Thurston Moore (Quelle: dpa/Alberto Pezzali)
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Audio: Inforadio | 04.11.2019 | Steen Lorenzen | Bild: dpa/Alberto Pezzali

Konzertkritik | Thurston Moore im Festsaal Kreuzberg - Pas de Deux mit Gitarre

Thurston Moore, legendäre Figur des US-amerikanischen Independent Rock und Mitgründer von "Sonic Youth", ist inzwischen auch für seine Soundexperimente bekannt. Steen Lorenzen fand sein Konzert am Sonntag im Festsaal Kreuzberg erstaunlich spirituell.

Thurston Moore wird nicht singen - das ist die erste Erkenntnis des Abends. Jedenfalls steht vor seinem Auftritt am Sonntag im Festsaal Kreuzberg kein Mikrofon für den Gesang bereit. Heißt also: sich ganz auf das Gitarrenspiel des legendären Avantgarde- und Indierockers zu konzentrieren. Auch gut.

Thurston Moore singt nicht

Moore war Anfang der 1980er-Jahre Mitgründer der Band Sonic Youth, aktuell treibt er auf seinem neuesten Album "Spirit Counsel" Soundexperimente auf die Spitze. Mit der Nummer eins darauf - dem einstündigen Instrumentalstück "Alice Moki Jayne" - startet das Konzert.

Steve Shelley, Schlagzeugkollege aus Sonic-Youth-Zeiten, beugt sich über seine Becken und zischelt minutenlang zu den jetzt noch ganz überschaubaren Melodien. Thurston Moore und James Sedwards beginnen sich beide an zwölfsaitigen E-Gitarren zu wiegen, während Debbie Googe ihren Bass in der Mitte erdet. Die vier allesamt schwarz gekleideten Musiker bilden einen Kreis, den sie im Laufe des Konzertes nur selten auflösen werden.

Kollektiv auf Achterbahnfahrt

Das Intro klingt für einen Moment, als würde Pink Floyds "Shine On Your Crazy Diamond" gleich aus den Boxen schallen, doch daraus wird natürlich nichts. Denn nicht 70er-Jahre-Gitarren-Egomanie, sondern die Kraft des Kollektivs ist das alles Entscheidende der nun angebrochenen Seance, die sowohl in meditative, aber auch ganz brachiale Indierock-Sphären vordringt.

Seit Thurston Moores Ehe mit der Bassistin Kim Gordon - und damit 2011 auch die Band Sonic Youth - zerbrach, schlägt das Pendel bei Moore fast von Platte zu Platte in zwei gegensätzliche Richtungen aus: Auf Sonic-Youth-ähnliche Rockalben folgt meist Klangkunst aus dem Versuchslabor. Doch gerade "Alice Moki Jayne" - gewidmet den Künstlerinnen Alice Coltrane, Moki Cherry und Jayne Cortez - vereint die beiden Seiten. Wer sich auf den Fluss und die abrupten Wechsel dieser klangkosmischen Reise einlässt, ertappt sich irgendwann dabei, im Takt mit Thurston Moores Kopf zu nicken. Selbst die Distanzierteren im Publikum, die der Band ihre verschränkten Arme zeigen, beginnen zu wanken, wenn die Band aus einer Gitarrenkurve zu fliegen droht.

Ein dicker Klangteppich und ein Pas de Deux

Den Augenblicken, die nach Verzweiflung oder ohrenbetäubender Wut klingen, folgen dabei mindestens ebenso schöne gerade Strecken mit harmonischen Flächen. Auf diese Weise weben die vier Musiker zusammen einen dichten, wolligen Klangteppich und jahrzehntelange Experimente mit Verzerrungen, Rückkopplungen und Hallräumen ermöglichen es der Thurston-Moore-Group, sich darin souverän zu bewegen.

Genau das gibt vor allem dem Mastermind die Freiheit, abzuheben und einen überraschend spirituellen Eindruck zu hinterlassen. An einer Stelle scheint es sogar mit Thurston Moore durchzugehen, als er seine Gitarre erst über seinem Kopf, dann vor seinem Gesicht und schließlich weit ins Publikum hält, als wolle er sein Instrument gleich auf die Reise schicken. Doch dann reißt er das Instrument wieder an sich und nimmt es mit einer geradezu zärtlichen Geste in die Arme.

Kurz darauf ist der erste Instrumentaltrack des Konzertes zu Ende. Der zweite ("8 Spring Street" -  Moores Mentor Glenn Branca gewidmet) ist auch schon die halbstündige Zugabe, für die nur die beiden ehemaligen Sonic-Youth-Helden zurückkehren. Den Höhepunkt dieses Konzertes - den Zweischritt von Thurston Moore und seiner Gitarre, sein Pas de Deux - können sie allerdings nicht mehr überbieten.

Beitrag von Steen Lorenzen

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