Pianist Ashley Henry spielt mit seinem Trio auf der Bühne im Badehaus. (rbb/Wilhelm Klotzek)
Bild: rbb/Wilhelm Klotzek

Konzertkritik | Ashley Henry im Badehaus - Die Finger in der Jazz-Steckdose

Der junge Pianist Ashley Henry gilt als eines der größten Jazztalente Englands. Nun ist er zum ersten Mal in Berlin zu Gast. Auf dem RAW-Gelände präsentiert er sein Debut-Album. Und spielt mit seinem Trio ein impulsives Konzert. Wilhelm Klotzek zuckt mit.  

Der 1991 geborene Pianist Ashley Henry mit jamaikanischen Wurzeln stammt aus dem Süden Londons. Nach dem Abschluss seiner musikalischen Ausbildung an der Royal Academy of Music im Jahr 2016 kooperierte er mit Jazzgrößen wie Jean Toussaint oder dem Spike Lee-Film-Komponisten Terence Blanchard. Spätestens seit seiner Teilnahme, als jüngster Musiker überhaupt, am Londoner International Piano Trio Festival zusammen mit Robert Glasper gilt er als Englands größtes Jazztalent. Im halb gefüllten Badehaus auf dem Raw-Gelände, einer eher kleinen Location mit charmant abgewetzten Dielen und einer kniehohen Bühne, ist Ashley Henry nun zum ersten Mal mit seinem eigenem Programm in Berlin zu Gast und stellt unter anderem sein Debut-Album vor.

Lässig in Latzhose

Als letzter kommt der über zwei Meter große Pianist nach seinen beiden Mitstreitern auf die kleine Bühne gestakst. Lässig in Latzhose fläzt er sich an sein, zu tief eingestellt wirkendes, Elektro-Piano und entlässt mit der Eigenkomposition "Sunrise" einen derart selbstbewussten dynamischen Schwall in die Menge, dass man erstmal fast seinen Mund nicht zu bekommt. Das Zusammenspiel zwischen Ashley Henry, dem Bassisten Fergus Ireland und dem Schlagzeuger Daniel Deej John ist dermaßen kraftvoll, dass es keine Chance gibt, sich den drei Musikern zu entziehen.

Immer wieder formt er kleine Melodieskulpturen

Ashley Henry berichtet in einer kurzen Begrüßungspause von seinem Erweckungserlebnis mit dem Song "The World is yours" von Nas aus dem Jahre 1994, um gleich darauf mit seinem Trio eine zehnminütige Instrumentalinterpretation hinterher zu feuern, die das große Talent des exzentrischen Pianisten offenlegt. Nach einem kurzen Anspiel der Leitakkorde des Songs zerpflückt er melodisch  und mit einem breiten Grinsen das Hauptthema und schreitet mit seinem Trio in eigene Richtungen - das Schlagzeug liefert einen ausufernden Breakbeat in dem der, nun mit geschlossenen Augen spielende, Pianist zu baden scheint. Immer wieder formt er kleine Melodieskulpturen mit seinen  Händen auf der Klaviatur, zerschlägt sie kurz darauf gegen den Beat, um am Ende mit seinem Trio in klaren Akkorden wieder zum Hauptthema zurück zu schreiten.

Herbie Hancock küsst Stevie Wonder

Genauso reich wie die kulturelle Vielfalt Londons sind auch seine Einflüsse, die Ashley Henry in seiner Musik dem Hörer verabreicht. In der mitreißenden Interpretation des Solánge-Hits "Cranes (In the Sky)" hat man das Gefühl, Herbie Hancock küsse Stevie Wonder: großartig breite Popakkorde treffen auf feingliedrige anspruchsvolle Melodieflüsse. Zuerst wollte die Plattenfirma den Song gar nicht auf das Album packen erzählt Ashley Henry in einer kurzen Pause. Doch als der Pianist ihnen empfahl, sich das Stück doch erstmal anzuhören, änderte das Label seine Meinung, stoppte die schon bereits laufende Produktion und "Cranes (in the Sky)" wurde Teil des Albums. Ashley Henry ist ein toller Geschichtenerzähler, das beweist er mehrmals an diesem Abend, verbal sowie kompositorisch.

Sichtlich gerührt vom Applaus

Die Hälfte des, durch die eloquente Spielweise des Trios, fast schon hypnotisierten Publikums nickt und zuckt mit ihren Oberkörpern im Stehen zum Beat. Ja, man hat das Gefühl, das Publikum hätte gemeinschaftlich die Finger in die "Jazz-Steckdose" gesteckt. Die kurz aufeinander wechselnden heftigen Breakbeats, des wunderbar eindringlich spielenden Schlagzeugers Daniel Deej John, verhindern ein gemütliches Mitschunkeln. Und deshalb gibt es nach dem letzten angekündigten Song auch so einen starken und lang anhaltenden Applaus des Publikums, mit dem die Musiker in diesem Rahmen gar nicht gerechnet haben. Sichtlich gerührt vom Beifall, kommt Ashley Henry nochmal mit seinen Musikern auf die Bühne und kredenzt den hungrigen Hörern noch eine letzte famose Komposition. Weshalb dieser außergewöhnliche Pianist als eines der größten Jazztalente Englands gilt, ist nach diesem Abend mehr als deutlich.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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