ARCHIV - Ulrich Mühe 1989 am Alexanderplatz (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 05.11.2019 | Hans Ackermann | Bild: rbb

Kritik | Musiktheater in der Berliner Volksbühne - Die Revolution tanzt

Mit der "Revue einer verpassten Gelegenheit" hat die Berliner Volksbühne am Montag an die große Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz erinnert. Ein abwechslungsreicher, multimedialer "Kessel Buntes" mit prominenter Besetzung. Von Hans Ackermann

Eine richtige Revue muss mindestens zwei Stunden dauern, besser drei - was in der Volksbühne mühelos gelingt. So umfassend und abwechslungsreich ist dieser multimediale "Kessel Buntes" gefüllt, mit Musik und Texten, Videos und Toncollagen.

30 Jahre friedliche Revolution - in seinem "Videoschnipselvortrag" kommt Jürgen Kuttner zu dem Schluss, damals sei doch wohl alles ein bisschen zu brav abgelaufen. Auf dem Autodach eines echten Lada stehend, fasst er zusammen: "Es ist eine Revolution mit der Bahnsteigkarte, die vorher gelöst wurde. Eine Revolution, bei der peinlichst genau darauf geachtet wurde, dass keiner über den Rasen latscht."

Ulrich Mühes Appell - eindringlicher als damals

Wie "richtige" Revolutionsmusik zu klingen hat, kann man einige Revuenummern zuvor bei der "Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot" erleben. In Hanns Eislers Kampflied "Der Heimliche Aufmarsch" gibt der frühere Volksbühnen-Schauspieler Milan Peschel den grimmig-grölenden Revolutionssänger.

Peschel ist auch der Conferencier des Abends, seine Co-Moderatorin ist Marion Brasch. Die Autorin erinnert sich, dass sie am 4. November 1989 von der großen Demo auf dem Alexanderplatz schon vor dem Ende nach Hause gegangen ist - wer konnte ahnen, das wenige Tage später schon die Mauer einstürzt? Auch Ulrich Mühe nicht, einer der Redner auf dem Alexanderplatz, der dort "Artikel 27 der Verfassung der DDR" zitiert. Im historischen Einspielfilm wirkt sein Appell von der großen Leinwand herab eindringlicher als je zuvor: "Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern."

Demonstration 1989 aus den Theatern initiiert

Schauspieler und Regisseure, Bühnenbildner und Autoren - rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Ostberliner Theater hatten die Demonstration am 4. November initiiert. In den Werkstätten der Volksbühne wurde damals das Podium gezimmert, für den LKW-Anhänger, von dem herunter dann die mehr als 20 Redner zu mehreren hunderttausend Menschen gesprochen haben.

"Komm' mir nicht mit DDR, die EU braucht keine Mauer, denn sie hat das Mittelmeer" - von der alten DDR wollen die jungen Rapper von "Ostberlin Androgyn" nicht ganz so viel wissen. Sie singen und reimen lieber über die Gegenwart, über "Paranoia in der Straßenbahn" und die "Totalitäre Gesellschaft".

"Knorkator"-Auftritt zu kurz

Zum Glück ist dieser Abend wenig "ostalgisch". Der demokratische Sozialismus, den man im November '89 nun mal verpasst hat - vielleicht kommt er irgendwann ja noch. Zumindest könnte man so die Rede der jungen Philosophin Luise Meier interpretieren. Ihre umfangreichen Thesen zum Thema "Aktiviere dein Inneres Proletariat" hätte sie allerdings gern etwas straffen können.

Viel zu kurz fällt deshalb am Schluss des Abends der Auftritt der Berliner Rockband "Knorkator" aus. Die Band läutet am Ende eine Glocke für den zweiten Teil des Abends, spielt "Ring my Bell" von Anita Ward in einer schön lauten Metal-Version - der Saal steht, die Revolution tanzt.

Sendung: Inforadio, 05.11.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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