Break the Tango (Quelle: René Tanner)
Audio: Inforadio | 20.11.2019 | Lotte Glatt | Bild: René Tanner

Kritik | Bühnenshow: Break the Tango - Der Tango ist kaputt

Die Macher der Bühnenshow "Break the Tango" wollten dem traditionellen Tango auf der Bühne neuen Schwung geben. Dafür haben sie den Tänzerinnen und Tänzern Breakdancer gegenübergestellt. Ein Versuch, der nicht ganz geglückt ist. Von Lotte Glatt

Eigentlich hätte die Show "Break the Tango", die seit Dienstagabend im Berliner Admiralspalast zu sehen ist, alles zu bieten, um ein herausragendes Tanzspektakel auf die Bühne zu zaubern: Zum einen erstklassige Tänzerinnen und Tänzer, die mit ihren Beinen flink umherwirbeln, sich ineinander verhaken und nach eleganten Drehungen wieder voneinander lösen.

Ihnen gegenüber bewegen sich vier B-Boys, männliche Breakdancer aus allen Teilen der Welt. Sie fegen lässig über den Boden und heizen mit Saltos und Schrauben den Saal ein. "Are you guys ready for the Show?" Ob das Publikum bereit ist für die Show, fragt einer der Breakdancer. Die Zuschauer jubeln begeistert. Die Streetdancer wollen nicht nur das Publikum animieren, sie sollen auch die acht anderen Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne auffordern, mehr abzuliefern als traditionellen Tango.

 

Dazu soll auch die Band beitragen, die die Tänzer live auf der Bühne begleitet: Die Otros Aires sind eine spanisch-argentinische Musikgruppe, die unter anderem für ihren Elektrotango bekannt ist. Diese moderne Form der Tangomusik legt elektronische Beats unter klassische Tangorhythmen. Und das ist noch nicht alles. Die Band bekommt ebenfalls musikalische Unterstützung von einer Sängerin mit gewaltiger Stimme.

Break the Tango (Quelle: René Tanner)
Bild: René Tanner

Ein Experiment mit einigen Haken

Kurzum, die Show hat alle Zutaten, um zu zeigen, wie vielfältig der Tango als Musikform und Tanzstil sein kann.  Leider gelingt das nur in Teilen. Das liegt unter anderem daran, dass die knapp zweistündige Show keine Geschichte erzählt, sondern nur Tanz an Tanz reiht. Der Bandleader erzählt erst zur Hälfte der Show in wenigen Sätzen die Geschichte des Tangos, die Ende des 19. Jahrhunderts in Buenos Aires begann. Über die Jahrzehnte wandelten sich die Stilrichtungen von ruhig und melancholisch hin zu rhythmisch und belebend. Und die Entwicklung geht immer weiter. Nur auf der Bühne ist von ihr wenig zu spüren.

 

Keine Frage, die Tanzeinlagen sind atemberaubend. Die männlichen Tänzer werfen ihre Tanzpartnerinnen wild durch die Lüfte oder die Damen lassen sich im Spagat über das Parkett ziehen. Aber Tangotänzer auf der einen und Breakdancer auf der anderen Seite finden nicht zueinander. Sie tanzen zwar gemeinsam auf der Bühne, aber ihre Tanzformen gleichen sich kaum einander an und bleiben eher ein Nebeneinander. Sie bleiben weitgehend in ihren jeweiligen Rollen als Tangotänzer oder Streetdancer. Stattdessen präsentieren die Künstler weitere Tanzformen. Sie tanzen Ballett, zeigen akrobatische Kunststücke und zum Ende hin schwingt ein Tänzerpaar wie Tarzan und Jane an einem Seil durch die Lüfte. Sie zeigen, was sie alles beherrschen. Dadurch gerät allerdings der Fokus aus den Augen. Zur Erinnerung: Der lag auf Tango und Breakdance.

Die Frauen haben die Hosen an

Dass die Gruppen aufeinander zugehen wollen, erahnt man daran, dass die Tango-Frauen im Laufe des Abends ihre schwarzen Spitzenkleidchen gegen zerrissene Hotpants und Bomberjacken austauschen und sich somit dem Streetlook der Breakdancer annähern. Überhaupt haben die Frauen in der Show die Hosen an; und das, obwohl sie mit fünf zu acht in der Unterzahl sind. Während sie in einigen Szenen elegant über die Bühne tanzen, lungern die Männer im Hintergrund herum. Auch die akrobatischen Kunststücke sind größtenteils Frauensache und nach der Tarzan-und-Jane Einlage lässt sich der weibliche Teil erstmal gebührend vom Publikum feiern und schubst ihren Tanzpartner in den Hintergrund, um den Moment des Ruhms ganz für sich zu haben.

Liveband gerät in Vergessenheit

Bei all der Tanzerei im Hauptteil der Bühne, vergisst man als Zuschauer leicht, dass hinter den Tänzern eine Liveband spielt. Das ist eher vertane Liebesmüh. In der letzten halben Stunde tritt die Band dann mehr in den Vordergrund. Bei einigen Liedern verschwinden die Tänzer von der Bühne, die dann ganz den Musikern gehört. Allerdings spielen sie fast ausschließlich Popsongs von Adele, One Republic und Kesha. Das hat weder mit Tango noch mit Breakdance wirklich etwas zu tun, was die wenigsten im Publikum zu stören scheint.

Während ich irritiert darüber nachdenke, ob ich zuvor das falsche Programm gelesen habe, stehen alle anderen Zuschauer pfeifend und klatschend auf und bejubeln die Tänzer und Musiker. Auch wenn ich mir mehr versprochen habe, so scheint sich der Tango in dieser Form wohl noch lange auf der Bühne halten zu können.

 

Die Aufführung "Break the Tango" läuft noch bis einschließlich 24. November im Admiralspalast.

Sendung: Inforadio, 20.11.2019, 7:55 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Danke . Danke für diesen Text.

    Die herzlose Aneinanderreihung von harten Schritten ohne jeglichen Kontakt, getränkt von eitler Taktlosigkeit - haben uns tief im Herz getroffen.

    Der Titel trägt sich - hier wird dem Tango eine rote Nase aufgesetzt. Dann wird er in große braune Schuhe gesteckt, hochgeschmissen, noch in der Luft gebrochen und in Stücke gerissen.

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