Die britische elektro Jazzband Portico Quartet am 19.7.18 auf der Kultur Arena Jena. (Quelle: imago images/Christoph Worsch)
Bild: imago images/Christoph Worsch

Konzertkritik | Portico Quartet im Heimathafen - Versunken im Meer der Avantgarde

Das Portico Quartet schwimmt ganz oben mit auf der Welle des neu gedachtem britischen Jazz, der zurzeit in Clubs und Kaschemmen angeschwemmt wird. Im Heimathafen Neukölln hatte Wilhelm Klotzek Mühe, an der Oberfläche zu bleiben.

Portico Quartet ist vielleicht nicht der bekannteste Name in der aktuellen Generation von britischen Jazzbands, die Band gilt aber als eine der interessantesten. Einzigartig und verschroben spielen sie sich seit zwölf Jahren, Album um Album, in die Randgebiete des Jazz. Sie verlassen aber regelmäßig das Terrain und treiben in andere Richtungen - wie Fusion-Rock. Fest steht: Das Portico Quartet hat seinen eigenen Sound - nicht zuletzt durch das relativ neuartige Instrument Hang, das zusammen mit Saxofon und Kontrabass zum Markenzeichen der Londoner Jazz-Formation geworden ist.

Langgestreckte Dynamiken

In Berlin betreten Portico Quartet am Mittwochabend - zwei Stunden nach Einlass - die Bühne des brechend vollen Saals des Heimathafens Neukölln. Nach einem kurzen Intro spielen sie die ersten Takte von "Signals in the Dusk", das Publikum jubelt. Der Song ist die zweite Komposition des gerade erschienen Albums "Memory Streams".

Die ersten Töne des Songs werden mit dem Hang gespielt, einem Schlaginstrument, das dem karibischen Steelpan vom Klang her wohl am meisten ähnelt, aber erst Anfang der 2000er in der Schweiz entwickelt wurde. Aufgefangen wird die sich wiederholende Einleitung des Hang von einem langsam, aber stetig aufwärts treibendem Schlagzeug, begleitet von einem sich in die Länge gezogenen Saxofon-Spiel. So musiziert sich die vierköpfige Band langsam aufbäumend in die langgestreckten, von Synthesizern verhallten, Dynamiken des Songs hoch und wieder runter.

Nah an Ambient oder elektronischer Musik

Die Band hat sich definitiv vom Jazz entfernt und orientiert sich in ihren Kompositionen stark an Ambient und elektronischer Musik. Im Interview zum neuen Album spricht Jack Wyllie (Saxofon, Synthesizer) davon, dass es mehr um Raum und Texturen in ihren aktuellen Kompositionen geht, als um Jazz und Virtuosität.

Und so fühlt man sich während des Konzerts atmosphärisch eher an hiesige Elektroclubs erinnert, was durch die Bewegungen und Gestiken - angewinkelte Arme, eng am Körper anliegend, mit den Händen auf Schulterhöhe wackelnd - einiger Konzertbesucher noch untermalt wird.

Nach dem dritten Song fängt es aber an zu langweilen, wie sich die Musiker gegenseitig in ihrer Welt der Dynamiken langgestreckt hoch und runter pushen. Allzu beliebig und absehbar wirkt die immer wiederkehrende Ambient-Atmosphäre durch Synthesizer und Hall-unterlegte Loops während des Konzerts. Das Saxofonspiel erinnert phasenweise sogar an eine Walkuh auf LSD, die nicht mehr aufhören kann zu singen.

Ohne Überraschungen

Sicherlich ist es lobenswert, dass  das Portico Quartet seinen eigenen Weg beschreitet und versucht, mit jedem neuen Album, Grenzen für sich und sein kompositorisches Schaffen auszuloten. Doch der fast immer gleiche Auf-und Abbau von Dynamiken in den Kompositionen ist irgendwann ermüdend und eintönig. Man kann den absehbaren Höhepunkten der Songs nichts mehr abgewinnen. Wo es am Anfang des Konzerts noch leichte Endorphinschübe gab, als sich das Ensemble orgastisch steigerte, ist schon nach der Hälfte des Konzerts alles Pulver verschossen.

Es fehlt der Bruch, das Unangenehme, das einen herausfordert und sei es ein 20-minütiges Saxofonsolo, das sich anhört, als hätte Stefan Mross unter Wasser verkehrt herum in seine Trompete geblasen. Aber so präsentieren Portico Quartet in der guten Stunde einfach nur clever gespielten, pathetischen Ambient-Fusion-Sound, auf den sich offenbar viele Menschen einigen können.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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