Buchpremiere / Quelle: Generationen Stiftung
Bild: Generationen Stiftung

Kritik | Lesung: "Ihr habt keinen Plan" - Denn sie wissen nicht, was sie tun

Eine Lobby für die künftigen Generationen – so definiert sich die Generationen Stiftung. Dass sie sich in die Debatte um die Klimakrise einschaltet, war eine Frage der Zeit. Jetzt hat sie einen Plan für Politiker erstellt. Eine Buchpremiere, die die Welt retten soll. Von Laura Kingston

In einer unterirdischen Betonhalle versammeln sich etwa 450 Menschen. Sie sind gekommen, um sich um die Ohren hauen zu lassen, dass sie versagt haben. "Ihr habt keinen Plan" wird an diesem Montagabend vorgestellt und mit dem Buch das, worauf die Menschen schon lange gewartet haben: ein Plan. Kein geringer Plan als den für die "Rettung unserer Zukunft".

Acht Menschen zwischen 19 und 25, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Welt zu retten, sind nach "Fridays For Future" nichts Neues. Neu ist die Art und Weise. Sie tun es nicht mit Schildern und Blockaden, sondern mit einer konkreten Handlungsanweisung, recherchiert und mit wissenschaftlichen Quellen belegt. So elaboriert das im Vergleich zu einer bloßen Demonstration wirken mag, so schwierig bleibt es, sich das Gehör der Politiker zu verschaffen: Jeden Bundestagsabgeordneten, jeden Minister haben sie zur Buchpremiere eingeladen. Vergebens.

Das passt allerdings perfekt ins Narrativ des Abends: Die Jungen haben etwas Wichtiges zu sagen, die Alten hört ihnen nicht zu. Deswegen bleibt bei der allgemeinen Fragerunde zum Buch ein Stuhl auf der Bühne demonstrativ leer. Die Konfrontation bleibt aus. Der Effekt wirkt.

Schulterklopfen von den Erfahrenen

So werden nur solche älteren Menschen auf die Bühne gebeten, die der Generationen Stiftung und ihrem Anliegen wohlgesonnen sind: Joachim Schellnhuber, 69 Jahre alt, ehemaliger Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Maja Göpel, 43 und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung. Sie loben den Mut und den Tatendrang der Jungen; bauen eine Rampe für das, was kommt. Eine Art verbales Schulterklopfen für die Autorinnen und Autoren.

Ein Buch innerhalb von drei Monaten

Dafür, dass der Abend den Jungen gehören soll, erscheinen diese spät auf der Bühne. Und erstmal nur zwei von ihnen. Franziska Heinisch, 20 und Sarah Hadj-Ammal, 20. Zwei Studentinnen, die daran mitgewirkt haben, ein Buch innerhalb von drei Monaten zu schreiben. "Die sind so ehrgeizig", sagt die Gründerin der Generationen Stiftung, Claudia Langer, Jahrgang 1965. Als sie mit vor Stolz quietschender Stimme über die Leistung der Autorinnen und Autoren spricht, fühlt sich das ein bisschen wie bei der Zeugnisvergabe der besten Abiturienten eines Jahrgangs an. Die Streber des Jahrgangs werden besonders hervorgehoben.

Aber unsere Welt braucht Streber. Weg mit den Dummschwätzern, die ihre Hausaufgaben die meiste Zeit nicht erledigen und damit auch noch davon kommen. Denn in dem Fall geht es nicht um Schulnoten, sondern um die Zukunft der Welt. Wir brauchen Streber auf der Welt, wenn das, wonach sie streben, der Fortbestand der Menschheit ist.

Das wird spätestens dann deutlich, als das Making-Of der Lesung vorbei ist und alle acht Autorinnen und Autoren das Wort ergreifen. Das Licht wird gedimmt. Wie die apokalyptischen Reiter in doppelter Ausführung betreten die acht nach und nach die Bühne. Nicht, weil sie angsteinflößend aussehen; das, was sie sagen, ist es: Klimakatastrophe. Ökologischer Kollaps. Ressourcenraubbau. Grund dafür? Untätige Politiker und – wir seien zu leise und untätig gewesen.

Eine Bestandsaufnahme der jetzigen Situation, die die Zuschauer wie eine Reihe von Ohrfeigen trifft. Die sind so auf den Punkt gebracht, dass sie nachhallen. Sie sind so provokant formuliert wie der Buchtitel selbst. Im Publikum hört man jedes Räuspern – ansonsten Stille.

Der Plan: Die Erlösung

Nach fünf bis zehn Minuten gibt es dann endlich die Erlösung: den Plan. (Man mag von dem pathetischen Vortrag halten, was man will, der Dramaturgie des Vortrags – oder eher der Performance – ist nichts entgegen zu setzen.) Dass der Plan mit Forderungen zur Bekämpfung der Klimakrise beginnt, ist keine große Überraschung. Die zehn Forderungen umfassen Sozialpolitik, Bildungspolitik, die Eindämmung des kapitalistischen Systems – und vor allem mehr Rechte für junge Menschen. Es prasselt ein Kanon an Ideen von der Bühne. Jede stakkatoartig von einer Person aufgeführt. Manche utopischer als andere. Das geht über zehn Minuten so. Und der Beifall wird mit jeder Forderung lauter und ausgelassener – an manchen Stellen können die Autorinnen und Autoren nicht einmal ausreden. Es sind meist recht vage formulierte Vorschläge, selten wird es ganz konkret.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht die Aufgabe dieser jungen Menschen. Vielleicht ist es die Hoffnung, dass die Erde nicht ihrem Untergang geweiht ist. Das Wort "Plan" hat in dem Zusammenhang bisher allerdings noch niemand in den Mund genommen.

Und so endet der Abend in diesem kalten Betonbunker voller Hoffnung. Als hätten die 450 Menschen ein konspiratives Treffen hinter sich, nach dem sie gewappnet sind für die echte Welt da draußen, der es immer schlechter geht. Die Dramaturgie der Gastgeber endet fulminant – und mit tosendem Beifall.

Ob die Botschaften auch außerhalb des Betonkellers Gehör finden, wird sich zeigen. Der Jugendrat der Generationen Stiftung will jedem Bundespolitiker ein Exemplar ihres Plans schicken.

Beitrag von Laura Kingston

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