300 verschiedenen Varianten so derart zu Geld gemacht, dass es ein Irrsinn ist. Wer das nicht so genau weiß, dem erzählt Bohlen es gerne in seinen Ansagen noch mal: Hier goldene Schallplatten, da drei Millionen verkauft, da Nummer Eins gewesen, dort das erfolgreichste Album der Welt produziert, so geht das in einer Tour. Dieter Bohlen hat die maßlose Angeberei so derart zu seinem Konzept gemacht, dass es sogar dafür Applaus gibt.

Und tatsächlich weiß man nie so genau, ob er sich und sein Werk wirklich ständig an diesen Zahlen misst oder ob er eigentlich ein sehr selbstironischer Typ ist, der mit seinem Image spielt. Ansonsten erzählt er wahnsinnig viel Quatsch, zieht sich z.B. einen Arztkittel über und verschreibt den Leuten auf der Stelle Massagen, woraufhin die halbe Halle sich tatsächlich brav gegenseitig den Nacken massiert. Auch noch nicht erlebt.

Bohlen kann auch Schlager

Energiegeladen und mit echtem Spaß im Gesicht spielen sich Bohlen und Band durch die Hits der Jahrzehnte. "Geronimo's Cadillac", "Midnight Lady", "Mamacita" - alles Songs aus Bohlens Feder. Zwischendurch, bei den nicht ganz so bekannten Songs, wird es etwas zäh. Doch dann kommt der Schlagerteil, ja, er hat auch eine Menge Schlager geschrieben für andere -  und die Halle bebt wieder. Dann hängt die Band sich Akustikgitarren um, es soll besinnlicher werden. Drei Fans vor der Bühne stimmen aber zu den ersten Gitarrenklängen lauthals "An der Nordseeküste" an. Ernst gemeint? Ironisch? Schwer zu sagen. Einer der witzigsten Momente des Abends aber auf jeden Fall.

Dann das große Finale: "Cheri Cheri Lady", "Brother Loui". Diese ganzen Modern Talking-Songs, die alle gleich klingen, die jeder kennt, ob er will oder nicht. Die Halle versinkt in Glückseligkeit. Was für eine Bedeutung diese Songs haben, immer noch, für so viele. "Meeeega Abend gewesen", wird Bohlen nach dem Konzert bestimmt gesagt haben.

Beitrag von Hendrik Schröder

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ein wunderbarer Kommentar über einen Menschen, ob man ihn mag oder nicht, aber fast jeder kennt ihn und irgendwie gehört er bei ganz vielen mit dazu.
    Auch wir haben damals auf Partys Modern Talking und Blue Systems gehört, mitgesungen und ich schäme mich dafür nicht im geringsten. Spaß hat es gemacht.

  2. 3.

    Selbstironisch? Nein, der Mann glaubt wirklich der Grüßte zu sein. Das verlinkte Video ist auch so ein Schlag gegen das Ohr.
    Autotune (Soundeffekt) soweit die Hörnerven reichen. Ok, das verwenden heute sogar Rapper und die können definitiv nicht singen. Aber der GRÖMAZ ( größter Musikproduzent aller Zeiten ) sollte es besser wissen und sich Jemanden holen,
    der auch singen kann.
    Naja, wieder Geld gespart...

  3. 2.

    Viele Künstler können nicht singen, er steht dazu. Viele Künstler singen seine Lieder ob Bonnie Tyler oder Chris Norman, Engelbert, Carpendale, Berg, Drews, Marry Roos, Peter Alexander, Roger Whittaker, Roland Kaiser, Roy Black, Catterfeld... Sein Erfolg gibt ihm Recht, ob man ihn mag oder nicht. Er verkauft ein Gefühl, das scheinbar viele anspricht.
    Wenn jemand Leistung bringt, dann wäre er wohl der Letzte, der das nicht würdigt. Selbst bei Menderes.

  4. 1.

    Selbstironisch? Der???

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