Isolation Berlin während eines Konzertes im Astra Kulturhaus (Bild: imago images/Carsten Thesing)
Audio: Inforadio | 11.11.2019 | Hans Ackermann | Bild: imago images/Carsten Thesing

Konzertkritik | Isolation Berlin in der Zionskirche - Schwere Melancholie zwischen Kanzel und Altar

Die Zionskirche war Mitte der 80er-Jahre ein Rückzugsort der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Im Gedenken an das Mauerfall-Jubiläum trat am Sonntagabend die Band Isolation Berlin dort auf. Dabei konnte sie mit melancholischer Lyrik punkten. Von Bruno Dietel

Ein offener Schlagbaum am Eingang, die SED-Lobeshymne "Die Partei hat immer recht" tönt aus Lautsprechern und die Kirche wird mit einer Lichtprojektion beleuchtet – die Symbolik und Kulisse vor der Zionskirche wirkt schon etwas dick aufgetragen. Drinnen hingegen ist es andächtig ruhig, bis Isolation Berlin die Bühne betreten. Sänger Tobias Bamborschke trägt ein rotes Sakko und blaue Schiebermütze, seine Band kündigt er in knappen Worten als Musikgruppe an.

Schwermütige Songs im gewaltigen Kirchenschiff

Die Zionskirche ist brechend voll, die Menschen stehen bis zur Tür. Viele der Besucher sind vielleicht sonst selten in der Kirche. Auf der Bühne zwischen Altar und Kanzel stand 1987 schon Sven Regener mit Element of Crime – Isolation Berlin klingen wie ihre musikalischen Kinder. Sänger Tobias taumelt benommen in schwerer Melancholie auf der Bühne hin und her. Das gewaltige Kirchenschiff macht die schwermütigen Songs nochmal trüber, Isolation haben Lust auf Tristesse und Trübsal.

Die Band Isolation Berlin in der Berliner Zionskirche (Bild: rbb/Bruno Dietel)
Isolation Berlin während des Auftritts in der Zionskirche. | Bild: rbb/Bruno Dietel

Skinhead-Überfall und Bibliotheks-Durchsuchung

Die Zionskirche ist ein wichtiger Ort der DDR-Bürgerrechtsbewegung. 1986 wird der Pfarrhauskeller zur Umweltbibliothek und einzigen freien Druckerei der DDR, dort werden Flugblätter und Zeitschriften hergestellt. 1987 wird im Oktober ein Konzert der West-Berliner Band Element of Crime und der Ost-Berliner Band Die Firma (unter anderem mit dem späteren Rammstein-Gittaristen Paul Landers) von 30 rechtsextremen Skinheads überfallen, die anwesende Polizei und die Stasi greifen nicht ein. Ende November wird die Umweltbibliothek durchsucht und es kommt zu Festnahmen, das erste Mal überhaupt dringt die DDR in kirchliche Räume ein.

Beide Vorfälle sorgen in Westmedien für große Aufmerksamkeit und führen zu Mahnwachen und Protesten. Isolation Berlin wird wohl bewusst sein, welche historische Rolle die Zionskirche spielt - sie entscheiden sich dagegen, es zu thematisieren. Vollkommen verständlich, denn auch sonst machen sie keine großen Worte.

Klagegesänge mit Orgel

Isolation Berlin bringen Poesie in die Zionskirche. Ihr Sänger Tobias Bamborschke ist in Berlin-Reinickendorf aufgewachsen, lebt im Prenzlauer Berg, ist an der Stadt zerbrochen und versinkt in der Musik voller leidenschaftlicher Lustlosigkeit im grauen Großstadtmoloch. Das schlägt sich in lauten Ausbrüchen der Verzweiflung, aber auch in leisen Klagegesängen mit Gitarren- oder Orgelbegleitung wieder – die Orgel kommt allerdings aus den Boxen und schon lange nicht mehr von der Empore. Die Orgel der Zionskirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach nicht wieder aufgebaut.

Wenn die wunschlos Unglücklichen und Rastlosen – so beschreiben Isolation ihre eigene Generation – für eine gute Stunde in der Zionskirche Rast finden und nicht nur schweren, sondern auch so feinen ironische Textzeilen lauschen: "du findest mich am Flaschenautomat / da hole ich mir zurück, was mir gehört". Dann ist das vor allem eines: Wohltuend und sehr gemütlich.

Beitrag von Bruno Dietel

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