Ensemble Quintibia © rbb/Thomas Ernst
Audio: rbbKultur | 25.11.2019 | Ulrike Jährling | Bild: rbb/Thomas Ernst

Konzertkritik | rbbKultur Klassik Slam - Mit der Blockflöte ins Rampenlicht

Sechs Hausmusik-Ensembles haben im Heimathafen Neukölln um die Gunst des Publikums musiziert. Die Jury sprach Empfehlungen aus, entscheidend aber war der Schlussapplaus. Das leiseste Ensemble bekam am Ende den lautesten. Von Ulrike Jährling

Jedes Ensemble hat sieben Minuten Auftrittszeit, erklärt Moderator Christian Schruff im ausverkauften Heimathafen Neukölln. Der erste Test ergibt: Das Publikum ist des lauten Klatschens mächtig. Sehr gut. Denn Klassik Slam ist wie Poetry Slam - nur mit Musik. Der Applaus wird am Ende entscheidend sein. Auf dem Sofa sitzen die Musikkritiker*innen Christine Lemke-Matway, Kai Luehrs-Kaiser und Andreas Goebel mit dem Mikrofon in der Hand bereit. Doch sie sind nur Berater, nicht Bewerter.

"Classic Woodbrass" machen den Auftakt. Ein Musikschul-Ensemble mit bunt gemischten Holzblasinstrumenten, von Querflöte über Klarinette bis Horn. So ganz will die Musik noch nicht über die Rampe, manches ist zu zaghaft für den großen Saal. Die Jury macht es pädagogisch korrekt und lobt erstmal. Tolle Stücke, tolle Mischung, sagt Kai Luehrs-Kaiser.

Oben Blech, unten Turnschuhe

Mit "Abo Brass" rollt dann die Hitmaschine los. Das Lied des Torero aus Carmen kommt gut an, auch der  Pilgerchor aus dem Tannhäuser. Das Styling der Combo ist fesch: Oben goldenes Blech, unten Turnschuhe. Nur die Posaunistin bläst im roten Kleid. Die Jury mag Outfit und Spielart. Selten war der Torero so leichtfüßig. Eine kleine Ermahnung gibt es: ein bisschen reisserisch sei die Stückauswahl schon!

Die nächste Musik verwandelt den Raum. Das Duo "Play on" bringt englische Lieder auf die Bühne. Durchaus zart, voller Gefühl. Viele im Saal fühlen sich persönlich angesprochen. Auch den Juroren geht das so. Ein besonderer Moment.

Noch ein Duo tritt auf. Jetzt gesellt sich das Cello zum Klavier. An Rachmaninows Cellosonate wagen sich eigentlich nur Profis, oder Menschen, die nicht wissen was sie tun. So sagt es Kritiker Andreas Goebel und meint es als Kompliment. Denn es ist wirklich beachtlich, was das Laien-Duo hier zeigt.

Maße wie ein Fotomodell

Vor jedem Auftritt plaudert Moderator Christian Schruff etwas mit dem Ensemble. Wie kam man zusammen? Gibt es eine besondere Geschichte? Und warum möchte man heute Abend gewinnen? Die Frontfrau des Blockflöten-Ensembles "Quintibea" antwortet eindeutig: Die Blockflöte gehöre endlich ins Rampenlicht. Sie sei kein Kinder-Instrument.

"Quintibea" sind zu fünft. Allerdings haben sie für ihren Auftritt zwölf verschiedene Blockflöten mitgebracht. Die größte ist die Subbass-Flöte mit über 1 Meter 80. Das ist Model-Maß! Die Jury ist baff. Was für tolle Klänge kommen hier auf die Bühne. Das sollen wirklich noch Flöten sein? Auch musikalisch sitzt einfach alles. Gelobt wird der Mut zu leisen Tönen. Nur die Lüftungsanlage im Saal ist etwas zu laut für die Flöten in den tiefen Lagen.

Die "Saxonoras" machen den Abschluss. Von Sopranino- bis Bass-Saxophon erklingt die ganze Palette des Blasinstruments. Die 14-köpfige Formation ist routiniert und auch schon preisgekrönt. Zum Gershwin-Hit "I got plenty of nothing" aus der Oper Porgy and Bess beginnt im Publikum manch einer mitzuschnipsen. Dennoch. Die Jury sieht Luft nach oben und Potential für mehr Show und mehr Frechheit. Nur Mut!

Klassik Slam im Heimathafen Neukölln am 24.11.2019 (Quelle: rbb/Ulrike Schlüter-Jährling)
| Bild: rbb/Ulrike Schlüter-Jährling

Alle knacken die 100-Dezibel-Marke

Soll man den Ohren trauen oder der Technik? rbbKultur geht auf Nummer sicher. Das digitale Dezibel-Messgerät wird auf die Bühne gerollt und die Jubelphase beginnt. Kein Ensemble geht ohne ausufernden Applaus nach Hause, alle knacken die Marke von 100 Dezibel. Das leiseste Ensemble bekommt am Ende den lautesten Applaus. Mit 110 Dezibel gewinnt das Blockflöten-Ensemble Quintibia. Als Preis winkt eine Studio-Aufnahme im Haus des Rundfunks. Die Blockflöte hat es ins Rampenlicht geschafft!

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