Matt Berninger, von The National, bei einem Konzert in der Columbiahalle am 26.11.2019 (Bild: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 27.11.2019 | Magdalene Bienert | Bild: imago images/Martin Müller

Konzertkritik | "The National" in der Columbiahalle - Gemeinsam schwitzen im Daunenparka

Die US-amerikanische Indie-Rockband "The National" spielte am Dienstag das erste ihrer zwei ausverkauften Berlin-Konzerte. Magdalena Bienert erlebte eine Band mit Biss, aber auch zu wenig Platz und zu viel Daune.

Ausverkauft reicht nicht. Ausverkauft, plus lange Gästeliste, plus eine Halle, die - ohne Übertreibung - fast aus den Nähten platzt: So sieht es am Dienstagabend beim Berliner Konzert von "The National" aus.

Nach wenigen Minuten ist es heiß und stickig im Innenraum, Pfeiler oder große Männer versperren die Sicht. Nur auf Zehenspitzen stehend ist über eine Leinwand zu sehen, wie die Musiker von Backstage nach vorne kommen. Ein gern gewählter Einstieg der Band.

Zwei zierliche Frauen, die ihre Köpfe unruhig hin- und herrecken murmeln: "Zu viele Männer hier…". Das stimmt: Der Männeranteil ist hoch - der Pärchenanteil aber auch. Und die Menge an Winterjacken erst Recht. Fast hat man das Gefühl, als würde mit jedem Daunenparka ein Ton mehr verschluckt werden. Wirklich schade, denn "The National" haben mit Mina Tindle und Kate Stables gleich zwei der Sängerinnen dabei, die auch bei ihrem achten Studioalbum "Am Easy To Find" mitwirkten und Matt Berningers Bariton wunderbar ergänzen. Live jedoch müssen sie eher gegen ihn ansingen.

Auftritt des Indierock-Zen-Meisters

Im oberen Teil der Columbiahalle ist es deutlich kühler, der Sound viel besser, ebenso die Sicht, dank der vielen Stufen und Tribünen. Die Band ist zu zehnt oder elft, das meist schummrige lilablaue oder rote Licht verschluckt viel. So von oben betrachtet ist es verdammt eng auf der Bühne mit den unzähligen Scheinwerfern am Rand, gleich zwei Schlagzeugen und einem Klavier. Schade, dass es fiese Rückkopplungen gibt, wenn der sehr umtriebige Matt Berninger zu nah an den Rand tritt.

Der Sänger lässt sich davon aber kaum aus der Ruhe bringen: Der fast zwei Meter große Schlacks ist der Zen-Meister des Indierock. Er geht in einer Bierruhe auf und ab, trinkt auch selbiges, oder er fixiert nach vorne gebeugt seine Fans, um dann kurzerhand zu ihnen hinunterzusteigen ... wird da gekuschelt? Dann schmeißt er aus dem Graben heraus sein Mikrofon auf die Bühne und verschwindet wieder. Ein herrlich skurriler Typ.

Exzessive Touren

"The National" sind echte Tourneetiere und nicht selten ein- bis eineinhalb Jahre unterwegs. 2017 spielten sie in Berlin auch schon zwei Konzerte hintereinander, aber im Tempodrom (auch damals monierten Besucher übrigens den Sound). Dabei hätten sie sicher schon mit ihrer letzten Platte "Sleep Well Beast" auch hierzulande größere Hallen füllen können. Fans und Kritiker lieben sie gleichermaßen und 2018 gab es den Grammy für das beste Alternative-Album.

Ein "Zeit-Online"-Feuilletonist schrieb: "'The National' sind eines der letzten Lebensgefühle, die es noch gibt in der Rockmusik." In Berlin grenzt das Gefühl allerdings schon fast an Platzangst. Berninger bedankt sich wohl nicht ohne Grund bei seinen Fans, dass sie auf so engem Raum alle so nett miteinander umgehen würden.

Fisch an der Angel

Matt Berninger hat hingegen keine Angst vor zuviel Nähe. Mal verschwindet er im Publikum und nimmt dabei einem Fan das Handy ab und filmt sich bei seinem Rundgang. Wie das Handy wieder seinen Besitzer findet? Mit einem Wurf von der Bühne in die Menge….

Ein anderes Mal quetscht sich Berninger mit seinem Mikro sogar bis zur Bar vor. Der Roadie, der dabei auf der Bühne das sehr lange Mikrofonkabel halten muss, zieht den Sänger, wie einen Fisch an der Angel immer wieder vorsichtig zurück auf die Bühne - nur damit der bald wieder hinabsteigen kann. Bloß keine Langeweile aufkommen lassen. Oder ist ihm die Bühne etwas zu klein?

"The National" wollen zu ihrem 20-jährigen Jubiläum noch viel. Das neue Album kommt nicht nur mit so vielen Gastmusikerinnen und -musikern daher, wie noch nie, sondern auch mit Streichern und einem 25-minütigen Kurzfilm. In zwei Tagen machen die Ex-New-Yorker in Berlin gut 7.000 Fans glücklich.

Da stellt sich im verschwitzten Raum die Frage, warum eine so gute und große Band - im wörtlichen wie im musikalischen Sinne - nicht in eine größere Halle gebucht wird. Einer, die ihrem opulenten Sound auch gerecht wird. Wieder eine Chance auf das perfekte Konzert verpasst - aber vielleicht ist das ja Konzept.

Beitrag von Magdalena Bienert

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2 Kommentare

  1. 2.

    Auf welchem Konzert war bitte die Kritikerin? Die Band , vor allem der Sänger, wirkte dieses Mal komplett uninspiriert, Matt hatte dieses Mal eine dünne Stimme und seine Ausflüge ins Publikum waren eher aufgesetzt und man hatte den Eindruck, er macht das so, weil er es halt bei jeder Show macht...Da lobe ich mir den Artikel des Tagesspiegels, der das auf den Punkt brachte.

  2. 1.

    Sehr schade. Hätte ich gern gehört. Aber doch nicht in der CH...:/

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