Sänger Rio Reiser in einer Aufnahme aus den 1990er Jahren (Quelle: dpa / Hardy Schiffler)
Video: Abendschau | 28.11.2019 | Christian Titze | Bild: dpa / Hardy Schiffler

Heinrichplatz wird Rio-Reiser-Platz - Wie sich ein Bezirk vor dem "König von Deutschland" verneigt

Er starb vor 23 Jahren, der Berliner Musiker Rio Reiser, gerade mal mit 46. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ehrt den Ton Steine Scherben-Gründer im nächsten Jahr mit einem eigenen Platz - und weicht dafür sogar von einer eigens aufgestellten Regel ab.

Der Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg soll in Rio-Reiser-Platz umbenannt werden. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg am Mittwochabend mehrheitlich beschlossen. Für die Abstimmung galt kein Fraktionszwang. Letztlich stimmten nach einer lebhaften Debatte 27 Abgeordnete für die Umbenennung, acht stimmten dagegen, zwölf enthielten sich.

"Erinnerung im Sinne der Diversität"

Demnach soll die Umbenennung im Rahmen der Feierlichkeiten zu Reisers 70. Geburtstag - und zum 50. Jahrestag der Bandgründung von Ton Steine Scherben - im kommenden September erfolgen.

"Rio Reiser und Ton Steine Scherben haben Rockgeschichte und die Geschichte Kreuzbergs geprägt", erklärte das Bezirksamt am Donnerstag dazu. An den Musiker zu erinnern, sei im Sinne der Diversität. "Schwulsein war für ihn in den 70ern selbstverständlich, während es damals in weiten Teilen der Gesellschaft und auch in der linken Szene noch lange nicht als gängig galt."

Bezirk weicht von eigener Regel ab

Dass in Kreuzberg ein Platz nach Rio Reiser benannt werden soll, steht schon länger fest. Im Jahr 2017 machte sich zunächst die Linke-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung dafür stark. Den Linken schwebte allerdings eher ein Erinnerungsort an der Südseite des Mariannenplatzes vor. Anfang November konnten dann die Bürger bei einer öffentlichen Veranstaltung im "Aquarium" am Kottbusser Tor über den geeigneten Ort abstimmen: Von 72 anwesenden Personen hatten sich 38 für den Heinrichplatz ausgesprochen.

Mit der Umbenennung in Rio-Reiser-Platz weicht die Bezirksverordnetenversammlung von einer bestehenden Regel ab: Im Jahr 2005 hatte das Bezirksparlament beschlossen, bei Benennungen von Straßen, Wegen, Brücken in Friedrichshain-Kreuzberg ausschließlich Frauen als Namensgeber zu ehren. Befürworter des Rio-Reiser-Platz verweisen dagegen auf den "queeren" Hintergrund des homosexuellen Musikers. Außerdem habe es in den vergangenen Jahren wiederholt Ausnahmen gegeben wie bei Rudi Dutschke und Silvio Meier.

Im nächsten Jahr wäre Reiser 70 Jahre alt geworden

Der Heinrichplatz liegt an der Oranienstraße im Herzen des früheren "SO36", einer heute noch alternativ geprägten Ecke von Berlin. Der Rio-Reiser-Platz soll durch eine Gedenkinstallation oder ein Gedenkzeichen ergänzt werden.

Im kommenden Jahr wäre Reiser 70 Jahre alt geworden, die Gründung der Band Ton Steine Scherben liegt dann 50 Jahre zurück. Der Berliner Sänger, Liedtexter und Schauspieler wurde mit seiner Band in den 1970er Jahren deutschlandweit bekannt. Zu seinen größten Erfolgen als Solokünstler zählten die Songs "König von Deutschland" und "Junimond". In den 1980er Jahren wurde er zu einer Ikone der Westberliner Hausbesetzerszene. Sein Lied "Keine Macht für Niemand" wurde zu ihrer Hymne. Reiser starb 1996 im Alter von 46 Jahren. 

Sendung: Abendschau, 28.11.2019, 19:30 Uhr

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26 Kommentare

  1. 26.

    Wenn einer der unangenehmsten Seiten des Deutschen darin besteht, eine Regel bis zum allerletzten Endpunkt anzuwenden, dann ist die Benennung des Heinrichplatzes nach Rio Reiser schon allein aus diesem Grunde ein wunderbares Zeichen. Es passt und ist in der Tat eine "verhaltene" Ehrerbietung, mit der auch er hätte leben können.

  2. 23.

    Gut, dass Musik und Kunst immer noch Geschmackssache ist :-) ich mag dafür Andrea Berg nicht oder Helene Fischer. Auch bei Shirin David habe ich erhebliche Probleme mit Nahrungsresten. Oder mit den Stones oder KPop, die meiste Latino-Musik führt zum Umschalten des Radiosenders. Also jeder hat so sein Ding zu laufen, wo er wegschaltet. Die einen bei Rio, die anderen bei was anderem

    Ich mag Rio als Person, als zerbrechliches Wesen vor allem, als Gescheiterter in einer Welt, in der er weder quer noch längs reinpasste. Ich mag seine späten Werke, in denen er leise und wortgewandt seine Meinung offenbarte.

  3. 21.

    Das wäre uns ein bisschen zu viel Ruhm, eigentlich möchten wir möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen.

  4. 18.

    Als ich jünger war gefielen mir vor allem die etwas härteren TSS Songs, die aber "trotzdem" auch immer musikalisch anspruchsvoll waren und sämtlichen anderen "Deutschrock" locker in die Tasche steckten.

    Später dann habe ich die tollen (Solo-)Liebeslieder etc. lieben gelernt, die zwar immer etwas traurig, aber nie kitschig waren.

    Auch schön: https://youtu.be/5tSEmym_2Kw

  5. 17.

    Das freut mich sehr. Rio war ein Humanist, ein Menschenfreund, ein Idealist und Träumer. Er kämpfte immer für eine liebevollere, freundlichere Welt, eine Welt ohne Hass und Ausgrenzung. Das macht seine Texte immer noch so aktuell und zeitlos. Und seine Liebeslieder waren niemals kitschig, sondern echt und ehrlich. Bei Ton Steine Scherben hat er zusammen mit dem kongenialen Gitarristen Lanrue Klassiker geschaffen.
    Rio fehlt, aber er lebt in seiner Musik und in unserer Erinnerung weiter.

  6. 15.

    Ehre wem Ehre gebührt :-)
    Rio ist - omg - mir fehlten gerade die Worte. Als ich "jung" war, waren mir seine Band-Songs zu hart, dennoch hatte er recht. Später, als wir älter wurden, wurden wir alle sanfter/leiser, aber eindringlicher. Es ist so schade, dass er so früh starb. Seine eindringlichen Texte und seine "nölige" Stimme ist unvergessen :-)

  7. 14.

    Gegen Mythenbildung, gegen Heldentum. Wenn, dann Banalisierung. Wie wäre es mit Bachstelzenplatz?

  8. 12.

    100%ig nicht inseinem Sinne...

  9. 11.

    Herzlichen Glückwunsch! Schöne Ehrung. Immerhin Haltestelle des M29 und bald vielleicht der Straßenbahn, wenn das nicht auch verpennt wird. Schade, dass die aktuelle zugänglichere Umgestaltung des Platzes nicht auch für eine Erhöhung der Aufenthaltsqualität für Menschen genutzt wurde. In der Fläche wird er leider weiterhin von parkenden Autos dominiert, auch auf den aufgemalten Radwegen. Vielleicht auch irgendwie passend, da Rio Reiser ja selbst auch gerne Mofa und Auto gefahren ist ;) Siehe die schönen Bilder hier unter anderem mit Mofa auf dem zugemauerten Bethaniengelände: http://www.rioreiser.de/
    PS: Das Beteiligungsverfahren lief leider mal wieder typisch für Kreuzberg in einem kleinen Raum mit 72 Anwesenden. Im SO36 oder dem Bethanien wär das anders und für viele zugänglicher möglich gewesen ;)

  10. 10.

    Na wenigstens sind Sie ehrlich. Doch was haben Sie gegen uns „Schwestern“ eigentlich? Ob Rio sich darüber gefreut hätte, darüber kann man jetzt nur Spekulieren. Zumindest hätte er zu Lebzeiten solch einen Rummel um ihn strikt abgelehnt. Soviel ist schon mal sicher. Ganz anders als eine Rosa von Praunheim, die ja gerade jetzt im hohen Alter mit Auszeichnungen nur so zugeschüttet wird, als gäbe es nur sie.

  11. 9.

    Ich finde Rio Reiser damals wie auch immer noch heute als Ausnahmemusiker, der viel für die deutsche Musik getan hat. Rio war ein sehr, sehr guter Musiker und ein fantastischer Texter, an dem sich auch heute noch viele andere Musiker orientieren! Aber über Geschmack lässt sich natürlich streiten! Liebe Grüße!

  12. 8.

    Ich fand ihn damals wie heute immer noch nur Schlecht!

  13. 7.

    Was Rio Reiser wohl über diese ideologischen Betonköpfe, die "ausschließlich Frauen als Namensgeber [im Stadtbild] ehren" wollen, sagen würde? Diese sektiererische Genderpolitik ist mir, als Links-Liberaler, langsam nur noch peinlich und zeigt die Ideenlosigkeit eines linken Flügels Politik für "alle Menschen" zu machen.

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