Szene aus dem Theaterstück Harold und Maude mit den Schauspielern Rita Feldmeier und David Hörning (Quelle: Thomas M. Jauk)
Bild: Thomas M. Jauk

Theaterkritik | Harold und Maude im Hans-Otto-Theater in Potsdam - Wenn der junge Gruftie mit der alten Dame nicht mithalten kann

"Harold und Maude" heißt ein Kultfilm von 1971 über die Liebe eines 18-Jährigen zu einer 80-Jährigen. Im Hans-Otto-Theater spielt die Grand Dame der Potsdamer Bühne, Rita Feldmeier groß auf, stößt aber auf wenig Widerhall. Von Ute Büsing

Im karierten Kleid mit gelben Schnürstiefeln und gelbem Rucksack lässt sich Maude am Rande einer Beerdigung nieder und knackt Nüsse. Gleich wird sie vom Pater zurückgepfiffen. Lebenslustig und klug ist diese komische Alte, die immer wieder mit Autoritäten aneinander gerät, weil sie sich der gesellschaftlichen Konvention entzieht. Eine Paraderolle für Rita Feldmeier, die dieser umtriebigen Maude eine unwiderstehlich grundsympathische Note gibt.

Allein, sie findet am Hans-Otto-Theater keine Anspielstation auf Augenhöhe. Denn David Hörning bleibt als Harold in seiner ersten Hauptrolle zu stocksteif in seiner schwarzen Kampfmontur stecken, zu ungerührt, um mit Maude gemeinsam, wie es hier einmal dargestellt wird, die Himmelsleiter zu erklimmen. Die Feldmeier gurrt und lockt und ruft und singt und versucht so, den jungen Gruftie, der sich dramatischen spektakulären Selbstmordinszenierungen verschrieben hat, aus der Distanz und dem Weltschmerz und ins Leben zurückzuholen. Sie findet indes nur linkischen Widerhall für die Schönheit des Daseins.

Ungenutzte Steilvorlagen des Bühnendauerbrenners

Von "Harold und Maude" hat es im Laufe der Jahrzehnte schon etliche Bühnenbearbeitungen gegeben, zuletzt in Berlin am Schloßpark Theater eine bonbonbunte mit Johannes Hallervorden und Anita Kupsch. Schließlich steckt viel drin in dem Stoff von Colin Higgins, der nach dem Filmdrehbuch auch eben eine Theaterfassung und einen Roman ins Rennen schickte.

Was 1971 bei Erscheinen des Films als Tabu galt, ist heute immer noch anrüchig: die Beziehung einer alten Frau zu einem jungen Mann. Es geht um Sexualität im Alter, die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben und um die gesellschaftliche Akzeptanz ungleicher Paarbeziehungen. Schließlich bietet das Stück tolle Rollen für einen ganz jungen Schauspieler und eine alte Schauspielerin – auf deren Chemie im Spiel es allerdings ganz wesentlich ankommt. Aber diese Steilvorlagen kann Hausherrin Bettina Jahnke in ihrer knapp zweistündigen Inszenierung nicht nutzen.

 

Kein anrührender Zugriff auf den bunten Stoff

Die Regisseurin findet keinen besonderen, eigenen, zeitgenössischen, vor allem aber keinen anrührenden Zugriff auf den Stoff. Ihre Boulevardkomödie funktioniert nach einem einfachen Strickmuster. Auf der Drehbühne sind Haralds Upperclass-Welt und Maudes hippiebunte Rumpelkammer gegeneinander gestellt (Bühne und Kostüme: Matthias Müller).

Im klinisch weißen Salon führt Harolds Mama (Bettina Riebesel) als völlig überdrehte Nervensäge im Cocktail-Outfit das Regiment. Sie bietet einen Psychiater für den missratenen Sohn auf und arrangiert Dates mit drei ebenfalls reichlich überkandidelten Heiratsaspirantinnen. Die Verabredungen lässt Harold allesamt durch nekrophile Selbstzerstörungsaktionen platzen. Er präsentiert sich im feuerspeienden Sarg, hackt sich eine Hand ab und begeht Harakiri.

Bei der anarchischen Maude findet der störrische Junge dann gelebte Freiheit. Dort gibt es einen aus dem Zoo entführten Leguan, eine Vogelfüttermaschine und ein freizügiges Porträt von ihr. Maude verführt den Gruftie zu Champagner und einem Joint. Zu ihrem 80. Geburtstag gibt es Umarmungen.

Es muss nachjustiert werden

Als Sidekicks laufen noch zwei eindeutig kostümierte Polizisten und ein ebenso eindeutiger Pater auf (Guido Lambrecht in Slapstick-Manier). Aber die Vertreter von staatlicher und höherer Ordnung sind so grob überzeichnet, das kaum Komik aufkommt. Die Musikauswahl befremdet auch ein wenig. Um Lou Reeds "Perfect Day" herum lässt Bettina Jahnke einen Pop-Mix dudeln – im Film stammt die Musik von Cat Stevens.

Was außerdem als Erkenntnis bleibt? Eine formidable Maude ohne einen entsprechenden Harold kann nicht funktionieren. Da muss noch nachjustiert werden. Dennoch war der Premierenbeifall vor allem Rita Feldmeier gewiss.  

 

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