Ursli Pfister als Cindy und Toni Pfister als Bert © Fokke Hoekman (Quelle: TIPI/Presse)
Tipi/Fokke Hoekman
Audio: Inforadio | 08.11.2019 | Ute Büsing | Bild: Tipi/Fokke Hoekman

Kritik | Cindy & Bert im Tipi - Ein Abend im Herz-Schmerz-Wonnebad

Sie stehen exemplarisch für das Schlagergeschäft der 1970er Jahre: Cindy & Bert. Jetzt wird das Duo von Ursli und Toni Pfister im Berliner Tipi reanimiert. "So, als ob Du schwebtest" heißt ihr Programm. Ute Büsing schwebte bei der Uraufführung fast davon.

Sie lustwandeln auf einer riesigen glitzernden pinken Showtreppe: Cindy & Bert, gehüllt in bonbonbunte Roben, wie die Songs schwer imprägniert vom Zeitgeist der 70er. Fünf Sänger und Tänzer ziehen super choreografiert dieselben Retro-Register. Auf den Musikinseln zur Rechten und zur Linken prangt das ganz große Orchester von Johannes Roloff, der den alten Schlagern neue Big Band-Arrangements verpasst hat. So perfekt wie das Setting für die behauptete Samstagabend-Fernsehshow ist das gesamte drei Stunden pralle Programm: eine Meisterleistung von allen Beteiligten.

Neue Regionen liebevoller Kitsch-Aneignung

Schon als Mireille Mathieu und Peter Alexander vermochten Christoph Marti und Tobias Bonn alias Ursli und Toni Pfister zu glänzen. Doch mit dem erfolgreichen Schlagerduo Cindy & Bert stoßen sie jetzt in neue Regionen liebevoller Kitsch-Aneignung bei sachter ironischer Brechung und virtuoser Verkleidungskunst vor. Sie blättern lustvoll im Bilderbuch der alten Bundesrepublik mit ihrer Hauptstadt Bonn und den Wohlstandsbürger-Wallungen derer, die sich was ganz Dolles leisten konnten: Musikfreuden, große Zärtlichkeiten, schöne Ferien.

60 Kostüme und 20 Perücken

Mehr als 30 angejahrte Schlager haben die Pfisters in hinreißende Herz-Schmerz-Wonnebäder verpackt, die den Heutigen Beifallsstürme, Dauerapplaus und auch reichlich Schenkelklopfer entlocken. So ernst genommen wie das Liedgut wird auch die Werbung der 70er Jahre, vorgetragen vom singenden Fernsehballett, das manchmal wirkt wie aufgedrehte Barbies und Kens von der Stange. So wird etwa "Nuts hat's" zum Hit. Der Retro-Look feiert fröhliche Urständ:  60 Kostüme und 20 Perücken wechseln in Windeseile Körper und Köpfe, dass einem schon davon ganz schwindelig wird.

Honky Tonk aus den Partykellern der West-Republik

Auf dem Karussell  drehen sich auch die Schattenseiten des Showbiz mit: Cindy & Bert, die privat ein Paar waren, sehen sich genötigt, die baldige Trennung abzutun. Dabei lassen ihre Darsteller durchaus kleinere Unstimmigkeiten aufleuchten-  um dann doch wieder auf Super-Sause durch Dick und Dünn zu machen, am krachledernsten in Trachten beim Stadl-Medley. Da fallen sie sogar einmal kurz als Heino und Hannelore aus den Rollen. Echter Honky Tonk aus den tiefsten Partykellern der West-Republik, die sich dereinst im gleißenden Fernsehlicht spiegelten. Toll.

Sendung: Inforadio, 08.11.2019, 7.15 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wenn Sie das Duo Ursli und Toni Pfister näher kennen würden, wäre Ihnen längst aufgefallen, das beide hervorragende Komödianten sind und gerne auch mal Seitenhiebe verpassen Richtung „Spießigkeit“. Nicht nur bei uns Deutschen. Ich habe mir damals mit großem Vergnügen: Zum Weißen Rössel angesehen und mich gekringelt vor Lachen.

  2. 1.

    Haben wir so ein Schlager Spießertum auch der DDR zu verdanken? Ich denk da nur an Friedrichstadt-Palast und ein Kessel Buntes. Schrecklich genauso wie die ARD / ZDF Schlafersendungen, grusslig. Da kann nicht mal Halloween mithalten.

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