Katja Riemann während einer Buchvorstellung in Essen (Bild: dpa/Revierfoto)
Audio: Inforadio | 11.11.2019 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Revierfoto

Lesung | Katja Riemann in Berlin - Unheimliche Stille

"Das Märchen vom letzten Gedanken" heißt der preisgekrönte Roman über den Völkermord an den Armeniern. Bei den Jüdischen Kulturtagen hat Schauspielerin Katja Riemann aus dem Buch gelesen und zeichnete ein bedrohliches Bild des Genozids. Von Hans Ackermann

Die friedliche Klaviermusik zu Beginn der Lesung täuscht -  Edgar Hilsenraths "Märchen vom letzten Gedanken" ist ein böses Märchen. Doch wie sollte man auch anders als mit bitteren Worten vom Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 erzählen? "Es war einmal ein letzter Gedanke", heißt es im Roman, "der konnte in alle Richtungen der Zeit fliegen, auch in die Zukunft und auch in die Vergangenheit. Denn er war unsterblich."

Der Gedanke als Protagonist

Der Gedanke - die Erinnerung -  sitzt im Roman auf einem "Tor der Glückseligkeit". Dort haben türkische Gendarmen gerade drei Armenier gehenkt. Der Vater des Erzählers ist zum Glück nicht dabei, leidet aber wenige Meter weiter im Gefängnis unter der grausamen Folter.

Die Mutter kämpft bei einem Todesmarsch ums Überleben. Der Gedanke blickt auch auf diese qualvollen Bilder zurück: "Warum prügeln sie auf die Menschen ein, die sich doch sowieso nicht zur Wehr setzen? Und warum bleibt meine Mutter jetzt stehen, warum geht sie auf die Knie?".

Riemanns Interpretation bleibt unnachgiebig

Die kompromisslose Gestaltung des Textes durch Katja Riemann schafft im Theaterraum von der ersten Minute an eine fesselnde Stimmung. Das Publikum ist über 90 Minuten höchst konzentriert, kaum ein Hüsteln stört den Vortrag. Die Grausamkeiten, die im Text geschildert werden, lassen eine unheimliche Stille entstehen.

Der komplizierte, auf verschiedenen Ebenen erzählende Text, wird dabei mehrdimensional präsentiert: einige Passagen des Buches hat Katja Riemann zusammen mit Jasmin Tabatabai  aufwendig verfilmt, darunter auch einen zynischen Dialog über Bäume:

"Man sollte sie alle aufhängen, das ganze armenische Pack - So viele Galgen kann die Regierung doch gar nicht zimmern - Dann sollte man sie an den Bäumen aufhängen - Vergessen Sie nicht, dass große Teile der Türkei baum-armes Land sind."

Brücken zwischen Text und Realität

Später, zur Lesung einer Verhörszene in einem türkischen Gefängnis, platziert sich Katja Riemann vor einer Live-Kamera. Sie liest das Verhör mit verteilten Rollen, die Kamera zeigt ihr Gesicht auf einer Leinwand im Hintergrund, überlebensgroß und in harten Schwarzweiß-Kontrasten. Die filmische Gestaltung dieser Inquisition verhilft dem Text zu einer kaum noch erträglichen Realität.

"Sie leben auf beiden Seiten der türkisch-russischen Grenze. Und sie sind schlimmer als Ratten. Wo immer sie leben, unterwandern sie die Völker, höhlen sie aus, vernichten sie schließlich. Und alle sind sie miteinander verwandt" - diese Rede des kaiserlich-deutschen Offiziers entlarvt den ideologischen Zusammenhang zwischen dem Völkermord an den Armeniern und der Vernichtung der Juden. Die Ereignisse der Jahre 1915 und 1938 gehen auf die gleiche, rassistische Menschenverachtung zurück.

Musik als Vermittler

Großen Anteil am Gelingen diese besonderen literarisch-musikalischen Abends hat auch der französische Pianist Guillaume de Chassy. Mit Improvisationen über Themen von Kurt Weill setzt er die einzelnen Kapitel voneinander ab und untermalt immer wieder Textpassagen mit dem Flügel.

Im musikalischen Duo mit Katja Riemann, die hierfür zu einer kleinen afrikanischen Kalimba greift, entstehen schließlich einige höchst poetische Momente - ohne die man den schweren Stoff kaum verkraften könnte.

Beitrag von Hans Ackermann

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