Berghain Techno-Club mit Warteschlange, Berlin (Quelle: dpa/ Woodhouse)
Bild: dpa/ Woodhouse

Anekdoten aus 15 Jahren Berghain - "Mit Jeans und T-Shirt waren wir am dicksten bekleidet"

Der berühmteste Techno-Klub der Welt feiert am Mittwoch 15. Geburtstag. Längst ist das Berliner Berghain von einer Bastion des Nonkonformismus zur Lonely-Planet-Touristenattraktion geworden. Erinnerungen von Menschen, die drinnen getanzt haben.

Am 18. Dezember 2004 öffnete das Berghain in Berlin-Friedrichshain erstmals seine Türen. Jetzt wird der Techno-Club 15 Jahre alt. Gerüchte über das wilde Treiben im Club gibt es inzwischen viele - die angeblich "härteste Tür der Welt" und striktes Foto- und Video-Verbot im Berghain aber sorgen dafür, dass wenig nach außen dringt. Die perfekte PR - denn umso mehr wird von den Draußengebliebenen über das geraunt, was wohl drinnen passiert. 

Zum Jubiläum hat rbb|24 Besucher gebeten, ihre Erlebnisse zu schildern.

Eric

Das Fotoverbot im Berghain ist ja bekannt. Ich war dort 2015 auf einem Konzert der Band "Battles". Circa 70 Meter von der Bühne entfernt hab ich dann ein Foto gemacht und das getwittert. Das Berghain habe ich brav getaggt. Am Abend kam dann die Bitte, das Foto zu löschen, was ich folgendermaßen abgelehnt habe: "Leider kann ich aus Überzeugung keine Tweets löschen, respektierte aber doch Euren Wunsch, das Handy in der Tasche zu lassen."

Am nächsten Morgen fingen die dann wieder an, ich soll das Foto löschen. Wir haben uns dann über mehrere Tweets gestritten. Meine Argumentationslinie war, dass ich ihren Marketing-Quatsch nicht mitmache und mich auf die Freiheit der Berichterstattung berufe. Gleichzeitig habe ich gesagt, dass ich die Privatsphäre von Clubgästen natürlich immer respektieren würde, die seien aber bei einem Bandfoto aus 70 Metern Entfernung nicht tangiert worden.

Zwischenzeitlich wurde das Thema in mehreren Electro-Foren, zum Beispiel "Resident Advisor", diskutiert. Am Ende hat mir das Berghain ein virtuelles Hausverbot erteilt, mit den Worten: "Leider können wir aus Überzeugung keine Ausnahmen machen und bitten dich daher, in Zukunft bitte nicht mehr zu uns zu kommen." Das habe ich natürlich unter diesen Umständen gerne akzeptiert.

Später wurde ich noch lange von Leuten darauf angesprochen. Ihre Meinungen dazu gingen auseinander. Die Tweets dazu hat das Berghain übrigens leider gelöscht. Das Konzert war es trotzdem wert.

Mirko*

Eines Sonntagnachmittags bin ich mit meiner Frau im Auto zum Berghain gefahren. Es war tiefster Winter, arschkalt und fast schon dunkel. Wir waren vorher noch nie drin und kannten die Schlange nur vom Sehen. An diesem Nachmittag sah sie aus wie immer: Also geschätzt zwei Stunden. Der Plan war eigentlich, nüchtern zu bleiben. Aber es gab dann mobile Glühweinstände und so wurde die Angelegenheit immer lustiger. Als wir uns dann immer weiter dem Eingang näherten, versuchten sich ein paar Typen Anfang 20 von links reinzudrängeln. Meine Frau hat sich mit spanischen Touristinnen verschwestert, um die Vordrängler abzuwehren. Zitat: "Wenn ich nicht reinkomme, habe ich wenigstens eine gute Tat vollbracht."

Wir kamen dann doch rein. Leider zwang uns der Winter zu einem Zwiebeloutfit: Lange Unterhose, Skiunterhose, Jeans und ich weiß nicht mehr was noch. Erster Blick rein: 80 Prozent der Leute nackt. Wir fühlten uns also etwas overdressed. An der Garderobe sagte meine Frau: "Wir können doch nicht fünf Lagen Klamotten abgeben." Da sagte die Garderobenfrau: "Doch geht. Gebt mir alles, was Ihr habt." Mit Jeans und T-Shirt waren wir immer noch am dicksten bekleidet. Wir waren dann zwei Stunden drin, war ganz okay. Aber dann sind wir lieber zu unserem Stammgriechen essen gefahren.

Toni*

Wir waren mit einem japanischen Freund im Berghain. Es war das erste Mal für ihn. Als er zur Toilette musste, habe ich ihn begleitet und im Vorraum gewartet. Als er zurückkam, wirkte er sichtlich verstört. Ich fragte ihn, was los sei. Er sagte, jemand habe ihn aufgefordert, ihm in den Mund zu pinkeln. Ich fragte meinen Freund, ob er diesem Wunsch nachgekommen sei. Er nickte unglücklich und fragte, was er denn hätte tun sollen. Seine japanische Höflichkeit hatte es ihm nicht erlaubt, Nein zu sagen. Wir haben seinen Schock mit 'nem Pfeffi weg gespült und er sagte später, es war die beste Feiernacht seines Lebens. Und wenn der Typ auf dem Klo nun happy sei, so wäre er es auch.

Und noch etwas Generationenübergreifendes: Ich habe an der Bar gewartet. Ein Typ neben mir sprach mich an, ob er mir einen ausgeben darf. Wir kamen ins Gespräch. Er war 55 und mit seiner Tochter, Anfang 30, da. Ich war damals Mitte 20 und fand wunderbar, wie hier alle Generationen zusammen feiern. Seither habe ich ihn gelegentlich dort getroffen. Beim letzten Mal hat er mich dann zu seinem 60. Geburtstag eingeladen. Gefeiert wurde im Berghain. Hingehen konnte ich nicht. Ich war gerade Mutter geworden und hatte zum ersten Mal wieder Ausgang. Gefeiert wird heute weniger, aber ab und zu klappt es noch und eigentlich immer trifft man alte Feierfreunde. In den besten Momenten ist die Stimmung im Berghain geradezu ekstatisch. Wirklich alle tanzen dann. Völliger Ausnahmezustand und Glückseligkeit.

Magnus*

Ich bin früher regelmäßig ins Berghain gegangen. Aber ich muss zugeben - Asche über mein Haupt -, dass ich es dort immer sehr, sehr, sehr langweilig fand. Das ist aber möglicherweise dem Umstand geschuldet, dass ich persönlich mit Techno so überhaupt gar nichts anfangen kann. Ich bin musikalisch, nun ja, eher in den 80er Jahren verhaftet.

Bei einer Party in einem Nebenraum des Berghain hab ich dann mal aufgelegt, vor knapp zehn Jahren. Die hatten jemanden gesucht, der Achtziger spielt. Also habe ich das gemacht. Es war sehr lustig, denn ich habe dafür gesorgt, dass im Berghain Jennifer Rush lief. Die Leute haben es gefeiert. Besser wurde es danach eigentlich nicht mehr. Über die Party lache ich heute noch.

Melanie*

Es war Samstagmorgen und wir stolperten betrunken aus einem Club raus. Wir wollten uns mit unseren letzten Resten Klimper-Kleingeld den Rest geben - also ab zum Berghain. In der Schlange stand niemand. Nada. Niente. Wir liefen also diese typischen Metallabsperrungen kurz vorm Türsteher entlang, schön in Schlangenlinie. Die Türsteher sahen uns natürlich schon von Weitem. Unterhaltung: "Na, wo wollta hin?" - "Na ins Berghain." - "Das wird heute leider nichts". Wir zogen genervt ab. Auf halber Strecke meinte mein besoffener Begleiter: "Das ist ein Test. Die wollen uns testen, wir müssen uns jetzt nochmal anstellen". Ich: "Hä? Was? Na ok." Wir liefen also nochmal den ganzen Weg zurück. Wieder Schlangenlinie, wieder die Absperrungen lang, die ganze Zeit im Visier des Türstehers. Als wir vor ihm standen, sagte er: "Viel Spaß noch!" und winkte uns rein.

Mit derselben Masche hab ich es danach auch mal beim Sisyphos [Techno-Club in Rummelsburg, Anm.d.Red.] probiert und wurde zwei Mal abgewiesen. Der Türsteher wurde richtig wütend, weil er dachte, dass ich ihn verarschen will. Aber der hat die Logik einfach nicht verstanden. Völlig unqualifiziert.

* Diese Personen wollten nur mit Vornamen genannt werden.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Also ich finde es im Avarus oder in der Tempeloase viel lustiger... Da ist auch die Musik nicht so aufdringlich und die haben ein Buffet. Mir fehlt im Berghain auch Schwimmbad und Sauna.

  2. 1.

    Ich finde diesen Satz so toll: "Wirklich alle tanzen dann. Völliger Ausnahmezustand und Glückseligkeit." Deswegen gehste da hin, um da für Stunden des Lebens ganz unabhängig von jeglicher anderer Kacke sowas wie Glückseligkeit zu empfinden. Wenn Dein Club das schafft, Respekt! Weiter so!

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