Im Rahmen der Wiender Festwochen stehen die Schauspieler stehen bei dem Stück «Hass-Triptychon» von Sybille Berg auf der Bühne (Bild: dpa/Judith Buss/Wiener Festwochen)
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Audio: Inforadio |18.11.2019 | Ute Büsing | Bild: dpa/Judith Buss/Wiener Festwochen

Theaterkritik | "Hass Triptychon" im Gorki-Theater - Therapeutischer Abgesang auf die kriselnde Mittelklasse

Sibylle Berg ist bekannt für "eispickelharte Gesellschaftskritik". Ihr Theaterstück "Hass-Triptychon - Wege aus der Krise - Eine Therapie in drei Flügeln" hat Ersan Mondtag im Gorki Theater inszeniert. Eine kompromisslose Interpretation, die jedoch ohne Ausweg verbleibt. Von Ute Büsing.

Total trostlos ist die Welt, in der sie leben. Sechs verwahrloste Mittelstands-Zombies hausen am Autobahnzubringer neben den Hochspannungsmasten. Ihre guten Jobs als irgendwie kreative Intelligenzler haben sie verloren und sie schlagen sich mit sinnfreien Aushilfstätigkeiten als Content-Zulieferer durch. Bindende Beziehungen haben sie nicht, aber Alkohol und andere Drogenprobleme. Das Kind kotzt vor die Tür und weiß nicht, ob es Männlein oder Weiblein ist, die Katze ist tot.

Rampengeiler Entertainer als Hassmaster

In Sibylle Bergs zynischer Farce treffen diese Verlorenen aus der Mitte unserer Gesellschaft auf ihren Meister und Messias: den "Hassmaster". Seine "Therapie in drei Flügeln"(Anamnese, Diagnose, Therapie)  führt sie über ihre aufgestaute Wut unweigerlich zu Selbstermächtigung und Erlösung in der Bewaffnung. Der große Showdown am Stückende ist ein einziger Amoklauf.

Benny Claessens (Schauspieler des Jahres 2018 in Deutschland, nominiert für den Nestroy Preis) inszeniert diesen "Hassmaster" genannten Therapeuten, der sich selbst auch gern als "Führer" tituliert, als völlig durchgeknallten rampengeilen Entertainer. Erst in weißer Arztkluft, später nur mit Slip und goldglänzendem Bodypainting. Mitleidlos gibt er seinen Probanden Kommandos und führt ihnen gnadenlos die Aussichtslosigkeit ihrer Lage vor. Immer wieder wird auch von ihnen selbst klargestellt, dass sie ein Nichts sind.

Verlorene aus der Mitte der Gesellschaft

In Ersan Mondtags gewohnt märchenhaft-grotesker Inszenierung tritt die Armee der Gescheiterten in Gestalt von Trollen mit übergroßen spitzen Ohren und hochtoupierten Kaurismäki-Frisuren auf. Obwohl auch von Dating-Apps und vom nicht mehr erregenden Internet oft die Rede ist, geht es in Stück und Inszenierung nicht wirklich erkennbar um Trolle im Netz und deren Hass-Botschaften. Das User-Dasein läuft eher auf einer Nebenspur mit. Bergs und Mondtags grotesk-comichaftes Altarbild des Lebens im Spätkapitalismus arbeitet sich viel mehr an real erlebten Verzichterfahrungen, Überforderungen und Verletzungen ab, die das Heer der Aussichtslosen geradewegs in die Psychokrise führen.

Da ist der alternde Homosexuelle, der seinen Kindergärtnerjob verloren hat und sich fern jeglicher Berührungen seine ausgestopfte Katze um den Hals schlingt und sie wiegt. Bruno Cathomas spielt diese rest-lebendigen Klienten des Hassmasters. Von Neonazis und/oder Geflüchteten an der Haltestelle würde er sich gerne mal überfallen lassen – um Berührung zu spüren. Der Bodybuilder in den besten Jahren schlägt sich als Content-Manager durch, während sich zuhause der Kühlschrank mit anderen Geräten zu Kommunikationsapparaturen verknüpft, die bei den Menschen nicht mehr funktionieren. Das geschlechtsunentschiedene Kind einer gestressten Mutter berichtet tonlos von Amok-Attacken. Doch alle diese auf die Spitze getriebenen Null-Nummern bleiben erkennbar Normalos.

Theaterregisseur Ersan Mondtag am Berliner Gorki Theater (Bild: dpa/Doris Spiekermann/Tagesspiegel)Der Theaterregisseur Ersan Mondtag am Gorki Theater.

Musicalhafter Furor

Mit den "Wutbürgern", wie sie sich dieser Tage zu Demos zusammenrotten, haben Bergs und Mondtags durchgeknallte Trolle nicht allzu viel gemein. Sie eint zwar ein fernes Besserwissen, dass es nämlich einmal besser war, aber sie projizieren ihr persönliches Scheitern nicht auf die Anderen oder Politiker. Das Fehlen des Kurzschlusses zu real existierenden Wutbürgern ist vielleicht eine kleine Konstruktionsschwäche in Sibylle Bergs von der Nestroy-Preis-Jury als "brillant formulierte Dystopie" gelobten Stücks. Wenn die modernen Geschundenen und Beleidigten ihre langweiligen Sonntage und die auch nicht mehr ertragreiche, streng reglementierte Arbeitswoche Revue passieren lassen, kommt beim Zuschauen Trauer auf. Auch ein bisschen so etwas wie Mitgefühl.

Die Düsternis und dauernswerte Trostlosigkeit des zweistündigen Abends wird durch die Musik von Beni Brachtel mit vielen gekonnt schief gelegten Songs unterlaufen. Der Musical-hafte Furor verschafft komische Erleichterung, die abgeschlafften Körper formen sich zu Choreografien. Die Schauspieler, zum Teil vom Wiener Volkstheater, zum anderen aus dem Gorki-Ensemble, strapazieren ihre Freak-Figuren zur Kenntlichkeit. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen.

Dass gelebter Hass allerdings die letzte Therapieform für eine erschöpfte Mitte ist, also den Aussortierten nur der Amoklauf bleibt, dieser defätistischen Diagnose von Frau Dr. Berg können wir nicht zustimmen.

Beitrag von Ute Büsing

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