Dirigent Teodor Currentzis gilt als Genie. (Quelle: imago-images/Ernst Wukits)
Audio: Inforadio | 30.11.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago-images/Ernst Wukits

Konzertkritik | Teodor Currentzis in Berlin - Ein Verdi-Requiem aus der Tiefkühltruhe

Messias oder Scharlatan? Teodor Currentzis spaltet die Klassikszene mit seiner kompromisslosen Art Musik zu machen. Nun hat der Dirigent sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gegeben. Doch Jens Lehmann hat es nicht berührt.

Das Verdi-Requiem. Na klar. Drunter geht's ja nicht. Wann hat sich ein Debütant bei einem Weltklasse-Orchester wie den Berliner Philharmonikern jemals so ein Programm auswählen dürfen?

Aber gut: Teodor Currentzis ist ja auch kein normaler Dirigent. Gilt doch dieser in Athen geborene Weltbürger als Genie. Er selbst bezeichnet sich auch schon mal als "Retter der Klassikszene" - und bastelt im fernen Perm mit einem verschworenen Kreis von Musikern am Mythos vom "unerschrockenen Neuerer, der aus den russischen Wäldern kam".

Von dort bringt er zu Gastspielen auch seine eigenen Leute mit. Der Chor Music Aeterna folgt ihm eh überall hin. Genauso wie Sopranistin Zarina Abaeva, die an diesem Abend allerdings mit der Höhe kämpft. Bass Evgeny Stavinsky orgelt vor sich hin, Tenor Sergej Romanowsky hat den richtigen Schmelz.

Die vierte im Bunde sollte eigentlich Clémentine Margaine sein. Doch die Mezzosopranistin musste kurzfristig absagen. Ein Albtraum für den Perfektionisten Currentzis, der auch schon mal eine ganze Mozart-Einspielung mit Simone Kermes im Giftschrank versenkt hat, weil er mit Details nicht zufrieden war.

Currentzis Finger vor der Nase

So hat Annalisa Stroppa den unangenehmsten Job an diesem Abend. Denn sie hat die ganze Zeit Currentzis Finger vor der Nase. Der Dirigent will seine Vision von Verdis "schönster Oper", wie das Requiem so gerne genannt wird, genauso umsetzen - und würde der Sängerin wohl gerne jede einzelne Note vordirigieren, ach was vorsingen! Doch die bleibt erstaunlich ruhig - und wird so zu meiner heimlichen Heldin des Abends.

Es ist gar nicht so leicht, ruhig zu bleiben an diesem Abend. Der Saal ist knüppelvoll, im Foyer ist dieses besondere Knistern zu spüren: Das Publikum erwartet nichts weniger als eine Sternstunde -  und diese Spannung überträgt sich auch auf die Musiker. Ist das etwa Nervosität? Bei den Philharmonikern? Selbst das Verdi-Requiem haben sie doch schon so oft gespielt. Stimmt, aber das hier ist eben nicht die x-te Totenmesse von der Stange - sondern ein Konzert unter Teodor Currentzis, mit seinen extremen Tempovorstellungen, den irren Akzenten, den heftigen dynamischen Schwankungen.

Philharmoniker gehen ans Limit

Und ja: Die Philharmoniker müssen echt ackern. Vor allem in den dramatischen Passagen des "Dies Irae" spielen sie am Limit. Angefeuert vom Dirigenten, der wie immer ganz in Schwarz gewandet mit seinen langen Beinen in schwarzen Skinny Chinos und Lackschuhen über die Bühne fegt, mal hierhin, mal dorthin tanzt und auch jede Textzeile mitspricht, fast schon -geifert, um die Sängerinnen und Sänger noch mehr zu motivieren.

Sein Chor aus Perm kennt das schon - und überzeugt vor allem a capella. Manche Wörter werden geflüstert, manche gerufen, manche bekommen seltsame Betonungen, die Konsonanten knallen, die Rs rollen. Dann drehen aber die Philharmoniker richtig auf. Kein Wunder, wollen doch auch sie zeigen, was sie bei den intensiven Proben mit Currentzis gelernt haben. Immer wieder höre ich grandiose Übergänge, perfekt organisierte Klangmassen. Ein ungewöhnlicher Akzent, ein krasser Effekt jagt den nächsten. Doch das ist reine Überwältigung - dieses Requiem berührt mich einfach nicht.

Kalte Präzision

Die einzige, die mein Herz erreicht, ist ausgerechnet Einspringerin Stroppa. Sie hat die Wärme in der Stimme, bringt die Emotionen mit, die ich von einem Verdi-Requiem erwarte. Currentzis Deutung setzt dagegen eher auf kalte Präzision, auf Tiefkühltruhe, auf Angst und Schrecken in den apokalyptischen Visionen. Zuwendung? Erlösung? Fehlanzeige. Vielleicht hätte es dem alten Agnostiker Verdi ja so am besten gefallen.

Für Currentzis wird es trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ein Triumph. Als das letzte "Libera me" verklungen ist, zwingt er das Publikum fast schon kauernd zu langer Stille, bis eine ältere Dame hinter mir "Jetzt reicht's" flüstert. Es folgt ein wahrer Jubelsturm - am lautesten übrigens vom Chor selbst, der seinen musikalischen Messias feiert.

Sendung: Inforadio, 30.11.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Schade, dass Herr Lehmann seine Karte nicht jemandem gegeben hat, der dieses musikalische Großereignis zu schätzen weiß. Es war wunderschön! Es war überwältigend schön! Ich habe noch lange Zeit nach diesem Freitagabend die Musik in mir gehabt. Und wenn es möglich gewesen wäre hätte ich Samstag Abend gern noch mal zugehört.
    Welche Probleme mag Herr Lehmann wohl haben, dass er dieses Konzert nicht genießen konnte?
    Es war Weltsüpitze, rundum.

  2. 11.

    Sorry, gebe Ihnen voll Recht. Hab das Konzert nur in der Digital Concert Hall mitverfolgen können. Das hat mir aber gerreicht, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Solisten waren absolut nicht überzeugend, eher 2. Garnitur, mehr will ich dazu nicht sagen. Einspielung Barenboim mit Harteros, Garancia, Kaufmann und Pape ist auch eine Neuproduktion, da hauen einem aber die Stimmen um, besonders Garancia. Das geht unter die Haut!!!
    Weiß nicht, was das Publikum da fühlt. Der Hype, der um den neunen "Star" gemacht wird erscheint mir völlig überzogen.
    Der Chor ist nun auch nicht so überzeugend, leider keine Gänsehaut!!! BP handwerklich excellent, da kann man nicht meckern. Bin gespannt, ob der "Star" noch eine Chance bekommt, wenn man aber dem frenetischen Beifall des Publikums folgt, dann wird uns das wohl nicht erspart bleiben.
    Alles in allem bin ich froh, das ich nicht dagewesen bin.

  3. 10.

    Ich bin kein wirklicher Musikkenner, allenfalls eine „Seele“, die sich Empfindsamkeit bewahrt hat. Bestürzend zunächst, dass das Berliner Publikum vom Samstagabend den Introitus in die Messa eher verpasste, sich erst noch gründlich abhustete, zurechtrückte, Gegenstände fallenließ, hier und da den Smalltalk fortsetzte. Die Spannung fehlte, die Currentzis mit dem ersten fast unhörbaren Ton abverlangte. Möglicherweise war es vielleicht die letzte Zusammenarbeit von Currentzis und seinen Sängerinnen und Sängern mit den Berliner Philharmonikern, es sei denn, Kirill Petrenko gelingt ein Wandel. Die Philharmoniker sind zwar handwerklich exzellent, aber spätestens im hilflosen Rumstehen beim Schlussjubel entsteht der Eindruck eines verbeamteten Unterhaltungsorchesters; für musikalische Offenbarungen ist es nicht (mehr?) zuständig. Das passt aber dann doch wieder ganz gut zum Berliner Publikum, wie es sich zum Introitus der Messa erst bequem machen und abhusten musste.

  4. 9.

    Ein echt enttäuschender Artikel, der nur kaum versteckten Hass und subjektive Wahrnehmung (‚mich hat es nicht berührt‘) vermittelt.
    Interpretation hin oder her, es kann nur positiv sein, dass das neue Superstar neues wagt und den spiessigen Welt der alten weissen Herren aufwühlt, von dem der Autor offenbar ein grosser Fan ist.

  5. 8.

    Stimmt. Aber das ist die chronische Krankheit, der anscheinend alle Kritiker am Ende erliegen. Der Beruf bringt es mit sich, bedingt durch Dauerüberlastung einen chronischen Wunsch zu hegen, nämlich den nach freien Tagen, nach Abenden, an denen man nichts hören muss. Das psychische Immunsystem schaltet auf "mute", und man nimmt nichts mehr wahr. Folgerichtig schreibt Lehmann auch nicht, es sei schlecht gewesen, sondern es habe ihn nicht berührt.

    Das Schreiben kann man gleichwohl nicht abschalten, weil ein Schriftstück von ihm erwartet wird.
    Das wird dann auch geliefert, und es evoziert die Frage: Herr Lehmann, in welchem Konzert sind Sie gewesen?

  6. 7.

    Stimmt. Aber das ist die chronische Krankheit, der anscheinend alle Kritiker am Ende erliegen. Der Beruf bringt es mit sich, bedingt durch Dauerüberlastung einen chronischen Wunsch zu hegen, nämlich den nach freien Tagen, nach Abenden, an denen man nichts hören muss. Das psychische Immunsystem schaltet auf "mute", und man nimmt nichts mehr wahr. Folgerichtig schreibt Lehmann auch nicht, es sei schlecht gewesen, sondern es habe ihn nicht berührt.

    Das Schreiben kann man gleichwohl nicht abschalten, weil ein Schriftstück von ihm erwartet wird.
    Das wird dann auch geliefert, und es evoziert die Frage: Herr Lehmann, in welchem Konzert sind Sie gewesen?

  7. 6.

    Sorry, für mich war es die schlechteste Interpretation des Verdi-Requiems, die ich je gehört habe. Currentzis wird völlig überschätzt.

  8. 5.

    Ich möchte Ihnen zustimmen, war am Samstag im Konzert. Gehustet wurde nur in den Pausen zwischen den Sätzen, das habe ich selten so erlebt. Und der tosende Applaus am Ende, nach der von Currentzis "verordneten" Stille, gab ihm Recht. Eine ergreifende Interpretation des Requiem mit einem Orchester in Bestform, einem beseelten Chor und wunderbaren Solisten. Wahrhaft aufwühlend.

  9. 4.

    Danke! Ich pflichte Ihnen vol und ganz bei: es war hervorragend!!! Ein Erlebnis, eine wunderschöne Interpretation! Bravo Maestro Currentzis!

  10. 3.

    Dann haben Sie es nicht verstanden... wie schade! Ich war da und bin zwischen Himmel zu Hölle und zurück gereist. Zarinas Stimme war so ob Verdi hat die Partie für sie geschrieben. Ein zittern beim höhen C heisst längst nicht "Kampf mit der Höhe". Und ist es schlimm, wenn der Dirigent eine genaue Vorstellung hat, wie er das Stück interpretieren möchte? Oder sollen wir immer gleiche Interpretationen hören? Dann stellen Sie einfach ein Roboter vorne, und geniessen Sie die ruhe. Ein sehr subjektiver Beitrag von Ihnen.

  11. 2.

    Lieber Herr Lehmann,
    das kennt man alles schon. Natürlich hatte das frenetisch jubelnde Publikum unrecht. Wenigstens haben Sie nicht gesagt, es sei schlicht und einfach zu doof. Merkwürdig, dass man in/um Berlin (welches ich sehr liebe, ausgenommen manche Kritiker dort)selbst bei den Besten ihres Fachs immer zubeißt. Ich erinnere mich, wie eines dieser Kritikerwesen mal Trifonov nach seinem Konzert in der Philharmonie fettige Haare attestierte. Ihre nun wirklich nicht inspirierte Rezension erinnert mich an die Geisteshaltung und die Rückzugsgefechte der heutzutage sprichwörtlichen "alten weißen Männer". Nun, wenn Sie sich "retro" viel glücklicher fühlen, sei es Ihnen gegönnt. Bleiben Sie in Zukunft ruhig im trauten Heim, wenn sich die "jung gebliebenen" Konzerthörer an den derzeit aufregendsten und angesagtesten Dirigenten wie Currentzis und Petrenko erfreuen. Sie können sich dann ja in aller Ruhe Furtwängler, Karajan und Knappertsbusch reinziehen. Ist ja auch nicht schlecht!

  12. 1.

    Herr Lehmann,
    toll, schon in der ersten Zeile haben Sie sich diskreditiert. Dieser zigmal widerholte effekthascherische Gegensatz ist doch längst Geschichte. Der gesamte Text (Verriss) zeugt von Verachtung und Abwehr. Das Konzert ergriff nicht nur mich, sondern alle die ich dort getroffen habe. Nur Ignoranten wurden zur Stille gezwungen. Davon gab es es offensichtlich nicht viele. Alle anderen mussten nach diesem tiefgreifenden Erlebnis Ihre Gefühle sortieren. Tränen in den Augen. Hochnäsige, überflüssige, inkompetente Rezension.

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