Gemälde von Ludwig van Beethofen (1819, von Joseph Karl Stieler) (Quelle: dpa/akg-images)
Audio: Inforadio | 13.12.2019 | Interview mit Christine Eichel | Bild: dpa/akg-images

Beethoven-Biografie von Berliner Autorin - Rebell, Sozialrevolutionär und Rockstar seiner Zeit

Beethoven ist als Künstler so populär wie als Privatperson weitgehend unbekannt. Die Berliner Autorin Christine Eichel hat jahrelang in Archiven geforscht. Dabei ist sie dem Menschen Beethoven sehr nahe gekommen. Von Maria Ossowski

Der Komponist der 5. und 9. Sinfonie ist als Künstler so populär wie nur wenige deutsche Komponisten. Doch Beethovens Privatleben blieb in vielen Facetten verborgen. Die Berliner Schriftstellerin, Sachbuchautorin und Musikwissenschaftlerin Christine Eichel hat vier Jahre in Archiven geforscht und Originaldokumente, Tagebücher und Konversationen, Briefe und Rezensionen studiert, um den Künstler vom Sockel zu holen – heraus aus der Idealisierung.

Eichel ersetzt das Monument durch den Menschen Beethoven, der ein Rebell war, ein Sozialrevolutionär und ein Rockstar seiner Zeit. Beethoven, ein tief unglückliches Kind, hat früh begonnen, zu fantasieren, heute nennen wir das Improvisieren. "Ohne Regeln, sehr impulsiv, starke Kontraste, donnernde Läufe und Akkorde, dann wieder ganz, ganz leise, zarte Passagen", erklärt die Berliner Autorin. Und dies ist auch zunehmend in seine Kompositionen eingeflossen. "Dieses Regellose, was ja auch zur Genieästhetik passte, die damals aufkam."

Bei Hofe gehörte Beethoven zum Gesinde

Beethoven litt an den Konventionen seiner Zeit, als Musiker bei Hofe zum Gesinde zu gehören. Sein Mäzen, Fürst Lichnowski, bat ihn einmal, für die Gäste des Adels in seinem Schloss zu spielen. Beethoven weigerte sich, der erzürnte Fürst begann ihn zu verprügeln. Beethoven floh in sein Zimmer, der Fürst brach die Tür auf, Beethoven hielt bereits ein Stuhlbein in der Hand, um zuzuschlagen, ein Gast warf sich dazwischen. Christine Eichel beschreibt diese Szene so lebendig, als sei sie dabei gewesen. Nichts davon ist erfunden.

Die Autorin hat ungefähr fünf Augenzeugenberichte in den alten Quellen gefunden, und dabei wie ein Profiler diese Geschichte zusammengesetzt. "Das eigentlich Interessante daran ist: Beethoven ist im Herzen längst Citoyen, ein Bürger, aber er fühlt sich wie ein Leibeigener behandelt", so Eichel. "Das ist natürlich eine ambivalente Rolle, denn er verurteilte den Adel." Beethoven habe Lichnowski hinterher geschrieben: "Was Sie sind, Fürst, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch meine eigene Leistung. Fürsten wird es noch Tausende geben, einen Beethoven gibt es nur einmal."

Hart erarbeitetes Selbstvertrauen

Beethovens Selbstvertrauen war hart erarbeitet. Seine Mutter überließ ihn komplett den Mägden, die das Kleinkind einfach auf die Straße setzten. Sein Vater, der in ständiger Geldnot war, setzte dagegen Hoffnungen in ihn.  "Auch um seine eigene Zukunft zu sichern, auch finanziell, hat er seinen ältesten Sohn, Ludwig, gedrillt.

Er wollte ihn zum Wunderkind dressieren. Deshalb musste Ludwig schon mit vier Jahren auf einem kleinen Schemel stehen und Klavier spielen", berichtet Christine Eichel. Ein Feuilletonist hatte im "Kölner Anzeiger" geschrieben, dass der kleine Beethoven am Klavier spielte und weinte. "Das war also auch den Zeitgenossen Erwähnungen wert, dass dieses Kind schwer misshandelt und ausgebeutet wurde."

Beethoven war ein unbehauster Mensch: Er ist 70 Mal umgezogen. Sein äußeres Erscheinungsbild war ihm vollkommen egal. "Der Komponist Czerny war ein Schüler Beethovens. Als er seinen Lehrer zum ersten Mal sah, dachte er, Robinson Crusoe vor sich zu sehen", erzählt Christine Eichel. Beethoven trug den Erzählungen nach einen zotteligen grauen Mantel, das Haar war zerzaust, mit wirrem Blick in einer völlig verwahrlosten Wohnung. Der ungeleerte Nachttopf stand noch unter dem Flügel, überall waren Essensreste verteilt. "Man kann sich das nicht schmutzig und verwahrlost genug vorstellen, sowohl was Beethovens Äußeres anbelangt als auch seine Wohnung."

Fundierte Kenntnisse und eine fulminante Lust am Erzählen

Derart vernachlässigt, hatte der Komponist in der Liebe keine Chance. Beethoven liebte immer seine Schülerinnen aus dem Adel und wurde deshalb regelmäßig rausgeworfen. Christine Eichels Biografie ist ein Meisterwerk, weil die Autorin ihre fundierten Kenntnisse als Musikwissenschaftlerin kombiniert mit einer fulminanten Lust am Erzählen. Sprachlich hinreißend, historisch spannend und bei aller Faktendichte dennoch höchst unterhaltsam ist "Der empfindsame Titan" ein gelungener literarischer Auftakt des Beethoven-Jahres.

Sendung: Inforadio, 13.12.2019, 17:10 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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