Archivbild: Heinz Strunk bei einer Lesung auf dem A Summer's Tale Festival 2019 in der Lüneburger Heide. (Quelle: dpa/Rudi Keuntje)
Audio: Inforadio |14.11.2019 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Rudi Keuntje

Heinz Strunk in der Volksbühne - "Falten sind die Schützengräben der Seele"

Der Hamburger Buchautor und Entertainer Heinz Strunk hat ein neues Buch, ein weiteres Album und einen "softpornografischen Bauernkalender" herausgebracht. Die geballte Ladung Strunk kam in der Volksbühne am Mittwochabend ziemlich gut an. Von Magdalena Bienert

Heinz Strunk beginnt den Abend grußlos am Mikrofon und legt sofort los mit dem wummernden Titelsong seines aktuellen Albums: "Aufstand der dünnen Hipsterärmchen". Die Elektromusik kommt vom Band, den Saxophonopart spielt der Musiker live.

Danach befindet er schmunzelnd, während er sich an den Tisch zu seinen Notizen setzt: "Ein fulminanter Auftakt, wie ich nach kritischer Selbsteinschätzung selber feststellen muss. Ich habe mir aber auch besonders Mühe in der Vorbereitung gegeben, um Sie auf's Neue zu überraschen. Unter anderem habe ich das Saxophon revitalisiert, um Sie mit mundzarten und gaumenfrischen Tönen zu verwöhnen."

Dabei verfällt der Entertainer in seinen typischen norddeutschen Singsang und hat das ausverkaufte Haus sofort auf seiner Seite. Entweder man liebt Heinz Strunk und seinen Humor, oder eben überhaupt nicht. Aber dann geht man auch nicht zu seinen Shows.

Strunk-Dreierlei

Dieser Abend ist für Fans ein fantastisches Strunk-Dreierlei: Gleichzeitig zum Album stellt der Autor noch sein Buch "Nach Notat zu Bett" vor - seine Kolumnensammlung für das Satire-Magazin "Titanic". Vier Jahre schrieb der Satiriker hier unter dem Titel "Intimschatulle" öffentlich Tagebuch. In der Volksbühne rattert er chronologisch sein Jahr 2018 herunter und in der Art, wie er das tut, ist vom Publikum höchste Konzentration gefragt.

Bei  seinem norddeutschen Genuschle, was so charmant wie Markenzeichen ist, muss man wirklich höllisch aufpassen, keinen bissigen Gag, keine tiefsinnige Ergüsse oder schlicht geschmacklosen Nonsens zu verpassen.

Nicht nur Strunks notierte Beobachtungen aus etlichen TV-Sendungen - und davon gibt es reichlich - sorgen für Lacher: "Abends TV-Spezial von 'Raus aus den Schulden' gesehen. Deutschlands Schuldnerberater Numero Uno Peter Zwegert zu einem Klienten: Ratenzahlung bedeutet nicht, dass ich rate, wann Sie zahlen!."

Gleichzeitig beschreibt Strunk, wie er im Februar nackt vor dem Spiegel eine Bestandsaufnahme von sich macht, sein Haar nicht mehr "interessant grau-meliert" findet, sondern nur noch "schlohweiß", kurzum "Greisenhaare" und noch dazu "ein unangenehmes Dicker-Po-Gefühl, Falten sind die Schützengräben der Seele."

Intimschatulle geöffnet

Diese hervorragende Mischung sorgt für einen höchst unterhaltsamen, zweistündigen Abend. Zu seinen Tagebuch-, pardon, Intimschatullen-Einträgen habe Strunk Inspiration bei Schriftstellern, wie Kafka oder Thomas Mann gefunden, die oftmals kleinste Banalitäten festgehalten hätten.

Zwischendurch steht der 57-Jährige vom Tisch auf, um einen Song (mit Musik vom Band) zu performen und wieder zum Saxophon zu greifen. Mal geht's um Drohnen oder um Kaffee, immer schwingt zwischen Komik auch Wahrhaftigkeit mit: "Albernheit ist ein schönes Korrektiv, wenn man zu Schwermut neigt."

Das Album "Aufstand der dünnen Hipsterärmchen" kommentiert Heinz Strunk auf seiner Internetseite so [heinzstrunk.de]: "Im Unterschied zu den ganzen Hip-Hop-Affen kann ich einen Notenschlüssel von einer Sechzehnteltriole unterscheiden. Die gehörlosen Trottel sollen mal sehen, was eine Harke ist." Bäm.

"Fantasies 40 Plus" - ein softpornografischer Kalender

Obendrauf auf Album und Kolumnensammlung, packt der Fachmann für Assoziationsketten auch noch einen ironisch-pornografischen Wandkalender fürs kommende Jahr namens "Fantasies 40 Plus": der tätowierte Künstler in exaltierten Posen vor Waffen und Hängebauchschweinen. 'Nicht sein Ernst', denkt man, und dann: 'Gratulation'. Das Ganze ist so gut fotografiert und produziert, dass es eine ernsthafte Überlegung als Weihnachtsgeschenk sein könnte.

Vor kurzem erhielt der Humorist übrigens den Kasseler Literaturpreis 2020 für grotesken Humor. Strunks Prosa sei voller "Trostlosigkeit, Scheitern, Obsessionen und Abgründe". Und dieser weißhaarige Typ mit der großen Brille geht jetzt wirklich auf die 60 zu? Der Schauspieler, Musiker und Komiker Heinz Strunk scheint zwischen Studio Braun, Jürgen Dose, Fraktus und den Tiffanys, und wie seine gefeierten Projekte alle hießen, alterslos. Schon immer war er die begnadete Mischung aus traurigem Clown, coolem Dude und Kiezpoet - und immer wieder live eine Freude.

Übrigens: In einem Interview kündigte Strunk eine Fortsetzung der Geschichte rund um die fiktive Band "Fraktus" an. Nach dem Film 2012 sei nun eine Serie dazu beim Bezahlsender Sky geplant.

Sendung: Inforadio, 13.11.2019, 6.50 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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2 Kommentare

  1. 2.

    ich sage nur Fraktus bei Mord mit Aussicht, das war köstlich:-))))

  2. 1.

    Heinz Strunk ist einer der wenigen Künstler im Fernsehen, bei denen ich wirklich IMMER um- bzw. abschalte. Weder verstehe ich seinen Humor, noch mag ich seine Art des Vortrags (meist nuschelnd, scheinbar ablesend vom Teleprompter). Wahrscheinlich begreife ich einfach nur seine große Kunst nicht, damit kann ich leben. Sorry Heinz, Du bist nicht meins.

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