SEEED live 2019
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Audio: Inforadio | 07.11.2019 | Steen Lorenzen | Bild: imago images / Stefan M Prager

Konzertkritik | Seeed in der Max-Schmeling-Halle - Das Comeback der Berliner Party-Granaten

Sie sind die Dancehall-Caballeros Berlins und haben mit "Dickes B" eine Hymne für die Stadt geschrieben: Nun haben Seeed nach siebenjähriger Pause ein neues Album herausgebracht. Am Mittwoch feierten sie damit in der Hauptstadt ein fulminantes Comeback. Von Steen Lorenzen

"Bam Bam" heißt das neue Album von Seeed. Beim ausverkauften Konzert in der Max-Schmeling-Halle prangt der Titel am Mittwochabend in Neonröhren-Beleuchtung über der Bühne, eingerahmt von riesigen Boxen, deren Membrane zittern - im Takt mit dem durchdringenden Bass. Seeed sind bestimmt nicht als Leisetreter in den Tour-Zirkus zurückgekehrt.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe für nachdenklichere Töne: Im Mai 2018 starb Demba Nabé, einer der drei Sänger der Band, im Alter von nur 46 Jahren. Die Zukunft der Band stand in den Sternen. Doch Seeed halten dagegen. Gleich zu Beginn feiern sie das Leben mit ihrer Marching-Band-Version von "Wonderful Life" - und mit ihrem Mutmacher-Song "Aufstehn!" werden sie gut zwei Stunden später das Konzert zu einem krönenden Abschluss bringen.

Seeed sind Berlins beste Live-Band

Pierre Baigorry und Frank Dellé haben alle Gesangsparts übernommen, sie werden flankiert von einer herausragenden zwölfköpfigen Band, von der man eigentlich niemanden hervorheben möchte. Nur so viel: Die Bläser haben die Wucht einer gut geölten New-Orleans-Jazzband und kein noch so dünnes Blatt passt zwischen die Harmonieflächen der Backingsänger.

Berlin hat anno 2019 keine zweite Band, die live an das Level von Seeed heranreicht. Natürlich ist der Style, den sie begründet haben, in die Jahre gekommen - ihr Mix aus Dancehall, Hip Hop und Roots-Reggae, gepaart mit deutschen Texten. Aber sie spielen diesen Trademark-Sound auf höchstem Niveau. Es ist körperbetonte Musik, die groovt und schwitzt und schon beim zweiten Song, auch das Publikum in den Rängen aus den Sitzen reißt.

Körper verschieben – und die Halle auch!

Die Songs des neuen Albums werden nicht versteckt, doch das Feuerwerk des Abends beginnt mit den schon länger gelagerten Hits von Seeed, die die Band teilweise in sehr gelungenen neuen Versionen spielt. So verwandelt sich der Song "Ding" unmerklich in eine Elektro-Latin-Nummer, zu der gut zehn Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne kommen. Am Ende der mitreißenden Choreographie schieben alle Akteure auf der Bühne ihre Körper von rechts nach links und zurück. Und als auch noch die Fans diese Bewegung mitmachen, heben sie die Max-Schmeling Halle aus den Angeln. Jedenfalls fast…

Ein Licht und eine leerer Platz

Und dann gibt es doch noch den etwas nachdenklicheren Moment: Als Frank Dellé den Song "You & I" mit den Worten "Dieser Song ist für Dich, Demba" anmoderiert und ihn damit dem verstorbenen Freund und Sänger widmet. Sofort gehen die Handylichter im Publikum an und als Dembas Gesangspart dran ist, scheint nur ein einziges Spotlight und leuchtet einen leeren Platz aus.

Am Ende haben Seeed gefühlt hundert Mal den Namen ihrer Heimatstadt Berlin ins Mikrofon gesprochen, gesungen, gebrüllt. Denn nirgends versteht man ihre Texte besser als im "dicken B": Texte über Busse, die nicht kommen, Winter, die wehtun, über Menschen, die mit Hunden statt mit ihresgleichen reden, und in der Kälte sehen, wie die Nacht ihre Farbe wechselt - von schwarz zu blau.

Sendung: radio eins, 07.11.2019, 6.37 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

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1 Kommentar

  1. 1.

    Naja, die Liveshows von Rammstein (teils Berlin, teils MV) sind ja nun auch nicht zu verachten.

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